Frankfurt. (D. Z.) (Nationalversammlung. Schluß.) Wernher von Nierstein stellt darauf und vertheidigt den präjudiziellen Antrag, die Angelegenheit zur schleunigsten Berichterstattung an den Biedermann-sächsischen Ausschuß zu überweisen. Dagegen besteigt unter anhaltendem Applaus des Hauses, besonders der Galerie
Raveaur von Köln die Tribüne. Er drängt zur Entscheidung. Nichts sey so nöthig, als ganze Maßregeln anstatt halber. Berlin steht aus einem Vulkane und wir zögern hier und warten, bis die Städte bombardirt sind. (Unterbrechung durch den nämlichen rauschenden Beifall wie vorhin.) Deutschland hat Oesterreich verloren (Widerspruch) — verloren, das ist meine Meinung. Verweisen wir die vorliegende Frage wiederum an einen Ausschuß, so wird unserer Säumniß auch Preußen verloren gehen. Durch Ihr Zögern verlieren Sie die Achtung der ganzen Nation. Also heute noch, sogleich einen Beschluß.
Die Abstimmung über den präjudiziellen Antrag Wernhers geschieht aus Plathners Verlangen durch Namensaufruf. Die Entscheidung fällt mit 261 gegen 172 Stimmen bejahend aus, und mit der Verweisung der Sache an den Ausschuß scheint die brennende Frage für -heute beseitigt. Allein Zimmermann von Spandow will die Sitzung bis Nachmittag 4 Uhr ausgesetzt wissen, damit der Ausschuß sofort an seine Arbeit gehe. Venedey unterstützt dies Verlangen, desgleichen Nauwerk iint) da Die Versammlung weder auf diesen Beschleunigungsantrag eingeht, noch in eine Sitzung für heute Abend oder eine morgende Sonntagssitzung willigen will, so ziehen die Mitglieder der linken Seite des Hauses nach und nach alle ihre in Bezug auf Prenßen gestellten Anträgen zurück. Zuerst thut dies von Rappard, und Wesendonck gibt einen förmlichen Protest gegen die Bassermann'sche Darstellung der Berliner Zustände zu Protokoll. Indessen bleibt das Haus bei seinem Beschlusse und läßt auch den Auftrag an den Auschuß in Bezug auf die Berichterstattung in der preußischen Angelegenheit unverändert bestehen.
Hiernach erhält Julius Fröbel das Wort zu einem Berichte über seine und Robert Blum's standrechtliche Verfolgung. Die Linke begrüßt sein Erscheinen auf der Tri- chüne mit Beifallsklatschen. Er erzählt, er sey mit Robert Blum am 13. Oktober nach Wien abgereist, am 17. dort angekommen, um eine Adresse der Linken an die Bevölkerung Wiens zu überbringen. Nach einigen Tagen sey ihr Auftrag vollzogen gewesen und Robert Blum und er hätten abreisen wollen. Allein dieser Abreise stellten sich unüberwindliche Hindernisse entgegen und sie entschlossen sich daher zum Bleiben. Fröbel ward Hauptmann der 3., Blum der ersten Elitenkompagnie, die ursprünglich zur Ausrechthaltung der Ordnung in der Stadt bestimmt waren. Allein das Korps wurde ganz anders verwendet und an die gefährlichsten Punkte der Vertheidigung gestellt. Dazu seyen beide Abgeordnete bald zu der Ueberzeugung gelangt, die Stadt werde an die Belagerer verrathen! Sie hätten daher am 29. Okt. früh ihre Entlassung von den Besehlshaberstellen gegeben, die auch angenommen worden sey, worauf sie sich ruhig zu Hause verhielten. Nach dem Einrücken des Militärs wendeten sie sich selbst an das Stadtkommando, um zur Rückreise nach Frankfurt die Erlaub
niß zu fordern, am 3. November eben deshalb an den General Cordon, — am 4. wurden sie verhaftet. Nachmittags 4 Uhr am 8. November richteten Die Gefangenen ein Schreiben an Lie Untersuchungsbehörde) in dem sie gegen Die Fortdauer ihrer Haft, unter Anführung ihrer Eigenschaft als Reichs- tagsabgeordnete protestirten. Die Anwort auf diesen Protest sey das Verhör am 8. und die Erschießung Blum's am 9. November gewesen. Fröbel schilderte bann, mit welchem Raffinement er (Fröbel selbst) vier Tage lang in einsamer Gefangenschaft und in der Meinung erhalten worden sey, daß er seiner Hinrichtung jeden Augenblick entgegen sehen müsse. Sein Verhör habe sich hauptsächlich darauf erstreckt, ob er nach der Erklärung des Belagerungs-Zustandes für Wien durch den Fürsten Windisch-Grätz noch die Waffen geführt habe. Als ein wichtiges Vertheibigungsmoment habe dagegen eine Broschüre Fröbels gegolten, „Wien, Deutschland und Europa," die ihrer Zeit von der konservativen Presse Oesterreichs einige Anerkenntniß erfahren habe. Erft am 11. Nov. erfolgte wirklich Fröbels Verurtheilung zum Strange, zugleich aber auch die Begnadigung durch den Fürsten Windisch-Grätz und die Zreigebung des Gefangenen.
