Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^ 228» Mittwoch den 6. Dezember 18418.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Heffen-Hvmbnrg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in Den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r s l ch t.
Der Märzverei«.
Die Nothwendigkeit der Auswanderung.
Deutschland. Vom nassauischen Rheiunfer (Die Einkommensteuer). — Frankfurt (Reichstag. Aus dem Reichsgesetzblatt). — Homburg (Die französischen Spielpächter). — Leipzig (Mythologisches über Robert Blum). — Berlin (Besatzung für den Winter). — S Lettin (Loyaler Eifer). — Tilsit (Die Russen). — Wien (Der Krieg mit Ungarn).
Frankreich. Paris (Ibrahim Pascha f. Tagesbericht).
Italien. Rom (Die Flucht des Papstes).
Da nun aber auch an die konstitutionellen Vereine die Aufforderung zum Eintritt in den Märzverein ergangen ist, so dürfen diese, wie ich glaube, nicht ruhig zusehen, unb blos durch das Wegbleiben ihr Votum abgeben. Denn durch die Verzweigung über ganz Deutschland und die Zentralisirung der bewegenden Kraft im Parlament, kann dieser Märzverein einen bedeutenden Einfluß gewinnen, der ihm in kritischen Augenblicken eine furchtbare Macht in die Hände geben würde. Nach unserm Dafürhalten sollten daher die sämmtlichen konstitutionellen Vereine beitreten, um die vom Frankfurter Zentralausschuß allenfalls ausgehenden klubbi- stischen Tendenzen zu paralysiren.
Wird man Politik genug haben, um die tiefe Begründung dieser Forderung einzusehen?
* Der M ärzverein.
Von einem Theile der Linken des Reichstages ist der Plan : zur Gründung eines „Märzvereins" ausgegangen, welcher
:, einen Gefammtorganismus des deutschen Vereinswesens bezweckt und Konstitutionelle wie Republikaner zu umfassen sucht. Wir gestehen offen, cap wir von vornherein mißtrauisch gegen den „Märzverein" sind, denn unter seinem Programm finden M wir Namen verzeichnet, welche „bei einem großen Theile des neulichen Volkes keineswegs dazu dienen werbens Vertrauen zu erwecken: Trützschler; Raveaur; Eisenmann; M.
5 Simon; Naus; Wesendonck.
Mit gutem politischen Takt stellt der Aufruf zur Bildung des Märzvereins die Einheit Deutschlands an die Spitze , seiner Glaubenssätze ; denn in der That hat die gesammte . deutsche Politik jetzt eine solche Wendung genommen, daß die Einheitsfrage fast nur die allein praktische ist, neben welcher ' die bisherigen theoretischen Streitpunkte ihre Wichtigkeit verlieren. Wir stehen im Augenblicke bei dem Kapitel von der Reichsverfassung; der Grundrechte dagegen erinnert man sich jetzt nur — .gähnend.
Was also könnte in diesem Augenblicke nützlicher seyn, als eine großartige Zentralisation des Vereinswesens, welche die Frage nach den Standpunkten rechts oder links offen läßt, b dagegen die Lebensfrage für unsere ganze Zukunft, die Frage: ob wir in eine polnische Wirthschaft verfallen, oder zu der alten Macht deutscher Nation uns wieder erheben sollen, an - die Spitze stellt?
Dies ist die offene Tendenz des Märzvereins; er scheint uns aber auch noch eine v erhüllte .zu haben. Er kommt
3 uns vor wie eine Mausfalle. Die Einheilstendenz ist der Speck; er ist ausgesteckt, um eine tüchtige Zahl von Vereinen • als Rückhalt im Volke herbeizulocken. Sind diese einmal in die Falle gegangen, dann fängt wohl die Thätigkeit des Frankfurter Zentralausschusses erst recht an. Derselbe besteht näm- Ilch aus lauter Reichstagsabgeordneten und leitet die Gesammt- Angelegenheiten. Das Ganze also läuft hinaus auf das I Manöver, einen auf die Massen gestützten Klubb neben der Reichsversammlung zu gründen, durch welchen diese angesporntl nothi gen falls aber auch um ihren Kredit ge ?cht oder gestürzt werden kann. Dieser Argwohn mit'
6 yauptlachlich in uns bestärkt durch die Namen der beim Pro- unterzeichneten Abgeordneten, welche wohl sämmtlich „ zufrieden sind mit der bisherigen Wirksamkeit des Reichstages.
§ Die Nothwendigkeit der Auswanderung.
Schon öfter ist darauf hingewiesen, wie unsere jetzigen traurigen Zustände mit Folge der Uebervölkerung sind, wodurch Einer den Andern zu sehr hindert. Nachdem man nun endlich von dem Vorurtheil zurückgekehrt ist, daß das Wohl der einzelnen Staaten nicht allein von der Zahl ihrer Einwohner abhänge, sollte man denken nun wären auch wohl die Negierungen selbst verpflichtet, sich dieser Sache anzunehmen, wodurch sie zum Wohl der Auswanderungslustigen mehr geregelt würde und diese die gehörige Sicherheit erhielten. Denkt man nur daran, welche Summen jährlich bei uns für Unterstützungen an Miethe, Arznei ic. darauf gehen, wobei die Menschen immer gleich arm und elend bleiben und sich selbst nicht helfen können. Weil sie es bei allem Fleiß nicht zu einem Besitzthum bringen können; wären diese Summen denn nicht ungleich besser angelegt, wenn man diese Menschen in einem fremden Welttheile dahin bringen könnte, daß sie auf eigenen Beinen stehen können? Und sollten die Orts- und Armenkassen nicht erbötig seyn, lieber auf einmal zu thun, was sie später doch thun müssen? Sind nicht auch unter dieser Klasse von Menschen, die man einmal als einen fressenden Krebsschaden unter uns ansieht, doch viele, die Lust haben, es weiter in der Welt zu bringen, und eine solche Unterstützung verdienen? Ließe sich denn "nicht auch selbst die Sache so einleiten, wenn sich die Negierungen derselben annehmen, daß sie die ersten bauten Vorschüsse der Ueber- und Ansiedelung unter besseren Umständen zurückzahlen müßten, wodurch auch selbst die betreffenden Kaffen nicht verlieren würden. Denn wenn auch die amerikanische Regierung, um keine Feudallasten aufkommen zu lassen, Jeden für frei erklärt, sobald er den dortigen Boden betritt, — so wird sie doch wirkliche Darlehen ohne alle lästige Klauseln der Person auf Handschein und Bürgschaft aller Familienglieder anerkennen müssen? Solche Vorschläge sind schon in vielen süddeutschen Volksschriften gemacht," aber leider haben sie nicht das zu wünschende Gehör gefunden, und zwar wohl deßwegen nicht, weil sie mehr auf die schon bevölkerten und dadurch theueren Staaten des östlichen Amerika's berechnet waren.
Nun liegen aber noch Millionen von trefflichen Aeckern nach Westen, besonders in Teras, und wie alle Briefe der dahin vor zwei Jahren Ausgewanderten — und zuverlässiger Männer, die namhaft gemacht werden können, einstimmig ver-