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Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^ 220. Sonntag den 26 November 18418.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfurstenthums Hessin, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 kr. —Inserate werden die dreispaltige Petit;eile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r s i ch t.
Der Umschwung in den preußischen Wirren.
Deutschland. Langen schwalbach (Feier für Robert Bluni). — Frankfurt (Reichstag). — Oldenburg (Die Zivilliste). — Berlin
(Die Reichskommiffäre. Die oktroyirte Verfassung. Hoffnung auf Beilegung der Konflikte). — Wien (Die Opfer des Kampfes. Die konservative Presse. Das neue Ministerium definitiv gebildet. Es sollen keine Hinrichtungen mehr stattfinden).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Großbritannien. London (Urtheile der englischen Presse über Deutschland).
* Der Umschwung in den preußischen
Wirren
£ Wenn etwa die Demokraten glauben, daß in Berlin jetzt noch ein großer Trumpf für sie ausgespiclt würde, dann sind sie stark im Irrthume. Jene gewaltige Spannkraft der Begeisterung, welche im März die Massen unwiderstehlich machte, L kann nur Einmal, nur auf ganz kurze Zeit vorhanden seyn; laßt sie nur um ein geringes nach — und dies ist längst geschehen — daun tritt das Volk wieder in seine passive Haltung zurück, welche überhaupt den größern Körperschaften na- i turgemäß eigenthümlich ist , denn nur das Individuum agirt selbstständig, die Menge wird geleitet. Aus der ganzen preu- j ßischen Bewegung sieht man, daß es der große Haufe ziemlich u satt hat, sich zum Besten einzelner Führer aufzuopfern, daß er wohl gar — und dies ist ein bedenkliches Zeichen — nach b e i C e n S e i t e n h i n verzweifelt und die Hände in den Schooß legt. Die krampfhaften Zuckungen, welche wir in Schlesien und der Aheinprovinz wahrnehmest, stoßen die Rich- trgkett dieses allgemeinen Satzes keineswegs um. Sobald die j Volksbewegung nicht mehr die magische Kraft besitzt, das Multar wie es in den Märztagen der Fall war — sofort auf ihre Seite zu ziehen, seine Kraft, noch ehe ein Schwert- stre ch geschehen ist, zu lähmen, wird sie auch bei dem starrsten W-oerstand unterliegen. Die Geschichte aller Revolutionen bestätigt dies. So lange in Wien die Stellung der Truppen gegenüber den Aufständischen zweifelhaft war, konnte man an einen Sieg der Erhebung glauben, von dem Augenblicke an aber, wo die Militärmacht eine entschieden gegnerische Stellung emnahm, war der Streit entschieden.
^a^^^llärung dieser Erscheinung liegt auf der flachen Abgunst durch's ganze Volk, dann fallen
2 Armeekorps die Waffen aus den Händen, 2 lft M selber nur ein Theil dieser Gesammtheit; so £»f \ Agitation bloß noch als Parteibewegunger- das Gesetz der gegenseitigen Spannung âsich die Macht des Heeres sich verdoppeln, seine 'S^ immer g-gm d-s & ad,«»-. tion’pi/ 6»1111 a^e man uur immer fort mit Parteidemonstra- dadurch nichts weiter erzielen, als eine es ivir! Erbitterte, aristokratische Abschließung des Heeres; siessen ^en Ursprung aus dem Volke ver- in ihm bks Despotismus wird immer kräftiger -ym aufwachsen und die Militärherrschaft in ihrer vollsten
Blüthe wird das letzte Ziel seyn. Im März war kein esprit de corps im Heere, die langen Friedensjahre hatten ihn ein- gelullt; jetzt aber haben die Feldzüge, die Kämpfe, die Heerlager einen festen Kitt zwischen die Glieder des Soldatenstandes gegossen. Glaubte man nicht, bei den jüngsten Steuerverweigerungsunruhen in der Rheinprovinz, würden sofort ganze Städte den offenen Bruch mit der alten Monarchie faktisch vollziehen? Und was ist geschehen? Das bloße Erscheinen von 900 Mann Soldaten unterdrückt die ganze Bewegung in Bonn, und in den andern Orten geht es in ähnlicher Weise.
Die Masse ist ihrer selbst nicht mehr gewiß; — darin liegt das Geheimniß. Jenes unbegrânzte Selbstvertrauen, mit welchem man im März die ganze Welt und den Himmel dazu zu erobern sich getraute, ist gewichen. Damals gab es eine Bürgerwehr, sie hatte keine Organisation, keine Gewehre, aber sie siegte; jetzt ist sie organisirt und bewaffnet — wie es scheint aber nur zu dem humoristischen Zwecke, um sich gelegentlich auflösen oder entwaffnen zu lassen.
Das Volk in Preußen steht nicht mehr, wie Ein- Mann. Jede Adresse ruft eine Gegenadresse hervor. Ja der Gegensatz treibt zu Extremen, die man vor wenigen Wochen noch für ganz unmöglich gehalten hätte. Nicht blos die Loyalität, selbst der ganze Zopf der Loyalität taucht wieder auf. Man lese die Zustimmungsadressen an den König. Sie beginnen großen- theils mit jener gewaltigen Phrase, deren Schema wir in unserer Jugend in Sanguins französischer Grammatik bewundern lernten: „Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König, allerguädigster König und Herr!" und schließen mit einem aUerunterthänigsten Ersterben, und soweit haben sich die Extreme gejagt! Kann man's einem Könige verärgern, wenn er Angesichts solcher Zeichen der Zeit unbeweglich auf seinen Forderungen stehen bleibt? Jeder hält denjenigen Theil des Volkes für das ganze Volk, der ihm eben nach dem Sinne spricht. Durch diese kindische Interpretation ist der ganze Begriff einer Berufung an das Volk bereits lächerlich geworden, weil kein Vernünftiger an etwas Anderes dabei denkt, als an eine wohlfeile Selbsttäuschung, die man dadurch gewinnt, daß man sein eigenes Gesicht in dem Spiegel seiner Partei änschaut. Aber wer soll nun in letzter Instanz entscheiden? Ihr sagt die Vernünftigen? Jeder hält nur die eigene Partei für vernünftig. Die Sachkundigen? Heuer meint Jever, er selber sey der Sachkundigste. Wir wissen keinen anderen Rath , als indem wir eine Ketzerei begehen. Wir sagen: Entscheiden soll die Autorität! Diese Autorität aber, und zwar die einzige, ist der vielgeschwächte deutsche Reichstag. Er hat bereits entschieden, entschieden mit großer Selbstverläugnung und Aufopferung. Der Beschluß des^Parlaments, welcher die Steuerverweigerung in Preußen für ungesetzlich erklärt, ist ein großartiger. Respekt vor diesem Beschluß! Er ward gefaßt, obgleich man wußte, daß er bei dem großen Haufen abermals „unpopulär" machen würde und doch ward er gefaßt, weil die Einigkeit Deutschlands ihn erheischt. Das sind die wahren Volksvertreter, die das Volk auch, wenn es seyn muß, zurecht weißen, die ihm kühnlich gegen den Sinn fahren, wo die Forderungen einer gereiften Politik solches erheischen. Denn die Masse wird immer später reif, als die begabtesten Individuen.
Seit der Reichstag in den mißlichen preußischen Angelegenheiten so entschieden den Grundton einer deutschen Politik angeschlagen, ist es uns nicht mehr bange. Und daß es