Ein geordneter Reichszustand erfordert gebieterisch, daß für jede zweifelhafte Rechtsfrage ein Organ vorhanden sey, welches sie entscheide und dann die Vollziehung des geschlichen Ausspruchs Heilige. Selbst zu den Zeiten des deutschen Bundes bestand eine Anstalt zur Schlichtung von Zwisten zwischen der Regierung eines deutschen Bundesstaates und seinen Volksrepräsentanten, wenn auch in mangelhafter Gestalt. Jetzt aber findet sich dieses gesetzliche Organ unstreitig in Deutschlands Zentralgewalt; eben, weil eine ihrer ersten Aufgaben ist, Recht und Ordnung in ganz Dentichland, nicht blos in den kleinen Ländern, auch bei den größten Staaten, zu handhaben, muß sie auch aussprechen können, auf welcher Seite das Recht sey.
Diesen hohen Beruf muß die deutsche Zentralgewalt auch im gegenwärtigen wichtigen Augenblick ohneFurchtunv ohneRück- Halt erfüllen. Vor ihren Richterstuhl hat sie die streitenden Theile zu laden, wie einst Kaiser und Reich jeden Fürsten, jede Bevölkerung Deutschlands vor ihre Schranken forderten. Rasch und rücksichtslos muß sie sich mit klaren Gründen für die Seite entscheiden, auf welcher das Recht ist; fremd müssen ihr dabei alle politische Rücksichten, alle Bedenklichkeiten wegen der Realisirung ihres Ausspruchs bleiben. Das Recht, ausgesprochen durch die gesetzliche Autorität, hat eine unwiderstehliche Macht in sich selbst und in der entschiedenen Zustimmung aller gesetzlich Gesinnten; es bedarf also nichts als des unparteiischen Urtheilsspruchs, um den im Unrecht stehenden Theil auch als den unterliegenden erscheinen, um Jeden, der sich solchem Urtheil widersetzt, als Rebellen betrachten zu laßen.
Durchlauchtigster Reichs-Verweser! an Sie wenden sich in dieser Lage des Vaterlandes die Vertreter einer bedeutenden Anzahl von Vereinen, welche sich verpflichtet haben, Ordnung, Recht und Gesetz zu erhalten und zu stützen. Wir bitten, wir beschwören Sie, daß Sie alsbald , etwa sich stützend auf den hervorzuruseuden Beschluß des Reichstags, mit aller Energie und Kraft als das gesetzliche Organ zur Entscheidung und Beseitigung der bedauerlichen Konflikte, welche sich in Preußen und Oesterreich ergeben haben, auftreten und durch Ihren Spruch die Frage lösen: ob der Regierung eines deutschen Landes das Recht zustehe, eine zur Vereinbarung mit ihr über die Landesverfassung berufene Versammlung von Volksvertretern unter Umständen und unter welchen zu verlegen, zu vertagen oder gar aufzulösen? ob die österreichischen Deputir- ten schuldig sind, nachKremsier, die preußischen nach Brandenburg zu gehen oder nicht? Wir ersuchen Sie, die monvirte Entscheidung hierüber, nötigenfalls nach eingeholter sofortiger Entschließug der deutschen Nationalversammlung alsbald zu erlassen, sie in allen deutschen Gauen zu publiziren und denjenigen für Rebellen zu erklären, der derselben nicht Folge leistet'oder sich ihrer Vollstreckung widersetzt, damit Deutschland wisse, auf welche Seite es sich zu wenden hat.
Wir fordern Sie ebenso auf, auch über die Ermordung des Reichstagsdeputirten Robert Blum, nach dem Schluß der darüber bereits angeorvneten schleunigen Untersuchung, zu Gericht zu sitzen, und wenn sich bestätigt, daß die für ganz Deutschland bindenden Reichsgesetze verachtet worden sind, mit aller Kraft gegen die, welche Recht und Gerechtigkeit mit Füßen treten, vorzuschreiten und die Schuldigen rücksichtslos zur verdienten Strafe zu ziehen.
Durchlauchtigster Erzherzog! Wir wissen, daß Ihr Herz warm für das deutsche Vaterland schlägt, daß Sie sein Bestes wollen und ihm alle Ihre Kräfte gerne zum Opfer bringen. Wir glauben daher auch ganz gewiß, daß Höchstdieselben auch in diesem Augenblick Alles thun werden, was ersprießlich ist für Deutschlands Rettung. Wir wollen aber nur bitten, daß dies so schleuuig als möglich, so kräftig als möglich, so gerade und offen als möglich und in aller Rechtsform geschehe, damit Deutschland inne werde, daß seine Zentralgewalt rücksichtslos Recht und Ordnung überall gleichmäßig handhabe.
Beachten Sie unsere Bitten und der Dank des geretteten Vaterlandes wird Ihnen aus allen deutschen Herzen und von allen deutschen Lippen werden.
Gießen, den 17. November 1848.
Deutschland.
P* Wiesbaden, 20. Nov. Aus zuverlässiger Quelle ist uns nachstehende Mittheilung über eine in Heidelberg vorgekommene Mordthat zugegangen:
Am 17. d. M., des Abends zwischen 5 und 6 Uhr, vernahm der Soldat Karl Werner des Herzog!. Feldregiiyentö,
Bataillons Weiz, Hülferuf aus einem Hause in einer der belebtesten Straßen Heidelbergs. Soldat Werner eilte in das Haus und fand hier den bereits durch mehrere Dolchstich verwundeten Hauseigenthümer, den Antiquar Lieber, im Kampfe mit einem anderen Manne.
