launenhafter als der alte Wächter Kaskambo hatte viel von ihr zu leiden; aber die Liebkosungen und die Zutraulichkeit des jungen Mamet waren eine Zerstreuung und selbst eine Stütze in seinem Unglück. Dieses Kind war ihm so zugethan, daß die Drohungen und üble Behandlung seines Großvaters es nicht abhalten konnten, mit dem Gefangenen zu spielen, so oft es Gelegenheit dazu fand. Es hatte ihm den Namen Koniak gegeben, der in der Landessprache einen Gast und Freund bezeichnet. Es theilte heimlich die Früchte mit ihm, die es sich verschaffen konnte, und während der erzwungenen Hungerzeit, wozu man den Major verdammt, benutzte es voll Mitleid geschickt die momentane Abwesenheit seiner Aeltern, um ihm Brod und geröstete Kartoffeln zu bringen.
Einige Monate waren seit der Absendung des Briefes ohne erheblichen Vorfall vergangen. Während dieser Zeit hatte Iwan sich die Gewogenheit der Frau und des Greises zu erwerben gewußt; wenigstens war er dahin gelangt, sich nothwendig zu machen. Er verstand zu kochen und ausgezeichnet das Kitschli*) zu bereiten, und hatte seine Wirthe an die Annehmlichkeiten gewöhnt, die er in ihrem Hauswesen einführte.
Um mehr Zutrauen zu erlangen, hatte er sich mit ihnen auf den Fuß eines Possenreißers gestellt, indem er jeden Tag einen neuen Scherz erfand, um sie zu amüsiren: Ibrahim liebte besonders, ihn den Kosackentanz aufführen zu sehen. Wenn ein Einwohner des Dorfes sie besuchte, so nahm man Iwan die Fesseln ab und ließ ihn tanzen; auf diese Weise hatte er sich die Freiheit verschafft, im Dorfe umherzugehen, wobei ihn gewöhnlich ein Haufe Kinder begleitete , der durch seine Späße angezogen wurde.
Der Major selbst war oft genöthigt, mit seinem Dentschick russische Lieder zu singen und auf der Guitarre zu spielen, um diese wilde Gesellschaft zu belustigen. Im Anfänge nahm man ihm die Fesseln seiner rechten Hand ab, wenn man von ihm diese Gesälligkeit verlangte; als aber die Frau bemerkte, daß er zuweilen auch ungeachtet seiner Eisen spielte, um die Langeweile zu vertreiben, bewilligte man ihm nicht mehr diese Gunst und der unglückliche Musiker bedauerte mehr als einmal, daß er sein Talent gezeigt hatte. Er wußte damals nicht, daß seine Guitarre eines Tages das Mittel werden würde, ihm seine Freiheit zu verschaffen.
Um die so ersehnte Freiheit zu erlangen, entwarfen die beiden Gefangenen tausend Pläne. Seit ihrer Ankunft in dem Dorfe schickten die Einwohner jede Nacht einen Mann zur Vermehrung der Wache. Allmälig unterließ man diese Vorsicht. Oft kam die Schildwache nicht: die Frau und der Knabe schliefen in einer benachbarten Kammer und der alte Ibrahim blieb allein bet ihnen; aber er hielt sorgfältig den Schlüssel seiner Fesseln bei sich und wachte beim geringsten Geräusch auf. Von Tage zu Tage ward der Gefangene mit
*) Ein russisches Getränk, aus einer Art Bier, von Mehl gemacht, bestehend.
größerer Härte behandelt. Da auf sein Schreiben keine Antwort zurückkam, fanden sich die Tschetschenzen oft in seinem Gesängnisse ein, um ihn zu insultiren und mit der grausamsten Behandlung zu bedrohen. Man entzog ihm seine Nahrung, und eines Tages sogar hatte er den Kummer zu sehen, daß der kleine Mamet unbarmherzig gezüchtigt wurde, weil er ihm einige Mispeln gebracht hatte.
Ein sehr bemerkenswerther Umstand bei der Übeln Lage Kaskambo's ist das Vertrauen, das seine Verfolger zu ihm hatten und die Achtung, die er ihnen eingeflößt hatte. Während ihn diese Barbaren mit der größten Grausamkeit behandelten, kamen sie oft ihn um Rath zu fragen und ihn zum Schiedsrichter in ihren Angelegenheiten zu wählen. Unter andern verdient folgender Streit seiner Eigenthümlichkeit wegen erwähnt zu werden. (Forts. folgt).
Avs der Rede Bassermanns über die Lage von Berlin.
(Fortsetzung.)
Ich habe mich daraus bemüht, mich bei den Mitgliedern der Nationalversammlung zu erkundigen über das, was denn gegen diese Männer vorliege, und warum man ein so unbe- gränztes Mißtrauen in sie setze. Meine Herren, ich habe W Mitgliedern der Nationalversammlung, die mit bei der Deputation waren, welche ein anderes Ministerium verlangte, dir noch mit in der Versammlung saßen, trotz der ausgesprochenen Vertagung, keine Thatsache erfahren können. Ich glaube es schuldig zu seyn, dieß hier auszusprechen. Ich habe nicht ihren Vertheidiger zu machen, aber was wahr ist, soll gesagt werden, auch in diesen Tagen der Unfreiheit. Demi Grafen von Brandenburg wußte man nichts nachzusagen, als die Erlassung eines Armeebefehls, die dem des Generals Wrangel ähnlich sey und über Herrn von Manteufel zitirte man eine Stelle aus dem Protokolle des vereinigten Landtags, wonach^ er sich mit Herrn v. Vincke gestritten haben soll. Aber das hörte man von denselben Männern, daß in die Ehrenhaftigkeit ihres PrivalcharakterS kein Zweifel zu setzen sey, und man nahm an, sie würden nichts thun, was ihren Worten widersprechen werde.
Am nächsten Tage habe ich mich zum König verfügt. Es ist nicht Sitte mitzutheilen, was man mit einem Monarchen konferirt, aber ich glaube doch sagen zu dürfen, wie im Allgemeinen ich den König traf. Was unsere Beziehungen zu Frankfurt betrifft, so fand ich ihn deutscher gesinnt, als ich es glaubte. Während die Nationalversammlung von Berlin in Beziehung auf die Posener Frage z. B. einen . Beschluß gefaßt hat, der dem der hiesigen Versammlung vollkommen widerspricht, hörte ich aus des Königs Munde den Entschluß, den Beschluß der deutschen Reichsversammlung ausführen zu lassen. Ich fand ihn auch entschlossen, den Gräuelszenen, die in