liche geworden, so scheint doch eine friedliche Lösung des verhängnißvollen Zerwürfnisses zwischen dem Kabinet des Königs und den Vertretern des Volkes noch nicht in die weiteste Ferne gerückt. Hatte man doch an der Börse, wo am 10. eine bessere Stimmung herrschte als Tags zuvor, die Hoffnung auf eine Vermittelung nicht aufgegeben.
Die Spener'sche Zeitung theilt mit, daß 'sich in Berlin ein Auswanderungskomite gebildet hat, an dessen Spitze die Brüder Schomburgk, der Schriftsteller Mügge, Herr von Nordeck w. stehen. Ein Theil des Komite wird mit answandern, der andere von hier aus die Auswanderung leiten, und zwar nach Westaustralien. Dem Ministerium Pfuel sind genaue Berichte und Pläne über das Unternehmen mitgetheilt und sollen von demselben günstig ausgenommen seyn.
In Potsdam erregte die erste Kunde von den großen Ereignissen in der Hauptstadt große Theilnahme, und mit Spannung sieht man der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen. Bei der Ankunft der Eisenbahnzüge von Berlin waren die Bahnhöfe am 9. und 10. förmlich belagert. Am Nachmittag des 9. kamen schon viele Deputirte zur konstitui- renden Versammlung mit Reisegepäck in Potsdam an, unter ihnen auch die vormaligen Minister v. Auerswald und Kühlwetter. Sie beide, und mit ihnen die vormaligen Minister v. Schreckenstein und Eichmann (derselbe ist wieder zum Präsidenten der Rheinprovinz ernannt; auch Herr v. Bonin ist in seine frühere Stellung wieder eingerückt) erschienen noch um 11 Uhr Abends am 9. auf dem Bahnhof, um die neuesten Nachrichten aus Berlin zu vernehmen. Die Garnison steht jeden Augenblick marschfertig, um vor die Hauptstadt zu rücken.
In Erfurt luden zwei demokratische Vereine durch Plakate zu einer Volksversammlung ein, um über die Berliner- Ereignisse zu berathen und zu beschließen. Die Volksversammlung ist indessen verboten worden.
Aus Frankfurt a. d. O. wird berichtet, daß die Vorgänge in Berlin daselbst große Aufregung hervorgerufen, und daß eine Ergebenheitsadresse an die konstituirende Versammlung beschlossen worden sey.
Wien, 7. Nov., Abends 7 Uhr. Soben langt hier aus Ungarn die Nachricht an, daß Preßburg von den kaiserlichen Truppen ohne Schwertstreich besetzt worben ist. (Schles. Z.)
Wien, 5. Nov. Ungeachtet alles Sträubens gegen die gewiß sehr peinliche und traurige Maßregel, ben Wiener Reichstag nun plötzlich nach Kremsier verlegt zu sehen, wird es doch dabei sein Bewenden haben. Von Seite des k. k. Hofbauraths in Wien sind bereits die nöthigen Anordnungen zur Herrichtung des für die Reichstagssitzungen bestimmten Lokals getroffen worden, mit welcher man im Laufe der nächsten Tage fertig seyn wird, um die Sitzungen am 15. d. M. daselbst eröffnen zu können. — Das verbreitete Gerücht, daß Schütte sich erschossen habe, scheint sich nicht zu bestätigen.
Wien, 6. Nov. Die Stadt bekommt immer mehr ihr früheres belebtes Aussehen, ja seit heute unb gestern, wo die Stadtthore dem freien Verkehr geöffnet wurden, ist es lebhafter, als sonst in den ruhigsten Zeiten. Das macht die Menge der zurückkehrenden Flüchtlinge vom Lande und die Masse derjenigen, welche bis jetzt an der Abreise verhindert gewesen waren. Dazu kommt noch, daß die Einheimischen in langen Karawanen Pilgerfahrten der Neu.fierde nach den Schauplätzen des letzten Kampfes machen; der Vorstädter besieht die Verwüstung auf den Stadtwällen, der Städter die Brandstätten in den Vorstädten. Es ist eine traurige Wallfahrt, und man ist erst jetzt im Stande, den unberechenbaren Schaden zu überblicken, den die allnächtlichen Feuersbrünste angerichtet haben. Von allen Brücken, die über die Donau führen, stehen nur zwei, die andern sind theils vom Volk zerstört, theils sind sie im Brande der Holzvorräthe auf den Glacis zu Grunde gegangen. Ihr schwarzverkohltes, hie und da noch rauchendes Gebälke, ragt gespensterhaft über dem Waffersvie- gel hervor, während von der neuen Kettenbrücke bis hinab zu den letzten Häusern am Leopoldstäbter Donauufer und von da durch die Franzensallee bis hinauf in die elegante Jägerzeile zusammengestürzte und ausgebrannte Häuserruinen als Trauermonument des fürchterlichen Kampfes stehen, der hier Tage lang gewüthet hat. Nicht minder schrecklich soll das Feuer in anvern Vorstäbten gehaust haben.
