Nassauische
Allgcmcme Zeitung.
; m 210.
Mittwoch den LS November
L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hegen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile ober deren Raunr mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die hohen Besoldungen und Pensionen.
Die Klubbs der Vereinigten Staaten Nord -Amerika's.
Deutschland. Wiesbaden (Robert Blum standrechtlich erschossen). — Weilburg (Ansprache des Reichstagsabgeordneten Schulz an seine Wähler). — Berlin (Die Krists in ihrer weiteren Entwickelung). — Wien (Erleichterungen im Belagerungszustand)
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Rußland. Petersburg (Friede mit Schamyl).
§i Die hohen Besoldungen und Pensionen.
Man hat in unserer Zeit so viel über die vielen Ange- stellten mit den hohen Besoldungen hören müssen, als wenn daher allein unsere Noth und Armuth gekommen sei). Aber beides ist nicht der Fall — jenes nicht, weil mit Ausnahme weniger Sinekuren alle Angestellten hinlänglich beschäftigt wa ren und ost die Klage laut wurde, man müsse zu lange auf Entscheidung warten; dieses nicht, weil doch über 5 Sechstel der studierten Angestellten unter 2000 fl., von 600 —1800 fl., immer noch bezahlt werden, und das ist doch wahrlich ohne Dienstwohnung und sonstige Nebengefälle, besonders in größeren Städten, nicht zu viel. — Das Zuviel kann nur nach dem Edikt die wenigen Präsidenten-, Besoldungen rc. treffen, die über 3000 fl. hinausgingen mit dem noch lächerlicheren Standesaufwande, der ihnen selten zü Gute kam, mehr zur Last war, zum Verderben der Familien gereichte, indem sie sich selbst nicht laben fonjuen, zur Ueppigkeit verleitet wurden und die daher auch jetzt mit Recht abgestellt sind.
Was kostet nicht eine Familie in der Stadt bei ganz bescheidenen Ansprüchen! Wenn man Wohnung, 300 fl., Holz, Brod, Fleisch, Bedienung 400 fl. abzieht; so ist schon die Hälfte der Einnahme dahin, und wenn mehrere Kinder, und -namentlich Söhne da sind, die etwas lernen sollen, so müssen die Finger sehr spitz zusammengehalten werden, wenn man sich, ohne Schulden zu machen, ehrlich durchschlagen will. Wie viele vermögende Angestellte haben wir denn, die es ohne Erbschaft und Heirath sind? Sage man nicht, es liege blos an dem Nichtwollen und der schlechten Einrichtung! Es ist wohl hie und da der Fall, aber wahrlich nicht überall. Schreiber dieses gehört nicht dazu, er wohnt auf dem Lande, und so wird man seine Schilderung wohl nicht für übertrieben halten, wenn er versichert, daß manche Frau mit ihren Kindern,, wo Alles gekauft werden muß, ungleich schlechter lebt, als der Bürger und Bauersmann. Kommen nicht auch Krankheiten und sonst Unfälle, die sehr zurücksetzen? Und wenn dem Vernünftig-Sparsamen selbst gar nichts übrig bleibt, wie soll er denn für seine Kinder sorgen? Denn Aecker und Geschäft kann er ihnen nicht zurücklasffn, wovon sie sich nähren könnten. Wie selten ist auch dieses, da ja leider so viele Töchter unserer Angestellten unverheirathet bleiben, welches man doch wahrlich eben so wenig ihrer Verwöhnung, Unerfahrenheit im Hauswesen rc. allein zuzuschreiben hat. Wie Mancher wählte auch hier gewiß die ungleich Gebildetere und Liebenswürdige, aber er hat noch Schulden von Universitäten, will sich nicht einschränken, flott leben, und so greift er zur reicheren N oder Z, die ihm nicht selten das Leben versalzt.
