winnt neuerdings Bestand und findet bei gut unterrichteten Personen Glauben.
Leipzig, 19. Nov. Es stellt sich immer klarer heraus, daß die hiesige radikal-demokratische Partei mit ihrer Organisation eines Freischaarenzuges nach Berlin einen andern Zweck verband: die Bildung einer demokratischen Wehrmannschaft neben und außerhalb der Kommunalgarde, ein Unternehmen, wozu bereits bei der letzten Volksversammlung in der ThomaSkirche ein Student öffentlich aufzufordern wagte. Die Waffen, welche durch den Ertrag der Haussammlungen beschafft wurden, sollten wahrscheinlich in Berlin die Bluttause erhalten. Proskriptionslisten sind bereits angefertigt und, wie man allgemein erzählt, 28 mißliebige N amen darin eingetragen. Es war demnach Zeit, daß unsere Behörden dem Beginnen ein Ende machten und den Waffenvorrath in Beschlag nahmen. Wir hatten nicht geglaubt, daß unsere Demokraten ihre Partei durch Kinder von 11 bis 12 Jahren verstärken würden. Dennoch fehlten auch diese, den weißen Hut mit der rothen Feder auf dem Kopf, bei dem gestrigen Krawall nicht und machten sich durch Pfeifen und Schreien sehr bemerklich. Der übrige Theil gehörte meist dem Jüngslingsalter an. Viele von ihnen sind hier als Tagediebe und Faullenzer berüchtigt. (O.-P.-A.-Z.)
Dresden, 18. Nov. (K. Z.) An der Thomaskirche in Leipzig hat Hr. Dr. Großmann sein Amt als Superintendent niedergelegt, weil ihm durch die Volksversammlung zur Tod- tenfeier Robert Blum's die Kirche entweiht scheint. Von der Kanzel herab wurde nämlich die Versammlung geordnet, von der Kanzel sprachen die Redner, Viele behieltendie Hüte auf; ja, das Bildniß Blum's wurde von Einigen am Altare aufgestellt, und Mehrere haben sogar Zigarren geraucht.
Vom niederschlesisch-märkischen Bahnhöfe erhielt die „Neue Preußische Zeitung" in Berlin am 18. Novbr. aus Breslau folgende Mittheilung: Nach den heute früh von Breslau an- gekommenen Nachrichten ist es gestern dort zu Erzessen gekommen. Das zum Theil schon vorgestern ansgerückte Militär hatte die Stadt gänzlich verlassen, uno sich vor derselben aufgestellt. Die demokratische Partei soll das Regierungs- und Polizeigebäube besetzt und eine Steuerverweigerung prokla- mirt haben.
Auch die neueste Post aus Berlin vom 19. Novbr. hat uns keine Nachrichten von einigem Belang überbracht. Die gestern mitgetbeilten Gerüchte von der Bildung eines neuen Kabinets (Beckerath, Camphausen, Simon re.) scheinen wieder verstummt; wenigstens erwähnen unsere heutigen Briefe nichts davon; nur die lithographirte Korrespondenz will wissen, man sey am königlichen Hoflager zu versöhnlichen Maßregeln geneigt, und habe Schritte vorbereitet, um ein Ministerium aus den Zentren zu bilden. — Auch aus den Provinzen liegen keine neuere Nachrichten don Erheblichkeit vor.
In der Uckermark haben die Gutsbesitzer beschlossen, den einberufenen Landwehrmann täglich 1 Sg. Zulage für jeden Mann zu geben. — Eine große Anzahl Freiwilliger melden sich zum Eintritte beim 1. Garde-Regiment; bereits entlassene Unteroffiziere desselben Regiments haben-begehrt, als Freiwillige (und zwar als Gemeine) im Garde-du-Korps-Regiment ausgenommen zu werden.
Potsdam, 17. Nov. Für den nächsten Sonntag ist eine große Demonstration verabredet, um Sr. Maj. dem Könige eine Adresie, in welcher um die Aufhebung des Belagerungs- 3ustandes von Berlin gebeten wird, zu überreichen. Damit diese Adresse mehr Eindruck mache, soll sie am Sonntage, um 10 Uhr Vormittags, von einer imposanten Volksmasse, die M auf dem Wilhelmsplatz versammeln soll, nach dem königl. Lchloffe begleitet werden. Nach dem entworfenen Programme sollten Magistrat und Stadtverordnete, Bürgerwehr und Schutzengrlde, der politische Klub rc. an diesem Zuge Theil nehmen., Magistrat und Stadtverordnete haben indeß bereits ihre Theilnahme abgelehnt. (Berl. N.)
