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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

â 212 Freitag den 17. November 18L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des Herzogthumö Oiaffau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der pandgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebieteö Ä fl. 40 fr.Inserate werden die dreispaltige Pelitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schetlenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Zeichen der Zeit.

Robert Blum.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag). Rastatt (Struve). Berlin (Der Belagerungszustand. Erklärung Unruh's gegen Basser­mann. Suspendirung verschiedener Zeitungen). Breslau (Die an­geblichen Unruhen). Wien (Cavaiguac an Windisch-Grâtz. Neue Hin­richtungen. Das neue Ministerium).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Sprechsaal für Stadt und Land.

* Zeich cn der Zeit.

Die Zeiten Tilly's, Alba's, Wallenstein's sind wiederge- kehrt. Bisher waren die Helden des Tages nur zu Charak­teren des Romans und der Novelle brauchbar, jetzt tauchen Charaktere der Tragödie auf. Wir erschrecken vor diesen blu­tigen Gestalten, aber ich glaube, es werden Ereignisse kommen, die uns rasch gleichgültig machen gegen das Blut.

Zu Dutzenden finden täglich die Hinrichtungen in der Brigittenau bei Wien statt. Was ist für ein Unterschied zwi­schen heute und den greuelvollsten Tagen der ersten französischen Revolution? Damals köpfte man, heute erschießt man. Kommt die Gegenpartei wieder an's Ruder, dann gibt sie vielleicht dem Strick den Vorzug vor Pulver und Blei. Also bis zu diesem Grabe der Freiheit haben wir's jetzt glücklich gebracht, daß diejenige Ueberzeugung die stärkere, die siegreiche ist, neben welcher der Henker mit seinem scharfgeschliffenen Beile Wache hält.

j Die gemäßigte Partei hat stets warnend darauf hinge- wi'escn, baß das Resultat aller der gewaltsamen Revolutions­komödien, die man seit acht Monaten hier und dort aufzu­führen sucht, die Militärdespotie seyn werde. Man hat nicht auf diese Warnung gehört, weil man sich keinen klaren Be­griff davon machte, was eigentlich Militärdespotie sey. Jetzt könnt Ihr diesen Begriff in Wien mit Händen greifen. Einem Offizier, der dem Fürsten Windisch-Grätz be­merkte, daß esMenschen so zu sagen gebe," erwiederte der Felbmarschall:Die Menschen fangen erst beim Baron an."Und hören beim Fürsten auf,,, versetzte der Offizier. O, wir leben in einer glücklichen, in einer freien, menschlichen Zeit! General Wrangel fuhr dieser Tage durch die Straßen von Berlin; da ward der Wagen von einer großen Menschen­menge umringt, die den untersten Ständen angehörte und Einige riefen? Wr an ge l, D u w i r st d och nicht schie­ßen lassen?"Das wird sich finden!" entgegnete der General. Und als der Wagen weiter fuhr rief Einer unter dem Haufen:Sollen wir ihn nicht heute schon auf­hängen?"

Die Hinrichtung Robert Blums wird der demokratischen Partei die Loosung seyn, bei günstiger Gelegenheit Blutszenen, wie die an Auerstwald und Lichnowsky verübten zu wieder­holen. /Entweder muß Windisch-Grätz, da er Blum erschießen ließ, furchtbar verblendet gewesen seyn, oder er muß ein kolos­sales Bewußtseyn der Macht und Herrschaft besitzen, daß er so keck die wilde Entrüstung von ganz Deutschland herausfor­dern kann. Ich glaube bas Letztere. Ich glaube, es war klarbewußte Absicht des eisernen Mannes, um den letzten Fa­

den der Vermittelung abzuschneiden, um das Säbelregiment von beiden Seiten permanent, um ein Aufgehen Oesterreichs in den deutschen Bundesstaat unmöglich zu machen, damit in dem Slavenstaate Oesterreich der Kaiser herrschen könne wie ein slavischer Zaar/ Aber dies vergaß der alte General dabei, daß er durch diese Hinrichtung aus einem ziemlich un­gefährlichen Gegner seines Systems tausend gefährliche schaffte. Auf solche Weise macht man den ganzen gemäßigten Theil der Nation zu radikalen Demokraten. Windisch-Grätz mag nach seinen fürchterlichen Kriegögesetzen, die wir nicht kennen, vielleicht ein formelles Recht aufweisen, demzufolge er den Freischaarenhauptmann durfte erschießen lassen, wie der König von Preußen ein formelles Recht hat, ein Ministerium jeder Art und wäre es ein Ministerium Satan, einzusetzen, den Landtag zu verlegen, zu vertagen, aufzulösen. Aber die ein­fachste Politik hätte Beide lehren sollen, daß auch zu Zeiten bas formelle Recht müsse fallen gelassen werden zur Versöh­nung, zur Beruhiguüg der Parteien. Die Nation steht an einem tieferen Abgrunde als zuvor. Früher hatten uns die Anarchisten dorthin geführt, jetzt bie absoluten Macht­haber. Beide gleichen sich in ihrem Ertrem auf ein Haar. Beiden fehlt jener harmonische Geist, der allein Dauerndes schafft in der Weltgeschichte, ver Geist der Politik. Politik aber bedeutet in seinem schönsten Sinne staatsmännische Besonnenheit, Mäßigung, verbunden mit jenem weit- tragenben Scharfblick, welcher der Zeit vorgreift, um für bie Zukunft und bereits im Bewußtsein derselben, die Gegen­wart auszubauen.

Robert Blum

Mainz, 15. Nov. (Rh. Z.) Die standrechtliche Hinrich­tung Robert Blum's unterliegt leider keinem Zweisel mehr; dieWiener Zeitung" bringt die offizielle Mittheilung Ver auf Befehl von Windisch-Grätz vollstreckten Erekution. Was wohl die Folge dieses Aktes militärischer Gerichtsbarkeit seyn mag? Jedenfalls nur eine verhängnißvolle, und so wenig wir auch mit Blum's Auftreten in der jüngsten Zeit sympathischen, so halten wir es dennoch für Pflicht, unverhalten der all­gemeinen Entrüstung über den freventlichen Akt uns offen anzu sch ließen. Indem wir den Streit dar­über, ob er wirklich in flagranti ertapvt worden, und ob in Folge davon die standrechtliche Behandlung gerechtfertigt sey, übergehen, gedenken wir nur der Eigenschaft Blum's als Ab­geordneter zur deutschen Nationalversammlung, eine^ Eigen­schaft, welche, nach dem allgemeinen Urtheile, Fürst Windisch- Grätz berücksichtigen mußte; wir gedenken dessen, was er vor seinem Eintritt in's Parlament, was er am 12. August in Leipzig, was er endlich als Vizepräsident des Vorparlaments geleistet, und da begegnen wir dock) manchem schönen und er­freulichen Erfolg seiner rastlosen Thätigkeit. Seine Haltung in der Nationalversammlung während der letzten fünf Monate insbesondere, seine literarische Thätigkeit in der Reichstags­zeitung, seine intellektuelle Betheiligung an den Frankfurter Septemberereignissen, sein Auftreten in Wien endlich: das Alles müssen wir von unserem Standpunkte aus rücksichtslos verur- theilen, und haben nie gezögert, dies Urtheil auszusprechen. Eben so wenig aber können wir jetzt, nach des Mannes tragischem Ende, Anstand nehmen, mit derselben Freimüthigkeit das Gute anzuerken-