Beilage zur Nassauischen
M 232.
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Montag den 11» Dezember
1828.
Uebersicht.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag). Die Abdankung des Kaisers von Oesterreich. Die konstituirende Versammlung für Frankfurt). — Elberfeld (Der konstitutionelle Verein und der Märzvereiu). — Leipzig (Der letzte Brief Robert Blums). — Berlin (Die Aufnahme der oktroyirten Verfassung. Die Abgeordneten. Der Belagerungszustand). — Wien (Entfernung mehrerer Personen der alten Hofpartei). Frankreich. Paris (Tagesbericht.)
D e u t s ch l a n d.
Frankfurt, 9. Dez. (Nationalversammlung. — D. Z.) Vorsitzender: Heinr. v. G'agern. Die ministeriellen Antworten, die heute ertheilt werden, sind folgende:
v. Schmerling: Die Herren Rheinwald, Fehrenbach, Peter und Pfähler haben an das Reichsministerium die Frage gerichtet: „Ob dasselbe wegen der obschwebenden Zerwürfnisse mit der Schweiz die Maßregel des Fruchtausfuhrverbots gegen die schweizerische Eidgenossenschaft in Anwendung zu bringen beabsichtige." Auf diese Frage habe ich mich nur auf Dasjenige zu beziehen, was ich bereits am 17. Nov. zu erklären hatte, daß nämlich das Neichsministerium — und wie ich glaube wird man hierin demselben beistimmen — durchaus nicht in der Lage ist, die Maßregeln, die es gegen die Schweiz beantragt hat, schon jetzt näher zu bezeichnen. Nur bemerke ich, daß das Neichsministerium bei der Wahl der Maßregeln gar wohl berücksichtigt hat, daß dadurch deutsche Staatsbürger nicht benachteiligt werden.
Die Interpellationen des Abg. Herrn Wiesner gehen im Wesentlichen dahin, ob das Ministerium einen Dermittlungs- wèg in dem obwaltenden Bürgerkriege zwischen Oesterreich und Ungarn einzuschlagen gedenke? Herr Wolf aber interpellirt namentlich dahin, was das Reichsministerium zum Schutze der durch diesen Bürgerkrieg gefährdeten deutschen Interessen vorzukehren gedenke? Von Hrn. Wiesner wird insonders sehr lebendig darauf hingewlesen, wie das Reichsparlament seine Sympathie für die ungarische Nation an den Tag gelegt und deßhalb verpflichtet sey, sich für dieses hochherzige Volk zu verwenden. „Meine Herren, die Sympathien dieses Hauses und aller Deutschen für das magyarische Volk sind unbestreitbar und das Ministerium theilt sie. Allein daraus glauben wir grad noch nicht zu folgern, daß wir sehr lebendige Sympathien auch für die gegenwärtige ungarische Regierung empfinden. Da nun ferner weder von dieser, noch weniger aber von der österreichischen Regierung die Vermittelung des Ministeriums angerufen worden, so können wir uns kaum berufen fühlen, eine solche Vermittelung anzubieten. Was den Schutz der deutschen Interessen betrifft, die durch diesen Bürgerkrieg offenbar und nicht wenig gefährdet sind, so bedauern wir, bei der großen Entfernung, wie begreiflich, direkt dafür nicht wirken zu können. Wir hoffen indeß von den Operationen des österreichischen Heeres, daß jene Nachtheile, welche durch Einfälle ungarischer Schaaren auf das deutsche Gebiet entstehen, bald beseitigt seyn dürften." (Bewegung der Heiterkeit.)
„Der Abgeordnete Wiesner hat woch eine Interpellation gestellt, nämlich: ob das Reichsministerium das Beispiel des steiermärkischen Landtags nachgeahmt habe, welcher bereits gegen die Maßregeln des Fürsten Windssch-Grätz Protest eingelegt habe und ob es die von Windisch-Grätz so widerrechtlich bedrohten Provinzen von Nieder- und Oberösterreich durch einen reichsministeriellen Protest gegen die tyrannische Willkür in Schutz genommen habe? DaS Ministerium hat einen solchen Protest nicht eingelegt, denn dieser würde den Vorwurf der Phrase mit Recht verdient haben. .
„Eine zweite Frage ist dahin gerichtet, welche Maßregeln das Reichsministerium ergriffen habe, um zwei widerrechtlich verhaftete Bürger von Gratz, die nach Wien abgeführt worden, aus den Händen der Militärgewalt zu befreien? Das Reichs- minifterium hat in dieser Angelegenheit keine Maßregeln ergriffen. Ich glaube, daß das auch ganz zweckmäßig war, nach
dem ich von Männern aus Steiermark in der neuesten Zeit die Erläuterung erhalten hatte, daß jene Bürger keineswegs vor ein tyrannisches Kriegsgericht gestellt, sondern nur, um als Zeugen in Wien vernommen zu werden, dahin eingeladen worden sind. (Heiterkeit in der Versammlung.)
