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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

Jt» 2Lâ Sonntag den 19» November I8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzoglhums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. I n fern te werden die dreispaltige Pelitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Das politische Dereiuswesen in Nassau.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag). München (Schwantha­ler f). Berlin (Der Belagerungszustand). Wien (Die Militär­wirthschaft. Jul. Fröbel). Öllmütz (Der kaiserliche Hof und sein Gefolge).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

* Das politische Wereiuswefen in Nassau.

Wiesbaden5 18. Nov. Mit dem politischen Vereinswe- sen steht es wir müssen offenherzig seyn noch gar küm­merlich in Nassau. Weder die sogenannten Demokraten, noch die Konstitutionellen haben es zu was Rechtem gebracht. Das ist keine erfreuliche Erscheinung; denn in der politischen Ver einigung organisirt sich erst das öffentliche Leben des Volkes, nimmt Gestalt an und erhebt sich über den Standpunkt der gewöhnlichen Kannegießerei. Mit Politik aber befaßt man sich bei uns fast nur aus Gründen des Egoismus: der Eine, weil er zu gewinnen hofft, der Andere, weil er zu verlieren fürchtet. Ein großer Theil des Landes ist radikal demokratisch gestimmt. Weßhalb? Weil man den Leuten abenteuerliche Vorspiegelungen des Gewinns gemacht hat, den sie aus der reinen Demokratie ziehen würden. Wenn die Apostel der Lin­ken es unterlassen hätten an den Eigenuß zu appelliren, wenn sie verkündet hätten, daß die demokratische Staatsform vor Allem Entsagung fordert wahrlich dann würde es ihnen mit den meisten ihrer Proselyten gegangen seyn , wie Christus mit dem reichen Jüngling. Und wenn die Furcht vor materiellen Verlusten, vor Gewalthaten und Uebergriffen nicht gar Viele bestimmte zu der konstitutionellen Partei zu stehen, welch kleines Häuflein nur von Anhängern würde dann auch diese zählen! Unter Hunderten würden gewiß nennund- neunzig die alte politische Gleichgültigkeit und Regungslo­sigkeit vorziehen. Ich glaube, jedem Einsichtsvollen hat die Beobachtung des politischen Lebens in unserm Lande bis letzt nur eine alte Erfahrung bestätigt: Daß der Philister unsterblich ist!

Klopsen wir den Philister aus unsern Röcken, das wird uns wahrlich zur Ehre gereichen! Der Philister ist es gewe­sen, der das Vereinswesen in Nassau bisher auf keinen grünen Zweig kommen ließ. Weil Euch ein böser Bube ein witzig ausgedachtes Schimpfwort an den Bart geworfen, darum ver­kriecht Ihr Euch! Bei Gott, das muß eine schwache Sache seyn, die so ein Wörtlein fällen kann. Stacke der Philister nicht in uns, dann hätten wir längst erklärt, dieses lustige Wort solle unser Ehrenname seyn!

Andere ziehen sich zurück, weil sie die Befehdung der Par­teien vermeiden wollen. Als ob es nicht ein altes wahres Wort wäre, daß der den Krieg anfangen muß, welcher den Frieden will.

Nassau ist ein kleines Land, kompakt, die Interessen seiner Bewohner sind gemeinsam und doch haben weder wir noch die Demokraten eine ordentliche Zentralrsation unsers Vereinswesens zu Stande bringen können. Darum ist aber auch dasselbe bisjetzt durchaus noch keine Macht gewesen. Dies muß anders werden. Stehen wir nicht beschämt da, wenn wir jehen, wie in allen Nachbarländern die Vereine sich bereits

zusammengethan, zu größeren Organismen gegliedert haben? Die Nassauer berühmen sich, mit die Ersten gewesen zu seyn in den großen deutschen Freiheitsbestrebungen und nun sind sie leider auch wieder die Ersten, welche die Hände in den Schoß legen! Wollen wir denn nicht einmal die erste, ein­fachste politische Errungenschaft ausbilden das freie Ver­einigungsrecht! Am Ende ist uns weiß Gott von den glor­reichen Märzerinnerungen gar nichts mehr übrig geblieben, als der amüsante Wachposten vor dem Rathhause,, der ge­legentlich das Gewehr auf den Buckel hängt, um mit den kleinen Buben Kreisel zu peitschen!

Was hätte eine tüchtige Organisation der nassauischen Vereine wirken können gegenüber den landständjschen Verhand­lungen, wenn wir vorgearbeitet, die Frauen, welche dort zur Verhandlung kommen sollten, vordebattirt hätten! Ist unsere Stimme nicht auch die Stimme des Volkes? So ist manches Unheilvolle beschlossen worden, blos weil unsere Partei im Ständesaale von vornherein den Muth verloren hatte und sich von Außen her ohne Unterstützung glaubte nachher kamen dann auch wohl Klagen und Adres­sen, wie man den Stall zuschließt, wenn die Kuh fortgelaufen ist. Soll es etwa mit den bevorstehenden Bürgermeister- und Gemeindevorstandswahlen eben so gehen?

Nehmen wir uns ein1 Erempel an dem wohlgeordneten, frifchaufblühenden Vereinsleben unserer Nachbarstaaten.

Darum wird die Zusammenkunft, welche morgen hier in Wiesbaden stattsinven wird, ein reicher Gewinn für uns seyn. Einheit macht stark. Das Zusammentreten mit den hessi­schen Vereinen soll nicht in der Art stattsinven, daß die nas­sauischen Vereine aufgehen würden in dem hessischen Zentral- vcrein, sondern dergestalt, daß aus diesen beiden Elementen ein neues Drittes, etwa ein m ittelrheinischer " Zentral­verein sich bilden wird, der sich dann als wohlgegliedertes Ganze in den großen Körper der deutschenvaterländi­schen Vereine" einreihen kann. Und wie wir eben erfahren, hat sich die Theilnahme für diese Einigung selbst noch weiter erstreckt und es werden selbst von den badischen Landes­vereinen morgen zwei Abgeordnete hier erscheinen.

Wir müssen uns zusammenraffen; es gilt, morgen dem Nassauer Lande gegenüber den Vertretern aus den Nach­barländernEhre zu machen. Wenn wir morgen verspielen, wenn wir morgen den Philister nicht ausklopfen. wenn wir morgen uns nicht als Männer von politischer Bildung und politischer Gesinnung erweisen, dann haben wir für immer ver­spielt, und die konstitutionellen Vereine in Nassau sind nichts Besseres werth, als daß man ihnen eine großmächtige Perücke aufsetzt und sie in die dunkelste Rümpelkammer ad acta legt.

Deutschland.

Frankfurt, 17. Nov. (Nationalversammlung.) Vorsitzen­der v. Gagern zeigt an, daß durch eine Deputation der Stadt Leipzig ein Schreiben eingegangen, welches im Wesentlichen das beantrage, was schon gestern in Folge der Hinrichtung des Abgeordneten Rob. Blum von der Versammlung beschlos­sen worden. Das Schreiben wird verlesen.

Vogel aus Guben interpellirt das Reichsministerium wegen der Zustände in Berlin. Wesendonck deßgleichen wegen versäumter Kundmachung mehrerer Reichsgesetze Seitens der preußischen Regierung.