machtlos verhallen, um so mehr, als die Masse des Volkes der jetzigen Nationalversammlung herzlich müde ist. Zu größeren Aufständen in den Provinzen ist außerdem die Jahreszeit nicht lustig genug.
Manche eraltirt gewesene Abgeordnete sieht man jetzt mit tiefhängenden Köpfen gehen, und die Aeußerung „wir sind zu weit gegangen!" entschlüpft mit schweren Seufzern den Lipven dieser eingebildeten Mitkönige. Manche sind seit der Apostrophe um zwanzig Jahre gealtert.
Berlin, 21. Nov. (O.-P.-A.-Z.) Unsere Hoffnung, daß die vernünftige Entscheidung der Frankfurter Reichsversamm- lung unsere traurigen Konflikte zu "einer heilbringenden Lösung führen werde, ist nun fast zur Gewißheit geworden. Wir athmen wieder frei auf; der Bericht des Reichskommissärs Bassermann hat eine außerordentliche Wirkung hier hervorgebracht, weil er das erste unparteiische und zugleich offizielle Dokument ist, welches unsere Zustände wahrhaft darstelli. Alles, was darin gesagt ist, wurde hier von Jedermann gekannt und empfunden, aber dennoch nicht frei ausgesprochen, weil unsre Presse ganz ähnlich terrorisirt war, wie die Nationalversammlung. In demselben Fall waren alle unsere Behörden, die städtischen, wie die Gerichtsbehörden, denn das Vertrauen auf die Negierung war völlig verschwunden, weil sie die Macht, den Einzelnen gegen Gewaltsamkeit zu schützen, ganz verloren hatte. Die Partei der linken Seite wußte dies nur allzugut und beutete es bei jeder Gelegenheit aus. In den Provinzen war der Zustand kein anderer, und wenige Städte (etwa Breslau, Düsseldorf und andere ausgenommen) werden sevn, von denen wir nicht, wenn sie den Terrorismus der demokratischen Partei nicht mehr zu fürchten haben, ganz andere Erklärungen der Ortsbehörden empfangen werden, als wir jetzt erhalten haben. Dieser Zustand der Unfreiheit dauert für den Augenblick sowohl hier, als in den Provinzen noch fort. Denn noch ist den Gemüthern Gewißheit nicht geworden, daß die Regierung auf die Dauer die Oberhand behalten werde, und Viele fürchten entweder eine spätere Rache, oder wollen sich m ö g- I lich erhalten, wie der beliebte Ausdruck für den egoistisch ( spekulirenden Ehrgeiz ist. Erst nach und nach wird sich die i freie Stimme der Wahrheit erheben.
Wien, 19. Nov. (A. Z.) Den bisherigen Ermittelungen I zufolge, sind vom 6. Okt. bis zum 13. Nov. aus dem Zivil- ' stände 214 Verwundete und 513 Todte unmittelbar vom Kampfplatz ins allgemeine Krankenhaus gebracht worden. Die Zahl der in ihrem eigenen Hause behandelten Verwundeten und Gestorbenen ist nicht bekannt, dürfte aber jedenfalls sehr bedeu- tend seyn. Auf Seite des Militärs zählt man Todte: 14 Offiziere und 174 Unteroffiziere und Gemeine; Verwundete: / 42 Offiziere, 774 Unteroffiziere und Gemeine. Vermißt wer- I den 193 Mann.
Die Zahl der hier erscheinenden Blätter mehrt sich; von I einer Zensur ist natürlich nicht die Rede, aber es ist begreif- I lich, daß selbst die Besten Stillschweigen beobachten müssen B über manches was sie unter anderen Verhältnissen gewiß mit Unpartheilichkeit besprochen haben würden. Wie früher der Revolution, müssen sie jetzt dem Belagerungszustand die Konzession des Schweigens machen. Empörend ist es aber, wenn f man sieht wie manche Blätter, z. B. die „Geißel", die „Mittel- s straße", alles aufbieten, um nicht nur jeden Schritt von oben mit Weihrauch zu bestreuen, sondern auch mit der größten Unverschämtheit Personen an den Pranger stellen, in einem Augenblick wo solche Angriffe die härtesten Folgen nach sich ziehen können. Wie früher die Blätter des Radikalismus, so treten jetzt diese sogenannten konservativen Blätter jede Rücksicht des Anstands und des Edelmuths mit Füßen. Als Stylprobe mag Ihnen folgende Stelle in dem Programm tws Blattes „Schild und Schwert" von -I. Quirin Endlich dienen: „Das Feuilleton wird sich durch Mannichfaltigkeit und Schärfe der Dialektik auszeichnen, besonders wird es eine zeitgemäße j stehende Rubrik enthalten, betitelt: Judenkontrole. In dieser ft Rubrik werden alle Frechheiten, Uebergriffe, Anmaßungen mit Sachkenntniß, Wahrheit und Strenge gerügt, gleichviel ob dieselben einen Deputirten, Bankier, einen Schacherjuden oder die ganze Judenschast betreffen." Zum Lob der Behörden sey gesagt, daß sie das Blatt, in welchem die schändlichsten Ausfälle gegen die Juden vorkamen, konfiszireu ließen.