Rheinwald behält sich vor, in Beziehung auf ein etwaiges Ausfuhrverbot gegen die Schweiz den geeigneten Antrag zu stellen.
Wiesner aus Wien verschiebt seinen Antrag ebenfalls auf „die nächste günstige Gelegenheit."
Camille Wagner und mehr als zwanzig Genossen stellen einen Antrag — dessen Dringlichkeit jedoch abgelehnt wird und der deßhalb an den österreichischen Ausschuß verwiesen wird —auf Errichtung eines Zollverbandes und eines Schutz- und Trutzbündnisses zwischen Oesterreich und Deutschland.
Wesendonck: Der Biedermann-sächsische Ausschuß ver- schleift die Anträge über die preußischen Verhältnisse, er ist meinen Erkundigungen zufolge gestern nicht einmal zusammengetreten, um die ihm überwiesenen Gegenstände auch nur in Berathung zu ziehen. Ich beantrage, daß er zur Beschleunigung aufgefordert und ihm aufgegeben werde, nächsten Montag Bericht zu erstatten.
v. Saucken erklärt im Namen des angeschuldigten Ausschusses, daß derselbe, was den frühern Wesendonck-Grubert'schcn Antrag betreffe, authentische Ermittelungen von den Reichs- kommiffären in Berlin eingefordert habe. In Bezug auf den jüngsten Wesendonck'schen Antrag, so sey der Ausschuß der Meinung, daß abzuwarten, wie das preußische Volk selbst die neuesten Regierungsmaßregeln aufnehme. (Forts, f.)
Frankfurt, 9, Dec. Die konstituirende deutsche Reichö- versammlung beschäftigte sich in ihrer heutigen 132. Sitzung, nachdem zuvor Reichsminister von Schmerling mehrere Interpellationen beantwortet hatte, mit der Berathung folgender Berichte: 1) über die beantragte Untersuchung gegen den Herausgeber der „Reichstagszeitung" Günther wegen Preßvergehen, 2) über die vom -PolizcigvUchte. de,r freien.Stadl^ Frankfurt beantragte Zustimmung zu einer auf Klage des Abgeordneten Minkus wider den Abg. Jürgens, als Herausgeber der „Flugblätter", wegen Verleumdung eingeleiteten Untersuchung, 3) über die vom Jnquisitoriate zu Grünberg beantragte Genehmigung zur Fortsetzuug der Untersuchung gegen den Abg. Levysohn. Die Anträge des Ausschusses: die Zustimmung zur Untersuchung beziehungsweise Fortsetzung derselben zu ertheilen, wurden für alle drei Punkte angenommen.
Frankfurt a. M., 6. Dez. (D. Allg. Z.) Die Nachricht von der Abdikation des Kaisers Ferdinand von Oesterreich zu Gunsten seines Neffen, des Erzherzogs Franz Joseph, hat hier einen ungemeinen Eindruck hervorgebracht.^ Sie ist allen Kreisen durchaus unerwartet gekommen. Der Reichsverweser, Erzherzog Johann, welcher durch Estaffette von diesem Ereigniß in Kenntniß gesetzt wurde, war, wie man vernimmt, aufs höchste überrascht.
Der Vcrfassungsausschuß der konstituirenden Versammlung des Freistaats Frankfurt hat sich, wie es heißt, bereits darüber vereinbart, daß die Bildung eines Regierungsraths und eines Großraths nach rein dcmokratfichtzn Prinzipien, die Trennung der städtischen Verwaltungsangele- genheiten von den eigentlichen staatlichen Verhältnissen und die völlige Scheidung der Justiz von der Verwaltung als Grundzüge der neuen Verfassung aufgestellt werden müßten.
In diesen Beziehungen würde der Verfassungsausschuß allerdings den Wünschen'und Ansichten der großen Majorität der Bevölkerung gemäß verfahren seyn. Die Art der Ausführung aber wird die Hauptschwierigkeiten darbieten.
Frankfurt, 8. Dez. (D. Z.) Der Erzherzog Ferdinand ist heute von Potsdam hier eingetroffen und im Englischen Hofe abgestiegen.
Der Gedanke, Reichsgesandte nach Kremsier zu schicken, ist als aufgegeben zu betrachten.
Elberfeld, 6. Dez. In der heutigen Sitzung des konstitutionellen Vereins ist folgender Antrag gestellt: „Der von der Minorität der Reichsversammlung gegründete Märzverein ist den verfassungsmäßigen Stetten des Volkes und der Regie-