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Beiblätter

zur Naffauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M 226. Sonntag den 3. Dezember 1848,

A DLe beiden Amazonen (Fortsetzung.)

Zu dieser Zeit hatte Niemand einen glänzenderen und zu­gleich mehr gefürchteten Ruf. Karl von Bourbon erfüllte da­mals ganz Europa mit dem Rufe seiner Gottlosigkeit und seiner Tapferkeit. Er gehörte zu jener Zahl von Riesen, die in der dreifachen Schlacht'chon Marignan an der Seite Franz I zwanzig Degen stumpf machten. Damals war Karl von Bour­bon noch treu und sein Wappen noch rein; einige von der Königin Mutter auf seine Rechnung begangene Ungerechtig­keiten warfen den Konnetable in die Reihen ihres Todfeindes, Karls V. Ein edler Charakter hätte diese Beleidigungen ver­schmäht, die einen Verrath nicht rechtfertigen konnten; aber der Konnetable besaß'nicht die stoische Tugend des Großbür­gers, der über die menschlichen Schwächen erhaben ist; er hatte den Stolz eines Dämon in der Seele eines Helden. Der Stolz verdarb seine Seele. Bourbon war nur ein ge­taufter Attila.

Hier hielt der Erzähler inne, als wenn er irgend etwas Vergessenes in der Nacht seiner Gelehrsamkeit suche, dann fuhr er in folgender Weise fort:

Entwerfen wir den Plan Marseilles zu jener Zeit. Die Stadt lehnte sich im Süden an den Thurm von Saint-Jean, erstreckte sich längs dem Hafen bis an das äußerste Ende der Straße des Fabres, ging dann nach Porte d'Äir hinauf auf der einen Seite und wandte sich dann in einer Mauerreihe nach dem Thore de la Jolielte am Boulevard des Dames.

De Brion, Vizekönig von Marseille, hatte zu ihrer Ver­theidigung 8000 Mann Truppen, die zur Hälfte aus Lomb ar- den, Italienern und Römern bestanden, unter dem Befehle von Rance de Ceres, aus dem berühmten Hause der Ursi ni. 9000 Marseiller bildeten eine Stadtmiliz und nannten sich nach ihren Chefs. Man pflanzte Kanonen auf den Glocken- thurm de la Major, der so breit wie eine Bastion war und dessen Glocke, großer Lazarus genannt, selbst wie ein Artilleriestück ertönte. Der Thurm von Samte-Paule enthielt

eine Feldschlange, Basilisk genannt, die Kugeln von un­geheuerem Kaliber schleuderte.

Am 15. August bewegte sich eine Prozession zu Ehren der Jungfrau aus der Kirche de la Major und folgte der Linie der Wälle. Im Augenblicke, wo sie an dem Thurme Saint- Paule anlangte, und von der Artillerie und der Feldschlange begrüßt wurde, rltt ein Haufen glänzender Ritter aus der Ebene die Anhöhen hinan, wo sich jetzt das Lazareth befindet.

Karl von Bourbon hatte sein Lager in der Ebene vorr Alhane bei Air verlassen und kam in Person, eine Rekognos- zirung um die Mauern der Stadt vorzunehmen. Die Mar­seiller sahen von der Höhe der Wälle herab ihren schrecklichen Feind in einer Entfernung, die auch die geringsten Einzelhei­ten seiner Kleidung und seines Gesichtes wahrzunehmen ge­stattete. Denn der Konnetable kam mit unerhörter Kühnheit bis auf einen Pistolenschuß heran, und ließ sein Pferd auf dem Glazis kourbettiren, wie ein Stallmeister in einer Reitbahn vor einem Haufen Zuschauer. Bourbon war damals 36 Jahre alt; sein Gesicht drückte stolzen aber wilden Adel aus, nnd der Vulkan seiner innerlichen Leidenschaften hatte bereits seine von der Sonne Italiens und Spaniens gebräunten Wangen ab­gemagert. Er glich eher einem venetianischen Künstler als einem Soldaten; sein schwarzer Bart, den Rand seines Ge­sichtes einfassend und sich mit dem Schnurrbarte verbindend, erinnerte genau an die Schule Titians.

In diesem Augenblicke stimmten Tausende von Frauen und jungen Mädchen, weiß gekleidet, das Ave Maria stella an, und die Statue der heiligen Jungfrau, die von 30 Seekapi- tains getragen ward, schien wie das Palladium Troja'ö über die Wälle zu gleiten. Eine.Artilleriesalve ertönte. Drei Ritter aus dem Gefolge des Konnetable fielen todt zur Erde; der Held nahm seine Kopfbedeckung mit echt adeligem Anstande ab, grüßte das Bildniß der Jungfrau, dann sich zum Marquis von Pescaire wendend, der weniger fromm als er war, sagte er zu diesem:Seyd doch auch einmal fromm, mein Patroklus!" Pescaire grüßte die Prozession, indem er diesen Achtungsbe­weis mit einem ironischen Lächeln des Unglaubens begleitete.