Zwei Stunden von der Residenz.
Mit tiefem Schmerz und gerechter Entrüstung haben wir unseren Lesern neue Schandthaten zu erzählen, welche sich das verwilderte Militär gegen harmlos einherwandelnde Bürger erlaubte. Sie haben von der zahlreich besuchten Volksversammlung gehört, wo das souveräne Volk fest und bestimmt, aber ohne den Rechtsboden zu verlassen, deutlich aussprach, was ihm fehle und wo ihm geholfen werden müsse. Schon während der herzerhebenden Reden, die dort gehalten wurden, bemerkte man herumschleichende Spione und Emissäre der Reaktionäre, welche sich bemühten, die goldenen Worte gesinnungstüchtiger Redner dem Volke zu verdächtigen und, sie mit reaktionärem Geifer beschmutzend, als unlauteres Metall darzustellen. Auf dem Heimwege nun wurden mehrere unserer ehrenhaftesten Bürger von einer großen Anzahl Soldaten mit der blanken Waffe überfallen. Vergebens war das Abwehren dieser unschuldigen Schlachtopfer, die verthierte Soldateska hieb schonungslos ein; einem Bürger sollen mehrere Nasen abgehauen worden seyn. Man fürchtet Unruhen in der Stadt, und so traurig es ist, wenn wir neue Unruhen erleben, so ist es endlich einmal Zeit, daß der gränzenlosen Willkür des Militärs entgegengetreten wird.
Berichtigung: In unserem gestrigen Artikel über die Schandthaten in der Residenz muß es heißen statt: es wurden einem Bürger mehrere Nasen abgehauen, es wurde mehreren Bürgern eine Nase abgehauen.
Nachschrift. Ueber die unverantwortliche, schmähliche Schandthat in der Residenz soll man dorten, wie wir von glaubwürdigen Freunden erfahren, immer mehr Details entdecken. Man soll einem Verein auf die Spur gekommen seyn, der cs sich zur Aufgabe gestellt hat, durch Aufhetzen des Militärs gegen ruhige Bürger der Reaktion kräftig in die Hand zu arbeiten. Bezeichnend und nicht zu übersehen ist, daß während auf offener Straße die besprochenen Schandthaten vorfielen, mehrere Offiziere Zigarren rauchend vorüberritten. Glaubwürdige Zeugen versichern sogar, daß einer dieser Offiziere mit dem andern einige leise Worte wechselte, und daß dieselben alsdann davon ritten, mit Mienen, welche deutlich ihr Wohlgefallen an der verübten Schandthat aussprachen.
Vier Stunden von der Residenz.
Ein Schrei des Entsetzens geht durchs ganze Land. Wir erhalten so eben Nachricht von einer Militärverschwörung gegen das Leben ruhiger Bürger, einer Verschwörung, welche glücklicher Weise übereilt, aber mit solch furchtbaren Symto- men an das Tageslicht herantrat, daß dem unparteiischen Zuschauer die Haut schaudert. Die Metzelei soll unerhört gewesen seyn und man spricht von 7 bis 8 Todten und der doppelten Anzahl Verwundeter auf Seiten der Bürger. Auch sah man Offiziere zu Pferde in der Nähe, welche das ganze Gemetzel kommandirten. Man sagt, es sey Generalmarsch ge
schlagen wurden, und die Stadt sey vollkommen im Aufruhr. Wird man jetzt auch schonend verfahren, wird man jetzt nicht endlich einschreiten gegen die Urheber solcher Gräuelthatens? Oder wird man abwarten, bis das ganze Volk entrüstet aufsteht und selbst zu Gericht sitzt? (Schluß f.)
Miszellen
— Köln, 3. Dez'. Gestern Abend nach acht Uhr fiel auf der Hahnen- Wallstraße ein Soldaten-Erzeß vor. Wie es heißt, wurde in einer dort gelegenen Kneipe einem Soldaten des 26. Regiments, weil er nicht zahlen konnte, das Seitengewehr zurückgehalten. Seine Kameraden eilten nun nach der Kaserne, um Beistand und Hilfe zu holen, und ganze Haufen, mit Säbeln bewaffnet, stürmten nach der Straße und griffen die Kneipe auch sofort an; selbst unter dem Rufe: „Es lebe Friedrich Wilhelm!" wurden die Säbel auf dem Pflaster gewetzt. Fenster und Thüre des Hauses wurden mit den Säbeln eingeschlagen; aus dem Hause selbst vertheidigte man sich aber mit Pflastersteinen und ähnlichen Sachen, so daß, wie man sagt, vier Soldaten verwundet wurden, von denen einer sogar nach dem Spital gebracht werden »rußte. Selbst Einer der später zur Wiederherstellung der Ruhe herbeigekommenen Wachmannschaft soll von einem schweren Steinwurf getroffen worden sein. Der Wache gelang es bald, die Soldaten zu verjagen.
— Mangel an einer sich eren Eristenz. Die neuesten Nummern der Münchener „Leuchtkugeln" bringen wieder manches schöne Bildchen, unter Anderem auch eines mit vorstehender Ueberschrift. Ein großer, hagerer, in den Jahren schon vorgerückter Herr, mit hoher, kahler Stirne, Brille und einem Ordensstern steht in achtungsvoller Haltung vor einem kleinen, wohlgenährten Männlein. Zwischen Beiden entspinnt sich folgendes Gespräch. Der Große: — Und da ich das Herz ihrer Fräulein Tochter zu besitzen glaube, so hängt allein unser Glück von Ihrer Einwilligung ab. — Der Kleine: Ja — mit w e m habe ich die Ehre? — Der Große: Ich bin der Minister Ohncburg. — Der Kleine: Da thut es mir leid, Ihnen eine abschlägige Antwort geben zu müssen; ich kann meine Tochter nur einem Manne geben, der eine sichere Eristenz hat.
— Mitten in den Stürmen der Zeit hat die komische Oper in Paris eine neue Oper auf die Bühne gebracht. Der Tert ist von St. Georges, die Musik von Halevy. Die Oper heißt: „das Thal von Andorre." Jedermann wird die kleine, unabhängige, in den Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien gelegene Republik kennen, die vom neunten Jahrhundert an ihre Unabhängigkeit zwischen den beiden mächtigen Königreichen sich zu erhalten gewußt hat. Dies ist der Schauplatz, auf dem die Oper vorgeht, deren Intrigue sehr einfach zu fein scheint. Die Musik ist nach Adams Urtheil, der im „Konstitutionel" einen sehr günstigen Bericht darüber abstattet, das Beste, was Halevy bisher geschrieben hat. Wenn man, schließt Herr Adam in seinem Bericht, es in Frankreich dahin bringt, eine Republik zu organisiren, in der man so singt, wie in dieser, so werde ich der wüthendste Republikaner, den cs je gegeben hat.
Theater zu Wiesbaden.
Sonntag den 10. Dez. Dornen und Lorbeern, Schauspiel in 2 Akten von Friedrich. Hierauf: Der Rechnungsrath und seine Töchter, Lustspiel in 3 Akten von Feldmann. Gastrolle: Rolla und Geiser Hr. Schneider vom Stadttheater zu Frankfurt a. M.
Verantwortlicher Redakteur W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.