Während Soldat Werner diesen Menschen festzuhalten suchte, wurde er ebenfalls durch einen Dolchstich in die linst Seite verwundet, es gelang ihm jedoch den Thäter zu Boden zu werfen, so daß derselbe durch den hinzugekommenen Korporal Hain und einigen anderen Soldaten des Felbrcgiments festgenommen und der Polizeibehörde überliefert werden konnte.
Der Mörder hatte sich während des Ringens mit dem Soldaten Werner selbst zwei Stiche in die Brust beigebracht, an deren Folgen er bald darauf den Geist aufgab. Antiquar Lieber, von sieben Dolchstichen tödtlich getroffen', war ebenfalls alsbald verschieden.
Ein Motiv der Mordthat ist bis jetzt nicht bekannt, da der Ermordete ein unbemittelter ruhiger Mann gewesen seyn soll, der mit Niemand in Unfrieden gelebt hat.
Der Mörder, welcher bis zum letzten Augenblicke feint volle Besinnung behalten hat, weigerte der Behörde seinen Namen anzugeben, auch soll derselbe erklärt haben, es seh un« nöthig einen Arzt für ihn zu rufen, da er selbst Mediziner sey und wisse er, daß er sich gut getroffen habe, so daß ärztliche Hülfe umsonst sey.
Dem Vernehmen nach soll der Mörder ein ehemaliger Student, Namens Helf, aus der Gegend von Freiburg seyn, der, nachdem er im Eramen durchgefallen, sich längere Zeit unbekannt wo herumgetrieben habe, und erst seit einigen Tagen wieder nach Heidelberg zurückgekehrt seyn.
Soldat Werner, der sich nach allen Angaben sehr muthig und brav benommen hat, ist sofort in das Hospital ausgenommen worden, und befindet sich nach der Versicherung der Aerzte außer aller Lebensgefahr.
L Mainz, 17. Nov. Gestern wurde hier das jedes gutgesinnte, echt deutsche Herz tief erschütternde Gerücht ausgestreut, der Präsident der deutschen Nationalversammlung, Heinrich v. Gagern, sey meuchlings erdolcht worden. Zur unendlichen Freude jedes guten Menschen, jedes wahren Väterlandsfreundes hat sich jedoch schon durch den nächsten Eisenbahnzug und das Dampfschiff von Frankfurt diese offenbar aus moralisch schlechten Gründen verbreitete Sage als eine Lüge bewiesen.-^Htri konnte man diesem Gerüchte um so leichter Glauben schenken, als am 15. b. M. bei einer Trauerfeier zum Andenken Robert Blum's im demokratischen Vereine Dr. Bamberger in einer wohlberechneten, den Fanatismus des nicht denkenden Publikums aufreizenden Rede die Schuld des Todes von Robert Blum aus den trefflichen, edlen Gagern wälzte. Soweit vergißt sich ein politischer Fanatiker, daß er einen Mann, der seit seiner Jugendzeit der Einheit und Freiheit Deutschlands alle seine Kräfte gewidmet, die größten Opfer gebracht, eint Handlung anbichtet, bei der er auch nicht den entfernteste« Antheil weder unmittelbar noch mittelbar haben kann! Der an Herz und Kopf gleich ausgezeichnete Heinrich Gagern ist kein Politiker von heute. Was dem Jünglinge als Ideal deè Vaterlandes vorschwebte, suchte der Mann unablässig zu erringen. Er hat mit Muth und Hingebung für Deutschlands Einheit, Freiheit, Ehre und Wohlfahrt gekämpft und gelitten. Das genügt freilich dem Feuerkopfe eines Bamberger nicht! Wer mit seinen erst seit den Märztägen hervorgetretenen, phantastisch übersprudelnden Ansichten und Meinungen nicht übereinstimmt, ist für ihn kein Vaterlandsfreund, muß verdächtigt und vielleicht auch, wenn er seinen Plänen hinderlich ist, aus dein Wege geschafft werden. Die Folgen der aufregenden Rede haben wir schon gestern hier theilweise erlebt. Eine Rotte von Buben zog mit einem Transparente und einer brennenden Fackel voran unter Schreien und Lärmen durch die Straßen, ließen Hecker und Zitz hochleben und riefen: „Gagern gehenkt," bis endlich eine Militärpatrouille sie auseinander trieb. So tief moralisch gesunken, so ohne alle Religion ist ein Theil der hiesigen Bevölkerung! Eine warnende Lehre muß dies aber den Gutgesinnten seyn! Zur Ermannung muß solches Treiben sie auffordern, damit sie jenen Menschen Widerstand leisten, welche methodisch das unreife Volk zu demoralistren suchen, um ihre schlecht verdeckten Pläne ausführen zu können. Schließen jetzt die echten Freunde unsers Vaterlandes sich nicht eng einander an, um der Anarchie sowohl, als der Reaktion mit gleicher Energie gegenüberzutreten, so sehen wir einer traurigen Zukunft entgegen, indem die Gebilde in ein Chaos zerfallen werden.