Nassauische
Allgemeine Zeitung.
«M 2L3 Donnerstag den Lâ Dezember 18L8.
—.--u-uuMu^ff^^ MM\\ —im ll^^M^■■■n■■^■mMnB■aGngaam■M^■■■B■^■■B»^■^■■■■■■■■^■■■■■■■B^■■■^■M^■■■■■■■^■■■^M■■■^ । ■■ i in 11
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 18 fl., für den Umfang des Herzvgthums Nassau, des Grvßherjvgtbums und Kursürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt 18 fl. 30fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. — Jusera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die englische Presse über die Flucht des Pabstes.
Deutschland. Vom Rhein (Der Märzverein) — Frankfurt (Reichstag) — Mannheim (Das Papiergeld und die Staatspapiere.) — Wien (Neue Einrichtung. Nachrichten aus Ungarn.)
Großbritannien. (Die soziale Revolution in Irland. Gräßliches Unglück auf einem Dampfschiffe).
Galizien. Lemberg (Die Revolutionsmänner. Rekrutiruug. Die Russen an der Gränze.
* Die englische Dresse über die Flucht des Dabftes.
Es ist sehr bemerkenswerth, wie entschieden die englischen Blätter das Wort zu Gunsten des Pabstes ergreifen, und selbst die an die jüngsten Ereignisse in Rom geknüpfte Einmischung des französischen Kabinettes in die italienischen Angelegenheiten keineswegs mit dem Argwohn auffassen, der hier der englischen Politik so nahe liegen könnte. Die Rollen sind eben durchaus gewechselt. Der politische Konservatismus ist zu der Einsicht gekommen, daß der religiöse sein natürlicher Verbündeter ist. Die Tendenz Cavaignac's, der Anarchie in Rom ein Ziel zu setzen, macht die Eifersüchtelei Englands verschwinden, und es scheint, daß das Unerhörte geschehen und England gemeinsam mit Frankreich in Rom Ordnung schaffen würde, falls eine neue Wendung der italienischen Krisis dieserforderte. Der Engländer, allen halben, schwanken, ordnungslosen Zuständen von Haus aus so gründlich abhold, sieht in dem Auftreten Cavaignac's gegen die römischen Empörer den Wiederbeginn einer „spezifischen und normalen" Politik in Frankreich und vergißt darüber gerne den Ursprung und die ersten Thaten des französischen Freistaates, wie er, als durchaus politischer Mann, sich nicht besinnt, dem Pabste und der römischen Kirche trotz seines strengen Protestantismus die Freundeshand zu reichen, weil die Politik ihm diese Freundschaft diktirt.
Hören wir den in Weser Beziehung sehr wichtigen Ausspruch der „Times." Sie bemerkt: „Der Sturz des Pabstes (the fall of the Pope) ist nicht die bloße Abdankung oder Absetzung eines weltlichen Fürsten, der sich * in das Kloster St. Just oder das stille Schloß Claremont zurückzieht; er läßt sich sogar nicht vergleichen mit jenen älteren Perioden päbst- licher Gefangenschaft oder Verbannung. Pius IX Vertreibung aus Rom ist das erste große Ergebniß der Umtriebe jener Partei, welche lang im Geheimen daran gearbeitet, die ewige Stadt zum Zentrum der italienischen Einheit und einer unbeschränkten nationalen Demokratie zu machen. „Es gab," sagte Joseph Mazzini im Jahr 1845, „ein Rom der Cäsaren; es gab ein Rom der Päbste — das Rom des italienischen Volks muß noch kommen." Um gegen diesen Verschwörer gerecht zu seyn : er hat die Ziele seines politischen Lebens mit unwandelbarer Hartnäckigkeit verfolgt. Schon vor Jahren, da es bei einer Partei in England Mode war, mit seinem wilden und fanatischen Patriotismus zu sympathisiren, haben wir ihn als einen der kühnsten und rücksichtslosesten Revolutionsmäuner in Europa bezeichnet; jetzt hat ein Mord, gräulicher als ihn selbst die italienische Geschichte kennt, seiner Partei den langersehnten Machtsitz geöffnet.
