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Nassattische

Allgemeine Zeitung.

^N 223» Donnerstag den 30» November ISAS»

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden A fL, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariöschen Verwaltungsgebietes 8 fL 40 fr. Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Der parlamentarische Sieg des General Cavaignac.

Deutschland. W iesb ade N (Die Vorarbeiten der Regierung für die ständischen Berathungen). Frankfurt (Reichstag). Darmstadt (Die Diäten des Hrn. Zitz noch einmal). Mannheim (Bevorstehen­der Putsch im Oberlande). Konstanz (Drohende Unruhen). Erfurt (Blutiger Konflikt). Berlin (Maßregeln gegen die zurück- bleibenden Abgeordneten. Die Ankunft Gagerns). Wien (Neue Hin­richtungen).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Der parlamentarische Sieg des General Cavaignac.

Paris, Nationalversammlung. Sitzung vom 25. Nov. Vom Vendome'splatze bis zum Gitter vor dem Sitzungspalaste drängt sich die Menge, weniger aus Interesse für die Sitzung, als um den neuen demokratischen Kaiser Louis Napoleon Bo­naparte fahren zu sehen und ihm ein bezahltes Hoch! zuzuru­fen. Um 11 Uhr werden die Galerieen geöffnet, die im Nu überfüllt sind; Man sagt: es seyen Plätze zu 100 Frk. ver­kauft worden. Das Gedräng ist entsetzlich. Die Truppen haben die strengsten Befehle.

Um 1 Uhr eröffnet Marrast die Sitzung. Die Bänke sind reichlich besetzt. Lamartine hat dem Telagraphen pünktliche Folge geleistet; er sitzt auf seinem Platze. Einer der Schrei­ber liest das Protokoll vor.

V. Grandin protestirt gegen dessen Fassung; es enthalte einige Unrichtigkeiten in der Lamoriciere'schen Schlußbemerkung, die nicht mh den Aeußerungen des Kriegsministers rücksichtlich der Niederbrückung einer bonapartistischen Emeute ihm gegen­über übercinstimmten.

Lamoriciere: Ich habe an meinen Worten nichts zu ändern. Ihr Sinn ist folgender: Wir (das Ministerium) werden stets das gesetzliche Spiel und Willen der Majoritäten achten. Ich gebe dem Hrn. Grandin keineswegs ein Dementi' nur möge er sich meine Privatgespräche genau ins Gedächtniß zurückrufen.

Grandin befriedigt: Ich glaube in der That, das war der Sinn der früheren Aeußerungen des Generals u. s. w.

Hiermit zerfielen die gehässigen Gerüchte von selbst.

Cavaignac: (allg. Stille) Bürgervertreter! Ich würde sehr bedauern, wenn obige Protestation gegen das Protokoll , der Debatte von vornherein einen gehässigen Charakter auf- .drückte; Sie wissen, daß ich am vorigen Dienstage um die Er­laubniß bat, gewisse Personen zur Rede zu stellen. Ich schicke das es sich bet dieser Zurredstellung keineswegs um die Tiffidenzen von Zwiegesprächen handeln kann, die zwischen â und den Gliedern der Erekutivkommission stattfanden. (Ah. Ah.) Zwischen der Kommission und mir haben aller-

Debatten stattgefunden, aber um diese handelt es sich Nicht. Die Diskussion, die ich hiermit eröffne, dreht sich vielmehr um die Frage: Haben die Glieder, die ich neulich genannt, )ene Aeußerungen gethan, die von einer Natur sino, daß sie Raf und meiner Ehrlichkeit jedenfalls schaden müssen? e Diskussion^ trägt also einen rein persönlichen Charakter.

bs vorausgeschickt, stellte ich hiermit die Herren Earnie

Pagös, Pagnerre, Duclere, und Barthelemy St. Hilaire zur Rede, ob sie jene Aeußerungen wirklich gemacht haben, welche mir zur Last lagen, daß ich im Juni dem mir gegebenen Befehl zuwider gehandelt und somit meine Amtspflicht verrathen hätte.

