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Beiblätter

zur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen

M 218

Freitag den 241» November

1848

^ Die Gefangenen im Kaukasus.

(Fortsetzung.)

Als die kleine Eskorte an einen Waldstrom gelangte, ging sie das Bette desselben ungefähr eine halbe Werst hinauf und stieg dann an einer Stelle aus, wo das Ufer am steilsten und dicht mit Dornengesträuch bewachsen war, indem sie sorgfältig vermied, eine Spur ihres Weges zurückzulassen. Der Major war so ermüdet, daß man, um ihn bis an den Fluß zu brin­gen, ihn mit Gurten unterstützen mußte. Seine Füße waren blutig, man beschloß daher, ihm seine Fußbekleidung zurückzu­geben, um den noch übrigen Weg zurücklegen zu können.

Bei ihrer Ankunft im ersten Dorfe erschien Kaskambo, der mehr von Kummer als Erschöpfung litt, seinen Wächtern so schwach und hinfällig, daß sie für sein Leben fürchteten und ihn menschlich behandelten. Man gestattete ihm etwas Ruhe und ein Pferd für die Reise; aber um die Russen von den Nachforschungen abzubringen, die sie vielleicht anstellen könn­ten, und den Gefangenen selbst außer Stand zu setzen, den Ort seiner Gefangenschaft seinen Freunden zu verrathen, trans- portirte man ihn von Dorf zu Dorf, indem man die Vorsicht gebrauchte, ihm die Augen mehrfach zu verbinden. Er passirte auf diese Weise einen ansehnlichen Fluß, den er für die Sonja hielt. Man behandelte ihn während der ganzen Reise mit Sorgfalt, indem ihm hinreichende Nahrung und die nöthige Ruhe zu Theil wurde. Als er jedoch das entlegene Dorf er­reicht hatte, das zu seiner Aufbewahrung bestimmt war, än­derten die Tschetfchenzen plötzlich ihr Betragen gegen ihn und ; ließen ihn alle möglichen Mißhandlungen erdulden. Man legte ihm Fesseln an Füße und Hände und eine Kette um den Hals, an deren Ende ein Eichenklotz befestigt war. Der Dentschick wurde weniger streng behandelt, seine Fesseln waren leichter und gestatteten ihm, seinem Herrn einige Dienstleistungen zu erweisen.

In dieser Lage besuchte ihn Jemand, der russisch sprach, und rieth ihm, an seine Freunde zu schreiben, um sein Löse­geld zu erhalten, das auf 10,000 Rubel festgesetzt war. Der

unglückliche Gefangene war nicht im Stande, eine solche Summe zu bezahlen, und hatte keine andere Hoffnung, als die Protek­tion des Gouverneurs, der einige Jahre vorher einen Oberst, der ebenso wie er in die Hände der Feinde gefallen war, ran- zionirt hatte. Der Dolmetscher versprach ihm Schreibmateria­lien zu verschaffen und den Brief zu besorgen; aber als er seine Einwilligung erlangt hatte, erschien er einige Tage nicht wieder, während, welcher Zeit dem Major eine noch grausa­mere Behandlung zu Theil wurde. Man entzog ihm die Nah­rung, man nahm ihm die Binsenmatte, worauf er schlief, und den Kosackensattel, der ihm als Kopfkissen diente; und als der Unterhändler endlich wieder erschien, zeigte er ihm im Ver­trauen an,- daß wenn man auf der Linie die verlangte Summe zu zahlen sich weigere oder ihre Auszahlung verzögere, die Tschetfchenzen entschlossen seyen, sich von ihm zu befreien, um die Kosten und Sorgen, die er ihnen verursachte, zu ersparen. Der Zweck ihrer grausamen Behandlung ging dahin, ihn zu bestimmen, in der dringendsten Weise zu schreiben. Man brachte ihm endlich Papier nebst einem zugeschnittenen Rohre, nach tartarischem Gebrauch; man nahm ihm die Fesseln von seinen Händen und seinem Halse ab, damit er ungehindert schreiben konnte, und als der Brief fertig war, ward er den Anführern übergeben, die es über sich nahmen, ihn an den Kommandan­ten der Linie abzusenden.

Von nun ab wurde er weniger hart behandelt und nur noch mit einer Kette gefesselt, die am Fuße und der rechten Hand befestigt war.

Sein Wirth, oder vielmehr sein Gefangenwärter war ein Greis von 60 Jahren, von gigantischer Gestalt und wildem Ausschn, das sein Charakter nicht Lügen strafte. Zwei seiner Söhne waren in einem Gefechte mit den Russen getödtet; aus diesem Grunde hatte man ihn vor allen andern Dorfbewoh­nern zum Hüter des Gefangenen ausersehen.

Die Familie dieses Mannes, der sich Ibrahim nannte, bestand aus der Wittwe eines seiner Söhne, einer Frau von 35 Jahren und einem jungen Kinde von 7 bis 8 Jahren, das Mamet hieß. Seine Mutter war eben so boshaft und noch