Das Rom des italienischen Volks ist in der That auferstanden. Für Rom selbst wird die beste Züchtigung die seyn, daß eö eine Zeitlang der Herrschaft solcher Regenten mid der Schlechtigkeit seiner Bevölkerung überliefert bleibt; Italien mag dann nach eigener Erfahrung die Regierungstalente von Menschen beurtheilen, die ihr Leben in finstern Verschwörungen und blutigen Angriffen auf seine Gesetze und seine Ruhe zugebracht. In Bezug auf den Ausgang hegen wir keine Besorgnisse, wie sehr wir auch die unter einem solchen Experiment unschuldig Leidenden bedauern mögen. Aber da augenblicklicher Krieg mit Oesterreich eine erste Bedingung im Programm der römischen und tuseischen Demagogen, und da Mazzini schon lange geprahlt, daß die italienischen Soldaten die Wiener Verträge als Flintenpfropfen auf ihrem Marsche nach Wien brauchen jollen, so ist jetzt die Hauptgefahr, daß diese Volksregierung einen Zusammenstoß mit den österreichischen Heeren herbeiführe, der die heilsame Erprobung ihres verabscheuungswürdigen Regiments allzusehr abkürzen dürfte. • Indessen die Anarchie Roms und das Schicksal Italiens selbst erregen roch kaum ein so spannendes Interesse wie das Geschick des flüchtigen Pabstes. Es ist Thatsache, wie sonderbar und da und dort unwillkommen die Behauptung auch klingen mag, daß in der Stunde seiner Flucht und seines Sturzes Pius IX. vollständiger und wesentlicher Pabst und Oberhaupt der lateinischen Kirche war und ist, als es Hunderte seiner Vorfahren mitten im Glanze des Lateran waren. Persönlich hat der abge- sctzte Pabst der Welt kein alltägliches Maß evangelischer Tugenden gezeigt, und wiewohl, bei dem unwürdigen Charakter seiner Unterthanen und in diesen unglücklichen Zeitläuften, seine politischen Fähigkeiten zur Durchführung der von ihm begonnenen gemäßigten Reformen nicht zureichten, so hat doch die Erscheinung eines so wohlwollenden und gewissenhaften Mannes auf dem päpstlichen Thron, inmitten der Wirrniß von Europa, auf die Einbildungskraft der ganzen katholischen Christenheit einen mächtigen Eindruck gemacht und ihre Liebe gewonnen. Demgemäß hat, in einer Krisis, wo jede andere Autorität mehr oder minder erschüttert worden, die römische Hierarchie in allen Ländern, wo sie besteht, ihren Einfluß ausgebreitet und offener ihre Macht entfaltet. Mit einem Wort: die rötnische Kirche ist im katholischen Europa populär geworden. Ihr Ruf ist überall nach gänzlicher Freiheit, worunter sie die Wegräumung aller jener Beschränkungen versteht, welche ihre Verbindung mit der weltlichen Macht begleitet haben. Die in Irland, Belgien und den Vereinigten Staaten gemachte Erfahrung hat ihre Häupter überzeugt, daß der Förderung jener geistlichen Herrschaft über die Seelen der Menschen, welche sie anstreben, demokratische Verfassung und demokratische Agitation keineswegs ungünstig sind, und daß die Macht der katholischen Hierarchie auch noch zunehmen kann, nachdem vielleicht alle andern alten Autoritäts, formen gefallen seyn werden. Unter diesen eigenthümlichen Zeitrichtungen, die Kirche mit dem Volk und das Volk mit der Kirche zu verknüpfen, hat ein außerordentliches Zusammentreffen von Umständen das Oberhaupt dieser Kirche unter den Schutz der französischen Republik gestellt.
Sonderbar ist es freilich, daß ein Volk wie die Franzosen, die in ihren Politischen Anliegen bis zum Uebermaß auf fremden Einfluß eifersüchtig sind, gleichwohl mit frischem Enthusiasmus das geistliche Ansehen eines italienischen Priesters begrüßen, dessen Macht dermalen durch die katholische Klerisey