Wien , 18. Nov. (A. Z.) Bis vor wenig Tagen belief * S?""ne der tn Wien abgelieferten Gewehre auf 68,000 ""/Während aus dem k. k. und dem bürgerlichen Zeughause 1’ über 100,000 Gewehre vertheilt worden waren. Heute ist
nun eine wiederholte Warnung,von Seite des hiesigen Gemeinderaths ergangen, um die noch etwa verheimlichten Waffen bis zum Ablauf des morgenden Tages abzuliefern. Fünfzehn Kisten Gewehre, welche in der ungarischen Hofkanzlei aufgegriffen wurden, waren lauter neue Lütticher Gewehre, welche für Rechnung des ungarischen Ministeriums bestellt waren. Die Kanzleien des ungarischen Ministeriums des Acußern sind unter Siegel gelegt, und acht Beamte desselben, welche bei den letzten Wiener Vorgängen kompromittirt seyn sollen, verhaftet worden. Zu der militärischen Leichenfeier zu Ehren des ermordeten Grafen Latour waren, nebst der ganzen Generalität und fast allen Offizieren, an 40,000 Mann ausgerückt.
Wien, 20. Nov. Das neue Ministerium ist nach vielen Schwierigkeiten nun endlich zusammengesetzt, und die Mitglieder desselben (Fürst Schwarzenberg, Graf Stadion, v. Bruck, General Frhr. v. Cordon, Dr. Bach und von Thinnfeld) werden heute Abend aus Ollmütz zurückerwarter. Als gute Vorbedeutung für das neue Kabinet mag es gelten, daß es sicherm Vernehmen nach namentlich den Bemühungen und der festen Erklärung der HH. Stadion, Bruck und Bach gelungen sey, Se. Maj. den Kaiser zu mancher Konzession in Betreff seiner nächsten Umgebung zu vermögen, und wir wollen dieses Ministerium, welches mit Ausnahme des Hrn. Bach lauter neue Elemente zahlt, mit den besten Wünschen für sein Gedeihen und den besten Hoffnungen für unsere Zustände begrüßen.
Eine Versicherung die man mir gestern gab, es habe Fürst Windisch-Grätz seine Gedanken in Betreff der TodeSurtheile geändert, scheint begründet. Die Hinrichtungen sollen von nun an aufhören. Was mich bewegt, jene Versicherung als begründet anzunehmen, ist die Begnadigung des Kommandanten der akademischen Legion, Aigner, und eines Mitgliedes des Nationalgarde-Generalstabs, Padovani, von der ich so eben in Kenntniß gesetzt werde. Welches auch die Beweggründe seyn, biethen Fürsten bewogen eine andere Bahn einzuschlagen, ob, wie es heißt, ein Befehl aus Ollmütz, ob die allgemeine Mißbilligung seines Benehmens in ganz Deutschland, wir können uns nur dazu Glück wünschen. Die Begnadigung jener beiden Personen ist bis jetzt dem Publikum noch nicht bekannt. Sie wird nicht ermangeln, die Gemüther wieder ein wenig von der bangen Last zu befreien, welche seither auf ihnen ruhte. Nichts fehlt uns in diesem Augenblicke als der freie Verkehr durch Schrift und Wort.
Frankreich.
□ Paris, 22. Nov. Die gestrige Sitzung der Nationalversammlung ist überaus wichtig. Sie kann als der erste Kanonenschuß in der Präsidialschlacht betrachtet werden. Zu ihrem Verständniß mögen folgende Erörterungen dienen:
Man entsinnt sich der Juniverhöre der Glieder der ehemaligen Erekutivkommission, namentlich Arago's Lamartine'S, Ledru Rollins, Garnier Pagès ic. rc. Man entsinnt sich des großen Aufsehens, das die Veröffentlichung dieser Verhöre durch den sogenannten Bauchart'schen Bericht machte. Man wird ferner die Vorsicht nicht vergessen haben, mit welcher die Nationalversammlung jede öffentliche Debatte dieses Berichtes mied und sie nur auf Caussidiöre und Louis Blanc beschränkte. Die demokratischen Blätter protestirten zwar gewaltig gegen eine solche Parteilichkeit; aber was machte sich das Kabinet aus diesen Protesten? Indessen weckten doch das dumpfe Grollen der demokratischen Organe und vorzüglich das unaufhörlich Girardin'sche Geschrei in der „Presse" die allgemeine Aufmerksamkeit aus ihrem Schlummer, und man sah allmälig ein, mit welcher Leichtfertigkeit die Nationalversammlung über den Junikampf hinweggeschlüpft war. Wäre wirklich Recht geübt worden, so mußten Cavaignac und Ledru Rollin, gleich Caus- sidière und Louis Blanc, vor die Schranken des JunigerichtS gestellt werden — so lautete die allgemeine Stimme.
So lange indessen die Demokraten und der vom Volk gehaßte Girardin für bonapartistisches Gold nur allein gegen Cavaignac schrieen, warf das Kabinet die „Presse" in den Papierkorb. Standen ihm doch als Regierung alle möglichen Mittel zur Propaganda für die Kandidatur des Staatschefs zu Gebote. Man benutzte auch wirklich diese Mittel, um daS Girardin'sche Geschrei zu Schanden zu machen, in einer Weise, wie sich's selbst die absoluteste Monarchie nicht hätte einfallen lassen. Tag und Nacht waren seither die Buchdruckerpressen in Bewegung, und ganze Ballen voll Lobeserhebungen Cavaig- nac's, des Junlsiegers, wurden in das Land geworfen. Diese , Ausbeutung der Regierungsgewalt mußte endlich empören. /Namentlich hatten die Konkurrenten Cavaignac's (Girardin,