Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 224L Freitag den L Dezember 1848»

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogtkumS Nassau, des Großherzogthnms und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. :$O fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr.Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Beim Wiederbeginn des nassauischen Landtages.

Eine Adresse.

Deutschland. Von der Dill (Die Abgeordneten-Wahl). Frank­furt (Reichstag). Mannheim (Der Prozeß Struves). Berlin

(Die Ergebnisse in Brandenburg. Gerücht, daß sich Oesterreich von der deutschen Reichsversammlung losgesagt habe. Der Belagerungszustand).

Aus Schlesien (Vorausbezahlung der Steuer). Wien (Das standrechtliche Verfahren in kriegsrechtliches umgewandelt. Kremsier).

Frankreich. Paris (Der Sieg Cavaignae's).

Großbritannien. London (Die englische Presse über den Konflikt zwischen Krone und Volksvertretung in Preußen. Die gescheiterten deut­schen Auswanderer).

Italien. Rom (Der Papst).

* Beim Wiederbeginn des nassauischen Landtages

I In den nächsten Tagen tritt unsere Kammer wieder zu­sammen. Nur wenige Wochen hat sie Ferien gehalten, und doch welcher ungeheuere politische Umschlag ist in diesen wenigen. Wochen erfolgt! An alle Volksvertretungen ist eine gewichtige Warnung ergangen. Der deutsche Reichstag scheint sie beherzigt zu haben, die preußische Landesversammlung wäre " froh, wenn sie dieselbe jetzt wieder beherzigen könnte, für den Reichstag in Kremsier scheint es zu spät.

Die Warnung lautet: Schreitet rasch voran mit dem Aufbau organischer Gesetze, blickt nicht rechts, nicht links, laßt die Jnterpellationsräthe nicht aufkommen, laßt die Tendenz- $ krämer nicht überhand nehmen, redet weniger, aber schafft mehr!

Ware man in Frankfurt stets so entschieden bei der Stange geblieben wie jetzt, nämlich bei dem Gesetzgebungs - und Ver­fassungswerke, es stünde wahrlich besser in Deutschland, und die Konflikte in Berlin und Wien hätten das Vaterland nicht an den Rand des Abgrundes gebracht.

Hätte man in Nassau alle müßigen Anträge bei Seite gesetzt und an der Sache festgehalten, so würde vielleicht heute schon der Landtag seine ganze Aufg abe gelöst, er würde das unbedingte Vertrauen und den Dank des Landes gewon­nen haben, während jetzt der Schluß seiner Wirksamkeit noch in gar weiter Ferne liegt.

- , Entschlagt Euch, Ihr Volksvertreter, des Gelüstens, re­gieren zu wollen. Es hat noch nie gefrommt, wenn man in fremdes Handwerk pfuscht. Eure Kraft wird gebrochen werden durch den blosen Versuch, wie das Beispiel von Wien und Berlin gelehrt hat.

; - Hütet Euch, daß Ihr nicht in die Illusion verfallet, eine Versammlung für Nassau zu seyn. Denn

. wenn Zyr, wie es bereits geschehen ist, heute so konstituirt, und morgen kommt der Reichstag und konstituirt anders, so rann dies zu nichts weiterem nützen, als neben dem Geld- und

Ansehen, d. h. Eure einzige, Eure mora-

I bsche Macht zu vernichten.

' eines nassauischen Landtages in der gegenwär-j einfach und schlicht. Er besteht nicht darin,!

I ^^srsammlungen en miniaturc zu kopiren. Ihr I kennt die Fabel vom Frosch, der sich aufblasen wollte, bis er'

so groß würde wie der Stier! Die Aufgabe unseres Land­tages ist, die partikularen Bedürfnisse Nassaus und ihrer sind immer noch gar viele zu befriedigen, sofern sie in Frankfurt nicht in Betracht gezogen werden können. Wären diese Bedürfnisse minder dringend, wir würden unbe­dingt der Meinung seyn, daß von Rechtswegen alle lokalen L a n d e s v e r s a m m l u n g e n vertagt werden müßten, b is die Reichs verfassung und Gesetzgebung in Frankfurt vollendet sey.

Durch diesen Standpunkt, den wir im Interesse der deut­schen Einheit nicht verlassen können, war unsere bisher ost sehr bittere Kritik des Landtages geboten. An diesem Stand­punkt werden wir stets festhalten. Aber wir hoffen, die Mah­nung der mittlerweile gemachten weltgeschichtlichen Erfahrungen wird eindringlicher und wirksamer gewesen seyn, als vordem unser warnendes und tadelndes Wort. Darum erwarten wir jetzt Besseres. Die nächste Zukunft wird lehren, ob mit Recht oder Unrecht.

* Eine Adresse

Der Mainzer Bürgerverein hat eine muthig e Adreffe verfaßt, die wir hier vollständig mittheilen, weil es uns freut, daraus zu ersehen, daß die konstitutionelle Partei sich ein Herz nimmt, und unbekümmert um Schlagwörter und Tagesphrasen dasjenige fordert, was eine gereifte Politik zu fordern gebietet. Wer Muth hat, der wird dieser Adresse laut, wer keinen hat, aber etwas Urtheil und Einsicht, wenigstens im Stillen seinen Beifall zollen. Sie behandelt einen gefährlichen Punkt, allgemeines Stimmrecht und Zensus. Das letzte Wort war bis jetzt namentlich ein wahrer Putzemann, mit welchem man die politischen Kinder sofort in die Ecke jagte. Hören wir also die Adresse des Mainzer Bürgervereins, welche nicht von Kindern, sondern von Männern verfaßt zu seyn scheint:

An eine hohe erste und zweite Kammer der Stände des Großherzogthums Hessen!"

In wenigen Tagen haben die hessischen Kammern über das von der Staatsregierung vorgelegte Gesetz, die Wahlen der Abgeordneten zur zweiten Kammer und die Bildung der ersten Kammer betreffend, zu entscheiden. Dieses Gesetz bildet den Grundstein unserer künftigen staatlichen Existenz. Denn von der Frage: Wer wählt einen Abgeordneten, hängt ab, welche Abgeordneten gewählt werden, von den Abgeordneten die Existenz der Verfassung, Freiheit und Ordnung. Diese Güter sind aber nur zu erhalten, wenn die Kammern im Stande sind, der nur flüchtigen Volksgunst zu widerstehen, und ein Schlagwort der Neuzeit:allgemeines Stimm­recht" aus diesem Wahlgesetz zu verbannen. Kein monar­chisch-konstitutioneller Staat der alten und neuen Zeit hat bis jetzt mit dem allgemeinen Stimmrecht bestanden y man verweist hiermit auf das Beispiel von England, Norwegen und Belgien, und selbst in europäischen Repupliken hat sich das allgemeine Stimmrecht noch nicht bewährt. Das Gesetz, insbesondere das Staatsgrundgesetz, soll ein Ergebniß der Erfahrungen, nicht aber ein problematischer Versuch seyn. Deßhalb bitten wir, die Wahlfähigkeit nicht allein von dem Alter zu bedingen, öndern zu bestimmen, daß nur der Wähler sey, welcher durch ein Geschäft, sein Vermögen, Besitz oder Stellung selbst- 'tândig ist.