Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J£ 21S Samstag den LS. November 18L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fL, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes B fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebe r [ i ch t.
Nach dem Tode Robert Blums und nach dem Tode Felix
Lichnowsky's.
Zur Charakteristik der Berliner Wirren.
Deutschland. Wiesbaden (Trauerfeier für R. Blum). —..Frank
furt (Reichstag.) — V um Dia in (Verminderung des französischen
Kriegsetats). — Darmstadt (Das neue Wahlgesetz). — Stuttgart
(Windischgrätz Mitglied der würtembergischen Kammer). — Bonn (Die
Unruhen). — Berlin (Die Entscheidung in der Hand des Königs. Die
Verhaftungen. Neuester Stand der Dinge). — Wien (Verhaftung von Frauen. Die Universität. Nachträgliche Begnadigung Messenhausers).
— Prag (Die Tschechen über Blums Hinrichtung. Der Kaiser).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
* Nach dem Tode Nobert Blums und nach dem Tode Felix Lichuowskys.
Es hat in uns ein freudiges, ja ein ssolzes Gefühl erweckt, daß die ganze konservative Presse Deutschlands, soweit uns deren Organe zu Gesicht kommen, auf Anlaß der Tragödie in der Brigittenau, feinen Takt, Zartgefühl an den Tag gelegt hstt. hat uns dies um so mehr gefreut, da die demokra- tijche Presse bei dem tragischen Ende Auerswald's und Lich- nowsky's nichts zu. beurkunden wußte als — Rohheit und Brutalität. Wir wollten uns revanchiren, ihr Herren von der Demokratie, darum zeigten wir, daß Anstand und Sitte uns heilig ist, damit man um so deutlicher erkennen möge, wie gemein ihr selbiges Mal gewesen seyd!
Wenn man uns nun das einfache menschliche Gefühl, welches uns abhält, einem so traurig gefallenen Gegner wie Robert ^Aum, nachträglich noch einen Fußtritt zu geben, als Schwache und Inkonsequenz vorwirft, dann können wir Denen, die solches thun, nur wünschen, daß sie — eine bessere Erziehung mochten genossen haben! Politische Sympathien für den Abgeordneten Robert Blum in der Paulskirche, für den Frei- scharler-Hauptmann Robert Blum auf den Wällen von Wien hatten wir keine, wohl aber haben wir ein rein menschliches Mitgefühl für den unglücklichen Mann in der Brigittenau und die noch unglücklicheren Hinterbliebenen in Leipzig. Ein sol- ches menschliches Mitgefühl hätte der demokratischen Presse auch sehr wohl angestanden, als die Gräuelthat im Schmidt'- fchen Garten bei Frankfurt verübt war; wenn sie statt dessen säst nur Rohheit und Brutalität zu bekunden wußte, dann mag man dies immerhin Konsequenz nennen — wir ge- offen, uns schaudert vor einer so kanibalischen Konsequenz. Pfui über Den, der am Grabe seines gefallenen Geq- ners noch der Feindschaft gegen denselben Worte leihen kann!
^PshunR die Sitte, der Anstand sagt uns, daß man Grabe die Schwächen des Todten vergessen und seiller Vorzüge solle, und mit dem letzten Athemzuge des Sterben- ^^ Houch des Grolles gegen ihn aus UN- ben sevn. Wo Gott gerichtet hat, da ha- wekekn. t r Eh^ su richten. Darum waren die ersten Worte, der Kunde von Robert Blum'ö Tode nieder- bereit ff sAnerkennung, darum erklärten wir uns Run// S • ‘ne H'ntcrbliebenen zu sammeln. Es gibt einen Mensch r Politiker, der Parteimann aufhört und der ^f^igt, und es ist eine ewige Schmach für die geg
nerische Seite, daß sie nicht so viel feinen Takt, nicht so viel menschliches oder besser religiöses Gefühl gehabt hat, um diesen Punkt nach der Greuelthat zu Frankfurt wahrzunehmen.
Als der Löwe gefallen war, sagt man, sey noch Ein Thier herzugetreten und habe dem todten Löwen einen Tritt gegeben, und dieses Thier, sagt man, sey --der Esel gewesen.
Zur Charakteristik der Berliner Wirren.
(Aus der Deutschen Ztg.)
Der Beschluß über die Steuerverweigerung, der so sehr zu beklagen ist, wird von den Abgeordneten selbst als nicht rechtskräftig angesehen. Denn die zur Geltung nothwendige zweite Lesung wird absichtlich nicht vorgenommen. Sobald auf Seite der Krone Schritte zur Vermittelung gethan werden, soll wohl bei dieser zweiten Lesung die Steuerverweigerung verworfen, der erste Beschluß also kassirt werden. So gilt dieser Beschluß als eine Drohung; man soll ihn sogar als Zeichen der Versöhnlichkeit ansehen Es ist unzweifelhaft, daß ein großer Thejl der Abgeordneten den Bruch nicht will. ES stünde zu erwarten, dass der größte Theil mit aufrichtiger Freude die dargebotene Hand zur Versöhnung ergriffe. Dennoch hat dieser unselige Beschluß die ganz entgegengesetzte Wirkung. Er verbreitet sich mit ungemeiner Schnelligkeit durch das Land, gleichviel, ob er befolgt oder nicht befolgt wird, er gilt als rechtskräftig ausgesprochener Wille der Volksvertreter und unsere Vertreter lassen ihn als solchen gelten. Der Oberpräsident von Schlesien, Pinder, macht Miene, die Steuer zurückzuhalten, nicht aus eigner freier Ueberzeugung, sondern gestützt auf diesen Beschluß, der als Beschluß nicht einmal feststeht vor einer zweiten Lesung. Daß Pinver sogleich vom Amt entfernt ist, leidet keinen Zweifel; man hält ihn allgemein für genöthigt zu dieser Widersetzlichkeit; aber er hätte besser gethan, sein Amt niederzulegen, wenn er entweder unfähig war, sich gegen Mc andrängenden Massen zu halten, oder wenn er einem solchen Ministerium nicht untergeben seyn wollte. Schlesien ist in der höchsten Verwirrung.
Die Nationalversammlung sieht einem solchen treiben zu, ohne eine Erklärung abzugeben, oder ohne den durch sie hervorgerufenen Widerstand durch eine Zweite Lesung, wenigstens was an ihr ist, zu legalisiren. So hat der von ihr geduldete Widerstand, der sich an ihren Beschluß anlehnt, nicht einmal das Recht, sich auf ihren Beschluß zu berufen. Die Feinde der Versammlung triumphiren über diesen Beschluß. Des Königs Ohr ist umlagert von Vorstellungen, daß nach einem solchen Beschluß die Resolution des deutschen Parlaments unmöglich berücksichtigt werden kann. Mit dieser Versammlung, heißt es, kann der König sich nicht versöhnen und nimmermehr über eine Staatsverfassung vereinbaren, die sich so selbst gerichtet hat. In Brandenburg werden Vorbereitungen getroffen und diejenigen, welche für die Beibehaltung der Verlegung sprechen, sind noch die Gemäßigten. Am liebsten möchte man den König überreden, daß an eine Vereinbarung überhaupt nicht mehr gedacht werden könne, und daß es seine heiligste Pflicht sey , durch Ok- toyirung einer Konstitution dem unglückseligen Zustand seines Landes schleunig abzuhelfen. Daß der König dadurch einen Theil seiner Verheißungen verleugnet, sucht man schlau zu bemänteln, und indem der Monarch mit eiserner Festigkeit