„Ob sie kommen! Sie versäumen nicht eine Nacht. In einer Stunde werden sie da seyn. Sprecht mir nicht mehr davon, Herr Viktor; sie sind leibhaftige Türken, Seeräuber Sarazenen, Frauenräuber. Sie haben sogar zwei Deutsche bei sich, die wie Karreau-Bube gekleidet sind ..."
„Es ist gut; genug gesprochen," sagte Viktor. „Da, Patron Bousquier, sind zwei Damen, die Ruhe bedürfen. Hast Du in deiner Hütte ein gutes Lager von trockenem Seegras für diese Damen?"
„Ach, meine Hütte!..." erwiderte Bousquier, „diese Damen würden sich zu schlecht darin befinden..."
„Wo sollen denn aber die Damen die Nacht zubringen?"
„Wenn das Meer nicht so stürmisch wäre, so könnten wir meine Barke besteigen, und da das Meer frei ist, seitdem La- fayette's Flotte diesen verdammten MonkadeS verjagt hat, so würde ich Euch in einer Stunde an die Hasenkette bringen."
„Ja! sagte Gabriele vortretend, das scheint mir ein ausgezeichnetes Mittel; laßt uns die Barke besteigen, wir sind muthig und haben keine Furcht."
„Ach nein! Madame," sagte Bousquier, den Kopf schüttelnd, „das hieße Gott versuchen."
„Das Meer ist jedoch nicht so sehr unruhig," bemerkte Klara.
„Hier nicht, nein! aber das Meer, mein Fräulein, ist wie die Frauen; man muß nicht auf das gehen, was sie uns zeigen. Hier ist es ruhig, aber dort unten an dem Felsen ist es des Teufels."
„Nein, nein', Herr Viktor! glaubt mir, es ist besser, zu warten."
„Wo denn aber warten, da Du doch sagst, bei Dir wären wir nicht sicher?
„Folgt mir," versetzte Bousquier, ich werde Euch in das Haus des Herrn von Beauregard führen. Wenn die Italiener kommen, so steigt aus das Dach, und wenn sie Euch dort verfolgen, so bleibt noch immer als letztes Mittel übrig: vom Dache auf den Boden zu springen, wenn ihr nicht wollt gefangen werden."
Die beiden Frauen drückten einander die Hand.
„Komm denn," sagte Viktor Vivaur.
Der Fischer ging voran, die drei Flüchtlinge folgten ihm schweigend; nach Verlauf weniger Augenblicke gelangten sie an eine Hecke von Seepflanzen, stiegen eine Treppe hinauf; Bousquier stieß an eine Thür, die sich öffnete.
(Fortsetzung folgt.)
Zivilisation und Wildniß. (Fortsetzung).
Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland geradezu ins Haus zu
rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja, zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen zu verhandeln habe, so schien sie doch bxi kälterem Blute auch gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie gegen daö schwere Geschütz direkter Fragen, und da auch in dieser ganzen Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar Etwas zugestoßen seyn könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärlicheckange Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger zähmen, und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland —sie war ihr das ja doch aus nachbarlichen Rücksichten schuldig — einmal freundlich zu besuchen. Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise, nichts weniger, als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen Verhältnisse zu bekommen.
Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalte der beiden Indianer in Boonville war es, und der erste im Monat Septem-- ber zugleich, der sich aber mit schwülen Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen, zerrissen bald in grauen und schwarzen Streifen, bald in kompakten, wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost nach West stürmisch hinüberjagte.
Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher, auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las. —
Sie hatte eben ein Kapitel beendet, und eine Thräne glänzte ihrem Auge, als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren Angesicht ihrer mehr als Mutter emporschaute — leise berührte sie ihre Hand und flüsterte:
Soll ich weiter lesen, Mutter.
Laß es jetzt, liebes Kind, sagte die Matrone und legte schmeichelnd die abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau — laß es, du hast dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun, die ebenfalls gethan seyn müssen — wie wär's denn, wenn du einmal zu Cowley'S