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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

Jfé 216» Mittwoch den 22. November 1848*

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumeratwnspreis ist in Wiesbaden 2 fL, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzvgthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Zustände der Gegenwart.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag. Fortsetzung der Verhandlungen. Resultat der Abstimmung). Koblenz (Die Folge der Steuerverwei­gerung). Schwarzburg-Sondershausen (Geneigtheit des Für­sten zur Abtretung seines Landes). Brandenburg (Die Bauern im Havellaude für den König). Berlin (Weitere Vorfälle, v. Beckerath).

Wien ^Aufrührerische Soldaten gehängt. Der Reichstag nach Krem- sier abgegangen).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Dänemark. Kopenhagen (Die Ministerkrisis).

):( Die Zustande der Gegenwart.

Von der Lahn.Wenn nicht Gott wunderbar hilft, so steht uns eine Zerstörung bevor, wie die römische Welt sie ; um die Mitte des dritten Jahrhunderts erfahren hat: Ver- i nichtung des Wohlstandes, der Freiheit, der Bil­dung und der Wissenschaft."

So schrieb Niebuhr am 5. Okt. 1830, und wäre er jetzt noch unter den Lebenden, die Erfüllung seiner furchtbaren Prophezeiung würde ihm gekommen scheinen.

Der Wohlstand ist schon vernichtet, oder nahe daran, ver- i nichtet zu werden. Eine Partei, die Revolution will, und Revolution um jeden Preis, glaubt in der Vernichtung deö Wohlstandes ein treffliches Mittel zur Erreichung ihres Zweckes gefunden zu haben. Der Gedanke ist in Frankreich entstanden, und seine Entstehung läßt sich aus der Revolutionsgeschichte dieses Landes leicht nachweisen. So lange dort die Könige nach unbeschränkter Gewalt strebten, fanden sie nur bei dem Adel und der höheren Geistlichkeit Widerstand; revolutionäre Bestrebungen und wirkliche Revolutionen gingen, bei der völ­ligen Unmündigkeit des Bürgerstandes, nur von diesen beiden Ständen aus. Sie unterlagen jedoch und suchten, was sie an Vorrechten der königlichen Macht gegenüber verloren hatten, dadurch wieder zu gewinnen, daß sie, im Vereine mit den Königen, den Bürgerstand auf übermäßige Weise bedrückten. Man, erinnere sich nur der Zeiten eines Ludwig XIV. Die Re­volution von 1789 konnte daher nur durch den dritten Stand, den Bürgerstand, gemacht werden, und er hat sie gemacht, sobald er einmal zum klaren Bewußtseyn seiner Bedeutung gekommen war. Nun aber, nach dem Sturze der absoluten Königsgewalt, nach der Aufhebung der Adelsvorrechte, durch Ackerbau, Handel und Gewerbe im Besitze und Genusse des Vermögens, will er keine Revolution mehr; Revolutionsge­lüste müssen sich daher anderswohin wenden, einen andern Boden suchen, und diesen finden sie in dem Proletariate.

Als Sieyes gegen das Ende der achtziger Jahre seine be­rühmte Schrift:Was ist der dritte Stand?" ausgehen ließ, da meinte er mit dem dritten Stande alle Bürgerlichen, lm Gegensatze zum Adel und der (höheren) Geistlichkeit; arme und reiche Bürger wurden von ihm noch nicht unterschieden. Das ist heutzutage anders geworben. Louis Blanc unterschei­det in seinerGeschichte der franz. Revolution" drei einander feindliche Kasten: Aristokratie Bourgeoisie Peuple, und versteht, was kaum bemerkt zu werden braucht, unter Peuple dle Klasse der Besitzlosen, das Proletariat. Dieses soll ble neue Revolution machen; darum wird ihm von den Re­

volutionsmännern geschmeichelt; darum wird es aufgestachelt gegen die Besitzenden, die ruheliebende Bourgeoisie; diese steht entgegen; sie muß ruinirt werden und kann nur ruinirt wer­den durch die Vernichtung des Wohlstanbes, die man, wohl wissend, daß Ackerbau, Handel und Gewerbe nur durch Ord­nung und Gesetz gebethen, durch eine planmäßig fortgesetzte Aufregung zu bewerkstelligen hofft. Auch ist das Proletariat jetzt noch zu schwach; es muß, soll das Werk gelingen, durch arm gewordene Bürger verstärkt werden.