Barthelemy St. Hilaire: Bürger! Scheiden wir vor Allem die Debatte von jeder fremden Beimischung. Der Konseilpräsident will die Debatte auf Aeußerungen in Jour­nalen beschränken. Darum handelt es sich aber nicht. Es handelt sich um keine Erklärung, die in Journalen stand, sondern um die Juniereignisse. Hätten wir nur Journale widerlegen wol­len, dann würden wir nicht hier stehen. Die Junitage ge­hören auf diese Bühne, nicht blos in die Journale. (Beifall vom Berge, Zischen zur Rechten.) Seit fünf Monaten haben die Glieder der Erekutivkommission zu allen Verläumdungen und Angriffen geschwiegen, deren Gegenstand sie war. Sie wollte bei der Bauchart',chen Untersuchung den Mund öffnen, doch that sic es nicht. Wir würden auch dieses' Mal noch ge­schwiegen haben, wenn man uns nicht gezwungen hätte, dieses Schweigen zu brechen, indem man unsere Neutralität in der Präsidentenwahlfrage verdächtigte. Möge also die volle Ver­antwortlichkeit der Folgen der öffentlichen Debatte diejenigen treffen, welche uns herausforverten; an unsern Anstrengungen soll es übrigens nicht fehlen, damit die Republik nicht unter diesen Kämpfen leibe. (Wir? Wer sind wir?) Ja wohl haben nur, fährt der Redner fort, vor etwa zwei Monaten eine Schrift verfaßt, welche den Titel führt:Die Juni tage." Diese Schrift wurde, nachdem deren Druck vollendet, nur acht Mitgliedern dieser Versammlung, ausschließlich Freunden des Generals Cavaignac, mitgetheilt... (Der Redner liest hier einige Seiten aus dieser Schrift vor, die das Ausland unter dem Bruchstück:Die Wahrheit über die Junitage" aus der Zeitungspresse kennt. Dann knüpft er eine Charakteristik der Nationalwerkstätten daran. Für den 14. Juli seyen die eigent­lichen Junitage bestimmt gewesen. Verrath habe deren Aus­bruch beschleunigt. Die Erekutivkommission wußte Alles und hatte die strengsten Maßregeln verordnet um die Revolution zu unterdrücken. Sie befahl dem General Cavaignac, 20,000 Mann Linie, 15,000 Mobilgarde, 1500 Republikanische Garde, 2500 Garbiers de Paris: zusammen 45,000 Mann bereit zu halten. Außerdem war beschlossen, eine Division der Alpen­armee in Eilmärschen herbeizurufen. Solchergestalt waren die Vorsichtsbefehle der Erekutivkommission. Wie erstaunt muß­ten daher die Glieder der Erekutivkommission seyn, als sie nach dem Ausbruche und der Besiegung der Revolution, und nach Veröffentlichung der Protokolle zum Bauchart'schen Bericht aus den Veryören der Generäle Cavaignac und Lamoricier gerade das Gegentheil von Obigem sahen, und solche Aussagen er­blickten, welche einen schweren Verdacht der Saumseligkeit auf sie wälzen mußten.) Der Redner fährt ungefähr eine Stunde lang in Erörterung der Entwicklung der Juniereigniffe fort und wird bald rechts bald von der Ministerbank heftig unter­brochen.

Der General Cavaignac (sagt Barthelemy) wurde von der Erekutiv-Kommission aufgeforvert, die am 25. Juni bereits überall ausgebrochene Insurrektion auf allen Punkten zugleich anzugreifen und zu ersticken. Er antwortete ihr aber: Glaubt Ihr denn, daß ich hier sey, um Eure Bürgerwehr und Eure Boutiquiers (Krämer) zu retten? Ich erinnere mich der Julitage (1830) und der Junikage (1832) und werde meine Truppen nicht zersplittern. Würde eine einzige Kompagnie