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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

â 221. Dienstag den 28. November 18L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des Herrogthums Nassau, des Grvßherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl/SO Er., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes $ fl. 40 Er. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 58 Er. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

u e b e r s i ch t.

Deutscher Eulenspiegel.

Deutschland. Wiesbaden (Die Cholera in den Aemtern St. Goars­hausen und Westerburg). Aus dem Am te Rennerod (Cholera- Anfälle). Aus Mitteldeutschland (Staat und Kirche). El­berfeld (Der konstitutionelle Verein). E rfur t (Unruhen). Zeitz (Terroristische Handlungen). Oldenburg (Der Streit über die Zivil­liste). Berlin (Die Wirksamkeit der Reichskommissäre. Der Um­schwung in der öffentlichen Stimmung. Das englische Kabinct). Wien (Rekruten-Werbung. Neue Befestigung. Die Untersuchung gegen Fröbel und Blum. Kaiser Nikolaus. Die Mörder Latours. Ein mini­sterielles Blatt über die Hinrichtung Blums). Laibach (Ansicht der neuen Minister über die österreichische Monarchie).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Dänemark. Kopenhagen (Russische Note).

* Deutscher Eulenspiegel

L

(Diplomatisches Quell enstudium.) Selbst große Geister haben ihre schwache Stunden, warum nicht also auch der Unterstaatssekretär Bassermann? In seinem Bericht über Berlin erwähnte er bekanntlich als einen Beleg für die fürch­terlichen Absichten der Republikaner einesrothen" Bildes, auf welchem der Traum eines Republikaners dargestellt ist, der rings um sich an den Laternenpfählen konservative Abgeordnete baumeln sieht. Nun stellt sich's aber unglücklicher Weise her­aus, daß diese Zeichnung ein Spottbild gegen die Anarchisten gewesen ist, wozu auch ein Pendant, nämlich der Traum eines Reaktionärs gehört, den Herr Bassermann leider nicht gese­hen hat.

Ein Seitenstück zu diesem kuriosen Malheur des Unter­staatssekretärs wäre etwa, wenn ein Forstbeamter nach Mün­chen geschickt würde, um über die dortigen Jagbverhältnisse Bericht zu erstatten und derselbe rapportirte: Bei München fängt man die Hasen im strengen Winter in der Art, daß man Nachts eine Laterne auf den Schnee setzt, worauf die äsiasen sich um das ungewohnte Licht sammeln und dasselbe so lange starren Auges anschauen, bis ihnen das Wasser aus den Au­gen fließt, wodurch die Thiere an den Boden anfrieren, so daß man sie dann ohne Mühe zu Dutzenden abbrechen und in die Jagdtasche stecken kann.

Als Quelle für diese Beobachtung würde dann der Forst­mann angeben, er habe das Verfahren in den Münchener fliegenden Blättern gedruckt und abgebildet gesehen.

II.

(Volks thümlich e Bered sa mkeit.) Vor kurzem hörte kp, wie ein Mainzer Schiffknecht eine große Volksmenge in fol- gender Weise über die Steuerverweigerungin Preußen aufklärte: Wenn ein gemeiner Mann drei Gulden stiehlt, dann setzt man ihn in die Eisen auf Rockenburg oder Marienschloß. Nicht wahr? Nun aber heißt es: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wenn der König von Preußen seit Jahr und ^ag die Steuern aus dem ganzen Lande gestohlen hat, dann durste er dafür herrlich und in Freuden leben. Aber jetzt will die Nationalversammlung in Berlin das Maaß der Justiz wieder gleich machen. Darum sagt sie, wer noch Steuern

zahlt, ist ein Volksverräther. Und nun frage ich Euch, ist dieser Beschluß gültig oder nicht? gerecht oder ungerecht?" Die Menge antwortete mit jubelnder Zustimmung.

In solcher Weisebelehrt" man das Volk, welches die krummsten Prämissen für gerade gelten läßt, wenn ihm nur der Schlußsatz wohlgefällt. Vorn ein Unsinn und hinten ein Unsinn, aber in der Mitte eine recht grobe Schmeichelei des allgemeinen Eigennutzes das nennt man Heuer volksthüm- liche Beredsamkeit.

III.

Bekanntlich gehörte es zu den feinsten Kunstgriffen der Jesuiten, die religiösen Stimmungen des Volkes zu politischen Machinationen zu mißbrauchen. Die demokratischen Jesuiten neuesten Styles stehen ihren alten Kollegen im Ordensrocke hierin nicht nach. Im Amte Hochheim ging ich unlängst an einem steinernen Christusbilde vorüber, an dessen Sockel die alte Inschrift übertüncht, statt ihrer aber folgender Vers in schönen, großen Zügen aufgetragen war:

Im Jahre achtzehnhundert vierzig und neun

Werden alle Güter gemein.

Die reichen Leute und Regenten

Werden gestürzt an allen Enden.

Die aber solcher Thaten sich befleißen

Sollt ihr nicht Rebellen und Mordbrenner heißen;

Denn Gott wirkt in ihnen."

Dieser Zug hat bis jetzt in der revolutionären Pathologie der Gegenwart gefehlt, daß man auch den frommen Beter zum kommunistischen Fanatismus zu begeistern sucht, indem man ihm einprägt, im Namen des politischen Systems sey selbst Raub und Brand ad majorem Dei gloriarn.

Deutschland.

* Wiesbaden, 27. Nov. Ueber die Cholerafälle, welche in den Aemtern Rennerod und St. Goarshausen vorgekommen seyn sollen, hat die Regierung durch Entsendung einer eigenen Kommission Untersuchung anstellen lassen, und darüber folgende Data in einem Reskripte mitgetheilt:

Nach den Uns vorliegenden offiziellen Berichten, sowie nach dem Berichte des von Uns nach St. Goarshausen zur Untersuchung der daselbst herrschenden Krankheit abgesendeten Kommissariuz ist es allerdings begründet, daß an beiden Orten (St. Goarshausen und Westernohe) eine Krankheit ausgebro­chen ist, welche dieselben Erscheinungen, wie die orientalische Cholera darbietet.

In St. Goarshausen kam der erste Erkrankungsfall in der Nacht vom 14. November bei einem 46 Jahre alten Manne vor, der noch an demselben Tage des Abends 8 Uhr der Krankheit erlag. Vom 15. bis zum 24. dieses erkrankten noch 23 Personen, von denen zehn nach einem mehr oder weniger raschen Verlaufe der Krankheit starbest, sechs sich noch in der Rekonvaleszenz und sieben noch in der Behandlung befinden, bei welchen letzteren die Krankheit weniger heftig auftrat, so daß deren Wiedergenesung erwartet werden darf. Im Uebri- gen herrscht in der Umgegend von St. Goarshausen ein guter Gesundheitszustand, weßhalb diese Epidemie als eine isolirte, aus örtlichen Verhältnissen hervorgegangene' Erscheinung zu be­trachten ist.

Ob eine Einschleppung der Krankheit stattgefunden, ist nicht zu erweisen, obgleich die Möglichkeit derselben nicht ganz