eten nach Deutschland. Die dortige Wohlfeilheit der Arbeit und aller sonstigen Dinge machte es den Deutschen sehr leicht, ihren literarischen Ruf auszubreiten.
Ihre Gelehrten hatten die reichen Schachteln der englischen, holländischen und französischen Gelehrsamkeit auS dem 17. Jahrhundert vor sich, die sie plündern konnten; und man muß gestehen, sie verfuhren nicht schonend in ihrem literarischen Diebstahl. Sie überschwemmten Europa mit ihren wohlfeilen Ausgaben diebischer Kompilationen, wie sie jährlich die Leipziger Büchermesse bringt. Die Welt mit neuen wohlfeilen Ausgaben alter Bücher zu versorgen, daran wäre nun eben kein Arg gewesen; aber dies war nicht die einzige Folge. In England, und wohl auch in anderen Ländern, war es den Schulmännern und Gelehrten nicht unangenehm, das für wenige Shilling zu kaufen, was sonst viele Pfund gekostet, und sie versorgten sich mit den deutschen Ausgaben gelehrter Werke, und nahmen allzu bereitwillig als neue Entdeckungen an, was nur ein schlechtes Gehâcksel unserer eigenen englischen Gelehrsamkeit von zweihundert Jahren her war. Allerdings gereicht es Orford und Cambridge nicht zur Ehre, daß sie mit ihren großen Einkünften nicht bessere Vehikel klassischen und Histo- rifchen Unterrichts beschaffen konnten, als sie sich herabgelassen (condescended) von den deutschen Bettel-Universitäten zu borgen — Bettel-Universitäten in jedem Betracht, so arm an wirklicher Gelehrsamkeit wie im Säckel. Von der klassischen und historischen Literatur ging die Mode deutscher Piratie und englischer Bewunderung für gestohlenes Gut auf jedes andere Literaturfeld über.
Hobbes, Hutchinson, Toland, Chubb, Tindal, Hume und Wollaston lieferten den deutschen Strandplünderern (wreckers) alles nöthige Material zum Aufbau neuer Theorieen über Theologie oder Atheismus, Regierungskunst oder Anarchie, und wir bewunderten, wie zuvor, all das widersinnige und faule Gewäsch, das unsere Väter mit Ekel weggeworfen, als es unter melodischen deutschen Namen neu zum Vorschein kam. Konnte die Thorheit noch weiter gehen? Ja, sic konnte noch weiter gehen und ging noch weiter: so arg wurde die Germanomanie, daß Engländer*) sich einen Schriststellerruf dadurch machten, daß sie ihre englischen Worte in die barbarische deutsche Schreibart einrenkten — eine bewundernswerthe Schreibart zur Verbergung des Jdeenmangels; sogar einige unserer Zeitungen thaten sich etwas zu gut auf ihren „deutschen Styl." Alles dies, was unter uns nur lächerlich war, that unter den schwachköpfigen (weak-headed) Deutschen die verderbliche Wirkung, daß es ihren natürlichen Eigendünkel bis zum völligen Wahnsinne entflammte. Sie wurden, nach ihrer eigenen Schätzung, die großen Lichter der Menschheit,
*) Anspielung auf Thomas Carlyle, der sich freilich nicht eben den musterhaftesten deutschen Styl, nämlich den Jean Paul'schen, zum Vorbild genommen.
und erhoben dankbarlich zum Range von Götzen die Schulfüchse, ob nun Pfeudo-Kritiker oder Pfeudo-Philosophen, die ihnen diese stolze Auszeichnung zuwege gebracht.
Arme Thoren! ihr wißt wenig, daß in England „jedes Monstrum seinen Mann vorstellt," und daß eure Extravaganzen, wiewohl von dem neuigkeitsliebenden Volke dieses Landes eineni Tag lang bewundert, vielleicht schon morgen vergessen seyn^ werden. Mittlerweile ist das Unheil geschehen. Ganz Deutschland — mit der Ausnahme Hannovers, welches das Glück (the good fortune) hat, von einem durch und durch englischen König regiert zu werden, ist schlechterdings toll von Einbildung, und diese ist leider unter allen Geisteskrankheiten am schwersten zu heilen. Gegen diese Krankheit hilft keine Operation, wie sie von Dumouriez, Pichegru oder Kellermann zur Heilung ihres militärischen Pedantismus angewandt worden; nur durch ein langes strenges Regiment kann die Tollheit des Eigendünkels radikal ausgetrieben werden. Ein wirklicher Despotismus, nicht ein bloß theoretischer, wie der eines Friedrich Wilhelm und Ferdinand, welcher ein wahrhaft freies' Regierungs-System bloß verschleierte — ein echter Despotismus, wie der russische, scheint eine Euthanasie für Deutschland in Aussicht zu stellen. Wir sehen kein anderes Ende der jetzigen Bewegung ab."
I
Miszellen.
— Mainz, 17. Nov. 10 Uhr Abends. So eben wurde unsere Stadt durch Feuerlärm in gtoße Aufregung gebracht; doch zeigte es sich bald, daß ein starkes Nordlicht, wie wir solches in dieser Ausdehnung und solcher ^^^^^ rother Farbe seit dem Spätherbst 1829 nicht gesehen haben, den mit dichte« Wolken bedeckten Himmel glänzend geröthet hatte. Dasselbe Phänomen iß auch gestern Abend um 10 Uhr in Frankfurt a. M. und dessen Umgegend gesehen worden. Während der Dauer des Nordlichtes fiel feiner Regen.
— Ohne seinen treuen Hund Ham wäre Louis Napoleon vielleicht nie wieder nach Paris gekommen und hätte somit auch nie die Aussicht erlangt, Präsident der französischen Republik zu werden. Als der Prinz nämlich aus seiner Flucht aus der Festung Ham (von welcher der Hund seinen Name« hat) auf den letzten Hof kam, wo die Hauptwache ist, war der Hund bei den Soldaten, die über seine Sprünge lachten. Ein gewöhnlicher Hund würde nun sogleich auf seinen Herrn hiuzugesprungen sein und ihn durch seine Liebkosungen verrathen haben. Ham war nicht so dumm, er that, als kenne er seinen Herrn nicht, da er schon zugegen gewesen war, als dieser die Verkleidung angelegt hatte, gleich als habe er errathen, was geschehen solle. Er beschäftigte sich also fortwährend mit den Soldaten und so schritt der Prinz unangefochten hinaus. Eine Stunde später aber hörte derselbe hinter seinem Wagen, indem er der Grenze zueilte, lustig bellen, denn fein getreuer Ham war auch entstehen und ihm nachgelaufen.
— Weßhalb wollt Ihr denn durchaus den Ludwig Napoleon zu« Präsidenten der Republik wählen"? fragte ein Franzose einen Bauer. Wohl nur, versetzte der pfiffige Landmann nach einigem Bedenken, weil es fein Onkel war, welcher der ersten Republik den GarauS machte!
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