Beiblätter
;ur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 232.
Sonntag den 10. Dezember
1828.
△ Die beiden Amazonen
(Fortsetzung.)
Er eilte, die beiden Frauen an der Hand, aus dem Hause, während die ganze Bande auf dem Dache war.
„Kapitän! Kapitän! rief Forster, seht, dort fliehen sie- Da! da! der Teufel . . . Nehmt Euch in Acht!"
Ein lauter, schrecklicher Schrei ertönte. Die drei Flüchtlinge blieben wie gebannt stehen. Sie sahen eine Masse in der Luft schweben, und vernahmen das Geräusch eines Körpers, der auf dem Pflaster zerschellte.
„ES ist der Kapitän! sagte Vivaur mit einer vor Schrecken schauderndem Stimme, er wird sich vem Rande zu sehr genähert haben, und vom Dache gefallen seyn!"
„Kapitän! Kapitän!" riefen mehrere Stimmen, aber keine Antwort, nicht einmal ein Schrei, eine Klage ertönte.
„Er ist todt, sagte Vivaur, Gott sey seiner Seele gnädig. Denken wir an unsere Rettung."
Sie eilten vorwärts an das Meeresufer.
Eine Barke stand am Gestade, die Flüchtlinge eilten darauf zu; obgleich das Wetter wieder düster geworden, so war doch das Meer ruhiger.
„Wir wollen die Barke in's Meer stoßen, sagte Viktor; Gott hat uns nicht so wunderbarer Weise gerettet, um uns im letzten Augenblicke zu verlassen."
„Seyd ihr es, Herr Viktor?" sagte eine Stimme, die aus dem Boote kam, während sich furchtsam ein Haupt emporhob.
„Wir sind gerettet", versetzte Viktor, „es ist Patron Bousquier."
„Und das Meer?" fragte Gabriele.
„Sanft wie Milch, sagte Patron Bousquier, auch der rechte Wind, den wir bedürfen, um kein Geräusch mit den Rudern zu machen."
„Steigt ein, meine Damen," sagte Viktor.
Die beiden Frauen sprangen in das Boot, Bousquier stieß es in das Wasser und schwang sich dann selbst hinein; Viktor hatte bereits die Ruder ergriffen.
„Weg mit den Rudern! sagte Bousquier, die Ruder ver
ursachen Geräusch, das Segel nach dem Winde, und Gott bewahre uns! Wohin, Herr Viktor?"
„Geradewegs auf die Hafenkette los, nach dem Thurme von Saint-Jean."
„Gut! haltet Euch am Steuerruder, wenn ich sage Dreibord, so haltet es auf die linke Seite; wenn ich sage Backbord, auf die rechte. Versteht Ihr?"
»Ja."
„Nun denn, vorwärts."
AIs wenn die Schaluppe nur auf die Erlaubniß ihres Herrn gewartet, so glitt sie über das Meer dahin. Bousquier hatte wahr gesagt, der Wind war günstig. Nach einer halben Stunde berührte das Boot die Hafenkette; Viktor gab sich zu erkennen und eilte dann mit seinen Begleiterinnen in die Stadt, über die in diesem Momente ein feierliches Schweigen ausgebreitet war; bloß die Schildwachen befanden sich auf den Wällen, während die beiden Armeen vor den Zelten ausruhten, um neue Kraft zum morgenden Kampfe zu sammeln.
IV.
Die Familie Laval wohnte auf dem Platze von Lenche in einem herrlichen Gebäude, dessen ganze Pracht uns noch bis auf diesen Tag erhalten ist.
Einige Tage nach den oben angeführten Ereignissen vernahm man dort in der Abendstunde die letzten verschwindenden Klänge einer Serenade, während zwei Frauenköpfe sich in Zwischenräumen zeigten und wieder verschwanden; ihre Figuren zeichneten sich hinter den durchsichtigen Vorhängen ab, deren graziösen Bewegungen ein junger Mann aufmerksam folgte.
Plötzlich wandte sich dieser rasch um, als wenn er un- vermuthet von einem Feinde angegriffen wäre; er hatte so eben einen Schlag auf die Schulter erhalten, eine Art freundschaftlichen Grußes, die von den Marseillern im Lager eingeführt war. Der Serenadensänger war Viktor Vivaur; der Grüßende Pierre Mery, der Schäfer vom Myrtenhügel.
„Ah! Du bist es, Pierre," sagte Viktor, seine rechte Hand auf seine linke Schulter legend, als wenn sie ihn schmerze; „ich hatte Dich an Deinen Eisenkrallen erkannt."