Briefe erhalten wir noch immer von alten Daten, es wird auch noch einige Tage dauern, bevor in das Chaos der Brief-
Leraruworliicher Redakteur: W. H. Rieht. — Druck und Verlag
packete einige Ordnung gebracht werden kann. Die meisten Läden in der Stadt sind heute schon geöffnet, doch sind die Schauläden der Juweliere etwas leer; die Eigenthümer fühlen sich in der Nähe der Kroaten weniger behaglich als tn den letzten Wochen, wo der Proletarier die Flinte auf der Schul, ter die Straßen durchzog, und wo nach den Aussagen der Polizei kaum ein Diebstahl vorkam. (?) Indessen ziehen täglich Regimenter gegen Ungarn; nach den Aussagen mehrerer Offiziere war eine Truppenmacht von 98,000 Mann um die; Hauptstadt konzentrirt, und eine Masse Geschütz soll hier bei-j sammen gewesen seyn, wie man es seit 1813 nirgends gesehen.! Das Militär hat unvergleichlich mehr Mannschaft verloren, als die Vertheidiger der Stadt; die genaue Anzahl der von dieser Seite Gefallenen ist bis h ute 413, während vom Regi, l ment Ceccopicri in einem Gefecht allein 300, von einem Kui- rassierregiment bei Währing 150 und im Prater mehrere hundert Jäger gefallen seyn sollen, welche durch die Unkenntniß des Terrains in die Schußlinie der Kanonen von der Jäger- zeile gekommen waren. Die Verhaftungen dauern noch immer fort, Robert Blum und Fröbel sinv eingesperrt. (A.Z.)
Man erzählt sich gegenwärtig eine Aeußerung von Ca- vaignac, welcher gesagt haben soll: von den Erfolgen des Fürsten Windisch^Grätz hange die Gestaltung Europa's ab. Und in der That scheint es vorläufig wenigstens so, als ob Wien wenigstens zwischen Frankreich und Deutschland zu ver- mitteln hätte. Hier wirkte ja das Beispiel der französischen Revolution zuerst, Berlin ließ sich in's Schlepptau nehmen. Aber auch von einer rückwirkenden Kraft des Wiener Revolu, tionsgeistcs auf Frankreich haben sich bereits Spuren gezeigt, und man ist hier vielfach der Meinung, baß ein entschiedener Sieg der Demokratie in Wien in Paris der Sieg der rothen Republik gewesen wäre. In jeder Hinsicht von mehr untergeordneter Bedeutung ist eine Aeußerung, welche man von Windisch-Grätz über Pillersdorf erzählt. Windisch-Grätz soll zu Pillersdorf gesagt haben: durch sein Verhalten sey er schuld an dem ganzen Unheil, das nun über die Stadt gekommen sey. Und als Pillersdorf bemerkte: er fühle sein Gewissen rein — „das beweist nur, daß es sehr weit ist." Um ferner noch die Aeußerung eines dritten großen Soldaten aufzuzeich-! nen, so erwähne ich, daß Jellachich seine Tobten auf nur 40^ und seine Verwundeten auf 120 Mann angeben soll.
Wien. 6. Nov. (A. Z.) Das Heer des Ieldmarschassè Fürsten v. Windisch-Grätz, welches in drei Armeekorps einge-l theilt ist, und zusammen 102,000 Mann zählt, begibt sich jetzt nach Ungarn. Die Brigade des Generals Frank, bestehend! aus dem Regiment Nassau, ein paar Grenavierbataillons und Jägern, ist bereits gestern bataillonsweise auf einem Seiten-, flügel der Nordbahn gegen die ungarische Gränze abgegangen. Morgen marschirt das Jellachich'sche Armeekorps von hier ab. In Wien bleiben vor der Hand nur 30,000 Mann, und von I diesen sollen bis Mitte d. M.'noch 15,000 Mann weggesendet' werden, da bis dahin die Nationalgarde, welche schon am 15,1 d. M. wieder die Wachen beziehen wird, „auf ben Grund-z lagen des Besitzes und der Intelligenz" reorgani-k sirt seyn wird.
Wien, 7. Nov. Das Proletariat hat im Ganzen dem? Grundsätze: ,,Heilig sey das Eigenthum!" nach dem Zeugnisse aller Wahrheitsfreunde, die sonst nicht seine Freunde sind, gehuldigt. Man wußte, welche Schätze an Metall nnv Banknoten in der Bank lagen, und Niemand ließ eine bedrohliche Aeußerung hierüber fallen. Die Bankbücher wurden übrigens einzeln bei mehreren Privaten untergebracht, die fertigen Banknoten aber in Keller gelegt, welche im äußersten Falle durch eine eigene Vorrichtung unter Wasser gesetzt werben konnten. Doch alle Besorgnisse in dieser Hinsicht waren überflüssig: denn außer einigen zudringli gen Betteleien ward von dem Proletariate kein Attentat auf fremdes Gut ausgeführt. Die Reichstagsabgeordneten schicken sich zur Reise nachKremsicr an,
Ollmütz, 4. Rov. Heute erhielt-n wir traurige Nachrichten aus OesterreichischSchlesien. Ein Gutsherr wurde bei | einem Bauernaufstände bei Olbersdorf verwundet. Die Bauern von Groß-WinzerSborf-Schönhof verlangen nicht nur Lauve- mien, sondern auch die Steuern von den Obrigkeiten zurück. Die Regierung wird wohl genöthigt seyn, mobile Kolonnen jU errichten , um diese schon sehr stark um sich greifende Anarchie zu dämpfen.
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der L. Sch ell enberg'schen Hof-Buchhandluna in Wiesbaden.