Was kostet nicht das Studieren! Wenn es gut geht acht Zahre auf Schulen, drei, vier Jahre auf Universitäten nehmen
wenigstens 5 — 6000 fl. weg, und nun erhält man eine An- stellung ohne oder mit einer Besoldung, von der man nicht leben kann. Hätte man diese in ein Geschäft oder Aecker gesteckt, das wäre schon ein schöner Ansang, und wenn man fleißig ist, warum sollte man es nicht eben so weit bringen als andere Geschäftsleute? Wie Viele fangen denn mit soviel an und kann man denn nicht wie sie auch etwas erheirathen? Ich kenne Bauern, die vor zwanzig, dreißig Jahren mit 300 bis 600 fl. ihren Haushalt ansingen und jetzt 15 — 20,000 fl. in liegenden Gütern haben. Ist nicht selbst der kleinere Bauer besser • daran, als mancher Angestellte von 1000—1200 fl.? Er hat seine Wohnung, zieht sich sein Brod, Gemüse, Fleisch, Butter, Eier, seinen Flachs und Wolle zur Kleidung, kann sich alle Arbeit selbst thun; lebt also sorgenfreier und Niemand hat ihm etwas zu befehlen, und wenn er stirbt, so hat das nicht so viel zu sagen: entweder ist schon ein Sohn da der den Pflug in die Hand nehmen kann, oder die Frau dingt sich einen Knecht und alles — bleibt in seinem Geleise. Aber wie ist es bei dem Angestellten, wenn dieser Fall eintritt? Es schaudert Einem, wenn man daran denkt auch bei dem bisherigen Pensionsedikt. Denn 2 — 400 fl., welche die Wittwe erhalten kann für ihre Person, was ist das für eine ganze Familie, wenn noch mehrere unverheirathete Töchter da sind und nicht mehr pensionsfähige?
Aber, sagt man, das gute Leben und der Lurus in Kleidung rc., den die Angestellten treiben, beweiset ja hinlänglich, daß sie zu viel haben. Beides ist wieder sehr relativ und wie zeigt es sich in der Wirklichkeit? Thun darin die Angestellten — mit einzelnen Ausnahmen — wohl mehr als die andern Stände; ja, stehen sie darin nicht ihnen eher nach? Denn sind nicht die Töchter der reichen Bürgerlichen eleganter gekleidet, tragen mehr Gold an sich rc.? Und kann der Angestellte dann gehen wie der Bürger und Bauer? Bei diesem findet man seine Leinehosen und Kittel an seinem Platze und ganz natürlich, wenn er mit seinem Hochzeilsrock über sein Leben hinaus hat. Aber wie viele trägt denn der Angestellte auf? Und kann er bei der sitzenden Lebensart die einfache derbe Kost des Landmannes vertragen, wobei dieser recht gesund und wohl ist?
Wahrlich bei den immer größeren Ansprüchen, welche die Wissenschaft, den Forderungen, die der Staat macht, daß seine Diener ohne alle Nebenbeschäftigungen nur ihrem Amte leben sollen, darf man in unsern Zeiten die Besoldungen nicht herabsetzen, sondern muß die meisten erhöhen, wenn man seines Zweckes gewiß seyn will! Auch selbst bei den Pfarrern auf dem Lande sind bei 30 bis 40 Dienstjahren 1500 — 1800 fl. nicht zu viel. Kostet ihnen ihr Studium nicht dasselbe; haben sie nicht auch Kinder zu versorgen; müssen sie nicht Manches gegen den Städter entbehren, das ihnen nur eine eigne kostspielige Bibliothek ersetzen kann?
Wer wird dann noch ein Amt suchen, wenn er schlechter leben soll, wie jeder Andere und mit, steten Sorgen und Mangel kämpfen? Und wenn ich auch: no'cb 6 Söhne hätte und das Geld dazu — unter den jetzigen Verhälinissen dürfte mit meinem Willen keiner studieren.
Wenn nun mit den Besoldungen bis zu 2500 fl. einverstanden, wie ich hoffe meine geneigten Leser, lassen sich denn nicht auch nach 40 — öOjährigem Dienste Pensionen in diesem Betrage rechtfertigen ? Der Bauer übergibt ja meist schon mit 60 Jahren sein Hauswesen den Kindern und setzt sich in Ruhe. Wie selten sind die Beispiele von Menschen, die über