Beiblätter
rur Nassauischen Allgemeinen Jeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 227.
Dienstag den 3. Dezember
1848,
A Die beiden Amazonen.
(Fortsetzung.)
Unter dem Vortritte von Bannerträgern und von einem Haufen bewaffneter Bürger begleitet, kam Herr von Brion nach dem Thor de la Foliette. An seiner Seite bemerkte man die edelsten Herrn der Provence und die tapfersten Krieger aus Marseille: Rance de Ceres, Louis de Glaste, de Glandeves, Jean de Caur, de Valbelle, de Forbin, de Candolle. d'Albertas, de Gerente, Rour, Gontar, de Begue, Aymin, Eduard Fabre, Antelme, Gros, Altovitis und noch andere, deren Namen an ihrem Platze erwähnt werden sollen.
Viktor Vivaur erwies Herrn von Brion die militärischen Ehren und bat um die Erlaubniß, ihm den Schäfer von dem Myrtenhügel vorstellen zu dürfen, indem er ihm mit leiser Stimme den Bericht des Spions mittheilte.
Brion stritte lange den Hirten, und ihn bei Seite ziehend unterhielt er sich einige Zeit mit ihm. Dann den Seekapitän Baume rufend, gab er ihm einen ohne Zweifel sehr dringenden Befehl; denn der tapfere Seemann eilte schnellen Laufes davon und verschwand auf dem gekrümmten Fußsteige, der nach la Major führt. Die Runde setzte sich wieder in Marsch nach dem Thore von Air zu.
Beim ersten Scheine der Dämmerung zog die Flotte Lafayette's, die vor Pomegue gelegen, die Anker auf und nahm ihren Lauf nach der Küste von Arenc.
Das Meer war glatt wie eine Eisfläche; Alles verkündigte einen heitern Tag, günstig für die Operationen der Flotte und entscheidend für Marseille.
Lafayette stellte die Schiffe in Schlachtordnung, mit den Flanken nach dem Wege von Air und der Brücke von Arenc. Es war, Dank der Ruhe des Meeres, eine Reihenfolge von unbeweglichen Batterien, deren Schüsse chre Wirkung nicht verfehlen durften. Zu gleicher Zeit bereitete Herr von Ceres, an der Spitze von 4000 Soldaten einen Ausfall vor, der mit der entscheidenden Thätigkeit des Admirals in Verbindung stand. Als die Sonne aufging, erhob sich ein leiser Wind
aus Norden, das Meer kräuselte sich und sein Azurblau nahm eine dunklere Färbung an.
Die Zuschauer, welchen die Absicht des Admirals unbekannt war, konnten sich eines schauerlichen Eindrucks nicht erwehren, als sie die Schiffe sich leicht auf den kleinen Wogen schaukeln sahen, die sich in der Bai von Arenc bildeten. Die Milijsoldatcn, aus der Batterie de la Major postirt, spürten eine schwere Brise, die vom Meere herkam und die Ulmenbäume auf dem Platze der Kathedrale bewegte.
„Nordwestwind!"
Dieses Wort flog auf der ganzen Linie der Nordwälle hin.
Brion war auf den Thurm Sainte-Paule gestiegen, ein Observatorium, dessen Spitze um 100 Fuß die höchsten Gebäude in der Stadt überragte, und von dieser Höhe herab bemerkte er Staubwolken, die den Weg bedeckten und einen Truppenmarsch anzeigten.
„Es ist vielleicht der Marschall, den Sf, Mü't^ uns schickt?" sagte der junge Altovitis, der dem Vizekönig als Ad- judant diente.
„Unmöglich! sagte Brion, das Haupt schüttelnd; ich bemerke deutlich durch die Staubwirbel hindurch ein Banner, das weder das unsere noch das der rothen Reihen der Lanzenreiter ist. Es sind Kanonen, die für den Feind ankommen. Der Hirt war gut unterrichtet."
Sogleich befahl er den Artilleristen des Basilisk mitten unter die Spanier, die sich vor der Abtei Saint-Viktor lagerten, zu schießen.
Die furchtbare Feldschlange spie einen Hagel von großen Kugeln aus, die pfeifend über die Stadt und den Hafen dahinflogen und die harten Steine des Abteithurmes in Stücke schlugen. Auf dieses Signal donnerten die Batterieen des Porte-Royale auf die kaiserlichen Truppen herab, die in der Allee auf dem Wege nach Aubagne kampirten, und der Thurm Saint-Jean, der Feldschlange von Saint-Paul zu Hülfe kommend, bestrich fast alle Alleen von Saint-Viktor. In diesen Kanonendonner mischten die Glocken von allen Kirchen ihre dumpfen und hellen Klänge, als wenn sie den Soldaten in