Nationalversammlung vom 18. November. Arti- ™ Verfassungsentwurfs ist in folgender Fassung zum Beschluß erhoben:
Beschluß erhoben: ' ' l deren geachtetster Bürger er so lange gewesen. Der Volkshaß,
8. 29. „Die Reichsgewalt hat über das gesummte deutsche t die Volkswuth verfolgte ihn noch weiter; er mußte zweimal
Eisenbahnwesen das Recht der Gesetzgebung und Oberaufsicht, so weit sie es zum Schutze des Reiches und im Interesse des allgemeinen deutschen Verkehrs für nothwendig und zweckmäßig
8. 30. Unter denselben Voraussetzungen hat die Reichsgewalt das Recht, Eisenbahnen anzulegen oder deren Anlage zu bewilligen, sowie vorhandene Eisenbahnen auf dem Wege der Enteignung zu erwerben. Die Benutzung der Eisenbahnen steht der Reichsgewalt jederzeit gegen Entschädigung frei.
8. 31. Bei Anlage oder Bewilligung von Eisenbahnen durch die einzelnen Staaten ist die Reichsgewalt befugt, den Schutz des Reichs und das Interesse des allgemeinen deutschen Verkehrs wahrzunehmen.
Der Reichsgewalt steht die Gesetzgebung und Oberaufsicht über die den allgemeinen deutschen Verkehr vermittelnden oder zum Schutze des Reichs nothwendigen Heer- und Landstraßen, ingleichen über die Erhebung von Chaussee- unD Wegegeldern und ähnlichen Abgaben auf solchen Straßen zu.
8. 32. Der Reichsgewalt steht das Recht zu, zum Schutz des Reichs oder im Interesse des allgemeinen Deutschen Verkehrs, Landstraßen zu bauen, Kanäle anzulegen, Flüsse schiffbar zu machen, oder deren Schissbarkeit zu erweitern. Sie hat für die Unterhaltung der so gewonnenen Verkehrswege zu sorgen.
Die bei derartigen Fluß- und Kanalbauten gewonnenen Vorlandungen gehören dem Reiche.
Frankfurt, 19. Nov. (Rchstztg.) An die Stelle des Abgeordneten Raveaur, der es mit seiner Ehre, seiner Pflicht und seinem Gewissen unvereinbar hielt, dem Reichsministerium ferner zu dienen, ist der Abgeordnete Biedermann aus Leipzig zum Gesandten der Zentralgewalt in der Schweiz ernannt worden.
Köln, 18. Nov., 11 Uhr Abends. Die hiesige Zeilnng meldet: In Berlin wurde gestern die Entwaffnung der Bürgerwehr fortgesetzt, auch mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Beschlüsse der deutschen Reichs-Versammlung vom 14. November waren eingetroffen ; die Regierung soll entschlossen seyn, die Verordnung wegen Verlegung der Nationalversammlung nach Brandenburg zurück zu nehmen.
München, 16. Nov. Bei der Aufführung Des Lustspiels „Jean Bart am Hofe," welcher unsere k. Majestäten und Prinz Wilhelm von Preußen anwohnten , wurden jene Stellen, wo die Hofleute als Hofnarren geschildert sind, das Lied von der Wahrheit und von der Glaubensfreiheit stürmisch ap- plaudirt und König Mar fiel in den Beifall ein. Als aber bei Verlesung eines Dekrets von König Ludwig XIV. dieser nach den Worten „von Gottes Gnaden König " ic. bemerkte, man solle dielen Firlefanz weglassen, das Publikum sich in Jubel sich ergoß, hatte unser König seine Loge eben verlassen.
Merseburg, 16. Nov. Seit einigen Tagen ist die Bewohnerschaft des platten Landes hiesiger Gegend im Aufstande. Man hat die Eisenbahn besetzt, um militärischen Zuzug nach Berlin zu verhindern. Den hiesigen Regierungsrarh Hinckeldey, der noch in neuester Zeit in Naumburg , Mücheln ic. gegen die Führer der Demokraten Untersuchungen einlcit 'n und etliche derselben verhaften ließ, hat Die Volksjustiz erreicht, als er sich aus der Stadt entfernen wollen, doch ist er von den Bürgern in Verwahrsam gebracht. (O. P. A. Z.)
Leipzig. 14. Nov. Die Robert-Blum-Versammlung in der Thomaskirche hatte leider ihre traurig-komischen Jntermezo's, welche dem würdigen Eindruck Eintrag thaten. Man scheute sich selbst nicht zu rauchen, berichtet die „Magd. Ztg.," was allerdings von arger Roheit zeugen würde. Ein Herr Semmig machte den tollen Vorschlag zum würdigen Andenken an Robert Blum sofort Republik zu erklären. Großen Anklang fand die Forderung vn das Staatsministerium, der sächsische Gesandte in Wien solle in Ketten hierher transpor- tirt und auf offenem Markte hingerichtet werden. Von den Bürgern Leipzigs nahmen nur wenige an den Verhandlungen Theil, schreibt die „Magd. Ztg."
Berlin, 15. Nov. (D. Z.) Der ehemallge Minister, Abgeordneter Milde, gehörte zu den Abgeordneten der Rechten, welche der Krone das Recht zur Verlegung und Vertagung zugestanden und am 9. den Saal verließen. Milde reiste schleunig nach Breslau, wo seine Schwiegermutter und sein jüngstes Kind im Sterben lagen. Doch er mußte hören, daß, wenn er in BreSlau bliebe, Blut fließen würde; der Ober- Präsident Pinder gab es ihm anheim — und von dem Sterbebette der Seinigen riß Milde sich los und verließ die Stadt,