Was in Frankreich versucht wird, kann in Deutschland nicht unversucht bleiben. Unsere Weltverbesserer bedienen sich desselben Mittels. Wird unsere Bourgeoisie die Gefahr er­kennen und zu Opfern bereit seyn , um den Zustand der Pro­letarier zu erleichtern und so deren Zahl zu vermindern, oder wird sie auch, im Vertrauen auf die eigene Überlegenheit, die Armen statt mit Brod , mit Bajonnetten und Kartätschen beruhigen? Und die Besitzlose», werden sie endlich einsehen, daß der Weg ber Gewalt sie nicht rettet, wohl aber dem sichern Verberben in die Arme liefert? Wenn Sieyes seiner Zeit Die Frage stellte:Was würde der dritte Stand (Bürger- stanb) ohne die beiDen anderen höheren, bevorrechteten Stände seyn?" so konnte darauf geantwortet werden:Der dritte Stand wird immer noch genug seyn, um eine Nation, einen Staat, zu bilven, weil er Alles, was dazu nöthig ist, In­telligenz, Fähigkeit, Tbätigkeit re. in sich trägt." Wie aber würbe die Antwort ausfallen, wenn man jetzt fragen wollte: Was wäre der sogenannte vierte Stanv, die Besitzlosen, was wären Vie arbeitenden Klassen ohne den dritten Stand, ohne die Besitzenden, Industriellen, Gebilveten?" Und trotzdem sollen die Proletarier Revolution, sollen den Staat machen!

Niebuhr weissagt Vernichtung auch der Freiheit, der Bildung, der Wissenschaft. Was würde er wohl sagen zu den Ereignissen und Zuständen der Gegenwart? Wo ist die in den Märztagen vermeintlich errungene Freiheit? Es läßt sich jetzt nur angeben, wo sie nicht ist; und da ist sie nicht in Wien, nicht in Berlin, und war auch nicht dort, als Windisch-Grätz in Wien noch nicht füsiliren, Wrangel in Berlin noch nicht seine Soldaten zur Aufrechthaltung des Be­lagerungszustandes spazieren gehen ließ; sie ist auch nicht in Volksversammlungen, nicht zu Frankfurt a. M.; sie ist auch nicht:c. rc.

Und unsere Bildung, die dem Auslande gegenüber so viel und so hoch gepriesen? Sie hat die Probe schlecht bestanden. Von welcher Seite man uns saßt, von der rechtlichender moralischen, der politischen -^-wir müssen uns schämen. Wenn vor etwa 10 Jahren bei meinem Kölner Karneval die europäi­schen Nationen dargestellt und die Franzosen mit den Worten eingeführt wurden:Das ist die große Nation, die jedes Jahr ein großes Königsschießen hält," so konnte man sich über die witzige Anspielung auf die öfteren Mordversuche gegen Louis Philipp noch freuen; aber auch Tschech ist unter dem Henker­beile, wegen eines Attentats auf seines Königs Leben gefallen, und nun erst unsere Tage mit ihren Blutszenen? Wo bleiben Recht und Moral? wo ist eine gesunde Politik? Wird sich Windisch-Grätz wegen der Hinrichtung Robert Blum's recht­fertigen können ? Und wenn nicht, in welches Verhältniß tritt er zu den Mördern Lichnowsky's, Auerswalb's, Latouvs? Wir wagen darüber vor der Hand nur eine Andeutung. Daß die große Masse des deutschen Volkes so wenig politisch ge­bildet ist, davon tragen unsere Regierungen die Schuld, und gewiß nicht die geringste. Wie stiefmütterlich ist der Geschichts?