Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 228. Mittwoch den 6. Dezember 18&8»
△ Die beiden Amazonen
(Fortsetzung.)
Vor unserer Stadt sollte der Konnetable von Bourbon die Belagerung Rom's erlernen; er versuchte sich an Marseille. Zu seiner Zeit lag die Belagerungskunst noch in der Wiege; aber Bourbon eilte mit seinem erfinderischen Genie seiner Zeit weit voraus. Er rechnete sehr wenig auf seine Mineurs, mehr auf seine Artillerie. Die Minirkunst war ihm zu langsam für seine Höllenwuth, die Europa im Fluge erobern wollte. Was er bedurfte, waren eifrig eröffnete Laufgräben, einige Tausend Kanonenschüsse auf den am leichtesten verwundbaren Punkt gerichtet; er, Bourbon, der erste auf dem Walle, seine weiße Feder seinen Soldaten zeigend. So zeichnete auch am 20. August der Konnetable selbst auf dem Sande seine Laufgräben, 200 Toisen von den Nordbasteien entfernt.
Von diesem Momente an blieben die Kaiserlichen unbeweglich an den von ihnen besetzten Punkten, fern von den Wällen von Marseille. Die Marseiller, die das Banner des Konnetable von der Höhe de la Blankarde hatten verschwinden sehen, bildeten sich in der Verwunderung über die Unthâtigkeit, die in dem feindlichen Lager herrschte, ein, daß der Konnetable, von ihrer kriegerischen Haltung erschreckt, auf eine Belagerung verzichte, die lang und schrecklich zu werden schien.
Diese Unthätigkeit dauerte vier Tage, die Ungeduld der Marseiller ward bald einer Ruhe überdrüssig, die weder Krieg noch Frieden war. Bürger und Soldaten brannten vor Begierde zum Handgemenge zu kommen; man drängte sich an die Fallgatter und Zugbrücken, in der Hoffnung, daß die Anführer den so lange ersehnten Ausfall anordnen würden. Diese heißen Wünsche waren ihrer Erfüllung nahe, wie man bald sehen wird.
III.
Ein Sturm des Monats August war über die Stadt und das Land hereingebrochen; die Nacht war mit ihrer Dunkelheit und ihren Geheimnissen gekommen. Es war eine zu Kriegsoder Liebesabenteuern günstige Zeit; auch hatte sich der Kapitän
Charles von Monteaur an der Spitze von 1000 entschlossenen Bürgern die Porte-Royale öffnen lassen, um einen Ausfall zu machen. Zwei heldenmüthige Amazonen folgten ihm: die Eine die Frau, die Andere die Nichte Karls von Laval. In ihren Gürteln stacken reich damaszirte Pistolen und jede hielt in ihrer weißen Hand einen so gut gearbeiteten Degen, daß er mehr einer Zierrath als einer Waffe glich.
Der Feind floh in Unordnung nach der Richtung von Au- bagne hin, als die spanische Kavallerie, die diesen Weg bewachte, auf die Marseiller fiel und sie zwang, in die Stadt sich zurückzuziehen. Vielen derselben war die Rückkehr abgeschnitten, sie kamen zu spät vor dem Thore an, es war schon geschlossen. Einige von den Marseillern geriethen hierbei in Gefangenschaft, andere entkamen unter dem Schutze der Dunkelheit in das Land. Zu dieser Zahl gehörte der junge Viktor Vivaur, Sohn des Großmeisters der Artillerie, und die beiden jungen Frauen, von denen wir bereits gesprochen, Gabriele und Klara von Laval. Alle möglichen Gefahren bedrohten die beiden Amazonen in dieser Nacht, und mitten unter dieser entmenschten Armee, die mordete, raubte und sengte.
Gabriele, die Gemahlin Karls von Laval, war 32 Jahre alt, während das junge Mädchen, das sie begleitete, Klara von Laval, ihre Nichte, kaum 20 Jahre zählte. Als sie die Vorbereitungen zu dem Ausfälle wahrnahmen, erklärten sie sich auf der Stelle bereit, Theil daran zu nehmen. Es schien unglaublich, daß diese beiden Frauen wagen sollten, den Gefahren des Kriegs zu trotzen; aber das weibliche Geschlecht zeigte zu- jener Zeit eine wahrhaft heldenmüthige Kühnheit und Ausdauer bei Gefahren.
Ihr einziger Begleiter, Viktor Vivaur, war ein großer starker junger Mann von 24 Jahren, der wegen seiner Galanterie weit und breit berühmt war. Die beiden Amazonen und der junge Offizier, der ihnen als Führer diente, folgten eine Zeit lang im scharfen Trabe der Richtung, die sie quer durch das Land genommen, aber bald fanden sie den Boden so sehr von Hecken und Gräben durchschnitten, daß ihre Pferde ihnen nicht um unnöthig, sondern sogar hinderlich wurden; überdies
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