Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 22S Donnerstag den 7. Dezember L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzvgthnmS Nassau, des Grvßherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 ff., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 ff. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r s i ch t.
Abdankung des Kaisers von Oesterreich.
Die nassauischen Bauern.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Mainz (Zusammenrottung deS Pöbels gegen den Pinsverein. Der Universitätsfonds. — Frank- fnrt (Reichstag). — Altenburg (Ein schlauer Verbrecher). — Berlin (v. Wrangel und die Maschinenbauer). — Aus der Provinz Preußen (Die öffentliche Stimmung). — Wien (Die österreichische Truppenmacht. Die Allianz Englands, Oesterreichs, Preußens und Rußlands. Tagesnachrichten).
Frankreich. Paris (Der Papst).
Italien Rom (Ein angebliches Ultimatum Englands und Frankreichs in der fizilischen Frage).
Abdankung des Kaisers von Oesterreich.
.Leipzig, 4. Dez., früh halb 11 Uhr. So eben erhalten wkr pr. Estafette die Nachricht von Prag vom 2. Dezember, Nachts 12 Uhr, daß der Kaiser an diesem Tage früh in Oll- mütz zu Gunsten des Erzherzogs Franz Joseph ab- dizirt hat, und 12% Uhr Nachts in Prag zu allgemeinem Erstaunen sammt der Kaiserin eingetroffen ist. (So meldet ein Extrablatt zur „Deutschen Allgem. Zeitung.")
Die „Leipz. Ztg." bestätigt diese Nachricht durch folgende Korrespondenz aus Prag, 3. Dez., Morgens. Kaiser Ferdinand ist diese Nacht nach 2 Uhr hier angekommen; er hat zu Gunsten seines Neffen Franz Joseph (geb. 1830) die Krone niedergelegt. Erzherzog Ferdinand von Este ist eiligst hier durch nach Frankfurt gereist.
* Die nassauischen Bauern.
Was für die großen Städte in politischer, oder genauer, in revolutionärer Beziehung die Arbeiterbevölkerung bedeutet, das sind für unser Land die Bauern. Indem die Bewegung des März auch die Bauern mit sich fortriß, erhielt, sie erst ihre durchgreifende Bedeutung für uns. Das entschiedene Bor- wiegen der materiellen Interessen bei den Berathungen unserer Kammer (neue Besteuerung, Zehntablösung, Verringerung des Budgets ic.) wie überhaupt die große Rolle, welche die Hoffnung auf Geldgewinn oder die Furcht vor Verlust in den einzelnen Phasen unserer kleinen nassauischen Revolutionsgeschichte gespielt, — ist zumeist bedingt durch die entschiedene Theilnahme der bäuerlichen Bevölkerung. Unsere Wühler und Agitatoren haben daher recht gut gewußt, an wen sie sich zunächst wendèn müßten, indem sie unaufhörlich die Bauern bearbeiteten. Zugleich säumte man um so weniger, den Land- leuten alle mögliche Versprechungen zu machen, da dieselben freilich nicht wissen konnten, daß jede politische Bewegung in der Regel den einzelnen Bürgern materiellen Nachtheil bringt.
Im Sommer dieses Jahres war die Stimmung des Bauernstandes in vielen Landestheilen noch sehr „republikanisch" — jetzt ist sie in kurzep Frist in's Gegentheil umgeschlagen. Die Bauern beginnen konservativ zu werden, wohl gar abschreckend ( konservativ. Begebt Euch auf das Land; Ihr werdet Euer | blaues Wunder sehen. Nicht blos das was nach dem vierten '
März geschehen ist, o nein, auch den vierten März selbst wünscht man ungeschehen. Nicht selten hört man die Ansicht, diese politischen Erschütterungen seyen eine Folge des Erdbebens im Sommer 1846, und noch sey nur Unheilvolles seit diesem unheimlichen ^Ereigniß eingetroffen — zuerst das Hungerjahr, dann, wie die Bauern sagen, der „Krawall." Wenn man aber den „Krawall" bereits in Eine Kategorie mit der Hungersnoth setzt und ihn aus Motiven wie das eben Genannte herleitet, dann muß es mit der revolutionären Gesinnung nicht allzu grün stehen. Man warte nur noch eine Weile. Schreitet es mit der allgemeinen Verarmung so rasch weiter vorwärts wie bisher, gehen kille Gewinnesverheißungen so wenig in Erfüllung wie bisher; dann sehen wir in Kurzem einem loyalen Fanatismus entgegen, der den kurzen Revolutionsrausch an Kraft und Nachhaltigkeit bei weitem übertreffen dürfte. Viel eher steht jetzt zu erwarten, daß ein Kreuzzug der nassauischen Bauern nach Wiesbaden zu Gunsten der alten Ordnung der Dinge stattfinde, als daß sich die Märzereignisse wiederholten.
Wer ist Schuld an diesem merkwürdigen Umschläge? Ohne Zweifel die Wühler selber, welche so viel von der Mündigkeit des Volkes sprachen, und diese Phrase doch nur dazu benutzten, um, in ihrem Privatinteresse das Volk an der Nase herumzuführen. Aber der Bauer ist in der That mündiger, als jene wähnten, welche stets seine Mündigkeit nur im Munde führten, das zeigt er jetzt dadurch, daß er sich emanzipirt von seinen am meisten despotischen Herren — den Wühlern.
Nach den Märztagen wußte man den Bauern unendlich viel zu versprechen: — keine Steuern mehr, keine Zehnten mehr, Verlheilung des Domanialvermögens, Hebung aller Geldverlegenheiten durch die famose Einkommensteuer, durch deren nächste Resultate jetzt die Linke eine so prächtige Schlappe erhalten hat. Dafür hat der Bauer am Schlüße des Jahres nichts weiter erhalten, als Erhöhung der Steuern und gänzlichen Mangel des Absatzes seiner Produkte! Sollen wir uns da wundern, wenn der Bauer mit einem Male konservativ wird, wenn er, dem ohnedies schon sein Erwerb der ihn an den Boden fesselt, jede Last gewaltsamer Erschütterungen zuerst auf seine Schultern wälzt, wenn er gar bald die Lust am Revolutioniren verliert? Das hat man nicht bedacht.' Man hat geglaubt, unser Bauer könne behandelt werden, wie das Proletariat der großen Städte. Man hat sich stark getäuscht. Der Bauernstand, und wenn er auch im Durchschnitt noch so sehr in der Verarmung begriffen seyn mag, behält immer eine innere Solidität, einen Kern der Gesundheit, welcher ihn von dem versumpften Städteproletariat glänzend unterscheidet. Diese starke, kerngesunde Natur hatten unsere Republikaner nicht in den Kalkül gezogen. Jetzt mögen sie sich in Acht nehmen! Wir haben schon oft darauf hingewiesen, wie schwer cs sich rächt, wenn man den Eigennutz zur Triebfeder politischer Bewegungen zu machen sucht. Die Thatsachen haben jetzt schon unser Wort bewahrheitet; sie werden es in naher Zukunft in noch viel höherem Grade thun.
D e n t f ch l a n d.
* Wiesbaden, 6. Dez. (Ständeversammlung.) Unter den eingelaufenen Eingabe befindet sich auch eine vom Pfarrer Snell zu