Breslau, 18. Nov.' (K. Z.) Wir befinden uns hart an der Gränze der vollständigsten Anarchie. Der Oberpräsident hat sich für die Nationalversammlung erklärt, die Regierung dagegen eine sehr kraftlose Bekanntmachung erlassen, wo-
Forterhebung der Steuern verlangt; auch in ihrem Schooße herrscht arger Zwiespalt, und der obige Beschluß ist mir mit Muhe und großem Widerspruch zu Stande gekommen. Die permanente Zentralkommission, bestehend aus' Abgeord- Burgerwehr-Bataillons und der Klubbs, ist heute von dem Magistrat und den Stadtverordneten durch Mauer-
Verantwortlicher Redakteur W H . R i ThI. — DruckünUrläg
anschlag desavouirt, weil sie eine Behörde konsiituiren wollte, welche die Erhebung und Verwaltung der Steuern übernehmen sollte. Dieselbe Kommission hat in alle Kreise der Provinz gedruckte Plakate geschickt, worin sie auffordert, die Land- räthe" zu fragen, ob sie für die Nationalversammlung oder für das des Hochverraths angeklagte Ministerium seyen; im letzteren Falle sey der Landrath gefangen zu nehmen, und im bewaffneten Aufstande hierher zu bringen. Darauf wird wieder von den städtischen Behörden jene Kommission, als mit den städtischen Angelegenheiten in keiner Weise betraut, gänzlich desavouirt. Das Militär hat seine Kräfte verstärkt und wartet sehnlich auf den Belagerungszustand, kommunizirt auch nicht mehr mit dem Oberpräsidenten, nachdem er die obige Erklärung abgegeben. Die königlichen Kassen sind von der Bürgerwehr besetzt — angeblich zum Schutze, kurz, es herrscht eine unbeschreibliche Verwirrung, und die Maschine geht nur noch aus alter Uebereinkunft fort. Vor Allem zu beklagen ist, daß aller Schmutz und Schund wieder oben schwimmt und sich geltend macht und die niedrigsten Parteileidenschaften ent- fesselt sind.
Wien. Nach dem C. Bl. a. B. gehört zu den Bedingungen, unter welchen der Belagerungszustand aufgehoben werden soll, auch die, daß die Stadtpolizei, seit dem März in den Händen der Kommune, an den Staat zurückfallen soll. Welch eine wichtige „Märzerrungenschaft" dadurch verloren geht, ist offenbar. Dasselbe Blatt theilt mit, daß auf Befehl des Fürsten Windischgrätz der Druck der stenographischen Berichte des Reichstags, der noch viele Sitzungen rückständig st, mußte eingestellt werden. Die bezüglichen Schriften sind bis auf Weiteres unter Siegel gelegt worden. Das. herrschend! Mißtrauen steht darin schon die Andeutung, daß man auch die Unverantwortlichkeit der Abgeordneten für das, was ft in der Kammer sagen, nur in so weit aufrecht halten werde, als es eben zweckmäßig scheint. Dem gleichen Mißtrauen wird man es zuschreiben, wenn der Corrèsp. des C. Bl. sich folgendermaßen ausläßt: „Es scheint nicht, als ob man vor der Hand ganz offen mit den freisinnigen Prinzipien buchen wolle! Ich glaube sogar, daß man geneigt ist, so viel als eben unausweichlich, von denselben zeitweilig gelten^ lassen. Ich zweifle aber auch keinen Augenblick, daß man fesl entschlossen ist, die Praxis dieser Prinzipien in so enge Schranken zgrückzudrängen, als nur immer möglich. Man möge mich darum nicht einen Schwarzseher nennen — man 'ff fangen die Wirklichkeit, chie Vorgänge in Oesterreich und Preußen, man nehme Rücksicht auf die neu geschloffene Freundschaft der drei östlichen Großmächte, und gebe sich dann selber bit Antwort. Die große Kunst des Rückschrittes ist die, scheinbar fest zu halten an dem Betheuerten und thatsächlich et fallen lassen!"
Wien. Man spricht in Krakau viel davon, daß Krakau zur Hauptstadt des polnischen Theiles Galiziens, bestimmt sch so daß hier ein polnisches Gubernium und ein polnischer Landtag ; in Lemberg aber ein ruthenisches Gubernium und ein ruthenischer Landtag ihren Sitz haben sollen.
Frankreich.
□ Paris, 20. Nov. Das gestrige Nachfest verlief ohne alle Störung. Die Befürchtungen der Regierung, daß Unruhen ausbrechen würden, haben sich keineswegs bestätigt. Die einzigen Demonstrationen, die etwa dazu Veranlassung hätten geben können, fanden gegen Abend auf dem Stadthausplatze statt. Das Volk, das dort überaus zahlreich versammelt war, rief mehrere Male sehr energisch: Nieder mit der Mobilgarde! Hoch die Linie! Es lebe die demokratisch soziale Republik! rc.
Indessen stellten sich die anwesenden Mobilgarden taub und die Illumination verlief ruhig. Um Mitternacht war der Platz leer.
In der Voraussetzung von Emeuten, hatte das Ministerium gestern bedeutende Waffen - und Munitionsmassen aus den Zeughäusern in die Kasernen führen lassen. Auch waren alle Wachtposten verdoppelt.
So wäre denn — ruft ein Regierungsblatt aus — auch das volksthümliche Konstitutionsfest würdig vorüber und das republikanische Staatsgebäude kann als vollendet betrachtet werden. Doch noch Ein Stein fehlt ihm, und dies ist der Präsident. Hoffentlich wird der gesunde französische Sinn auch diesen Stein noch ruhig zu finden und hinzuzufügen'wisien.
der L. Sch ellenberg'schen Hvs-Buchhandluna in Wiesbaden.