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Baume zu erheben und als goldener Thau bei dem Leuchten der Sterne auf ein unermeßliches Blumenreich niederzufallen schien.

Nach Beendigung dieses Gesanges schwieg das Piano in dem benachbarten Hause, die Lichter erloschen, die Thüren schlossen sich. Frau von Fontalbe hörte nichts mehr; sic warf noch einen letzten Blick auf die Gärten und setzte sich nieder, das Haupt neigend, während die Stimme, die nicht mehr sang, noch immer in ihren Ohren tonte.

H.

G r ä s i n u n d K a m m e r z o f e.

Der folgende Tag brachte dieselben Vorgänge in der Nach­barschaft und im Innern des Hauses. Man hätte fast sagen sollen, daß der junge, geheimnißvolle Mann sich von den Tra­ditionen der Einwohner von Thebens genährt habe, und daß er nach ihrem Beispiele unveränderlich dieselben Funktionen zu den nämlichen Stunden des Tages und der Nacht verrichte.

Die folgenden Tage wurden durch keine bemerkenswerthe Veränderung bezeichnet; es gab nur eine Veränderung indem Programme des kleinen Konzerts, das der Nachbar sich selbst vor der Abendglocke gab. Er hatte bereits das Andante des DuettsDies Bildniß ist bezaubernd schön" gesungen;Steig o holde Kleine" auöZampa"; die Nacht in derWüste" von Felicien David; zwei Melodien von August Morel ; die Romanze Raouls aus denHugenotten" und andere Arien, welche die Einwohner von Thebens nicht kannten.

Diese Nachbarschaft war langweilig und unerträglich ge­worden. Die zarten Nerven der Frau von Fontalbe und De- liens sträubten sich in jeder Minute konvulsivisch gegen dieses lebende Räthsel, das sich selbst vom Morgen bis in die Nacht hinein vor sie hinstcllte. Eines Tages sogar zerbrach Delie in ihrer Ungeduld, die durch diesen Nachbar, der zum fünf­zehnten Male dasselbe Buch öffnete, auf das Höchste gestiegen war, um fünf Uhr Abends eine Fensterscheibe, die klirrend auf das Pflaster Herabsiel.

Das Unglück bringt die Leute zusammen. Gräfin und Kammerfrau, von demselben Unglück betroffen, können bald auf einem Fuße demokratischer Gleichheit leben. So vereinig­ten sich auch, als dieses Räthsel bis zu einer Plage gestiegen war, die beiden Opfer, Frau von Fontalbe und Delie gemein­sam, um energischer gegen den gemeinschaftlichen Feind anzu- lämpfm.

Frau von Fontalbe hatte einen klugen Entschluß gefaßt, wie man eine Vorsichtsmaßregel gegen eine herrschende Seuche trifft; sie hatte alle Fensterladen der obern Stockwerke geschlos­sen, mit jenem systematischen Lärme, der eine plötzliche Abreise, eine völlige Desertion verräth; sie zog mit Delie in das Erd­geschoß, schloß ihr Piano, umgab sich mit gänzlichem Schwei­gen und versagte sich jede Kommunikation mit der Außenwelt.

Diese neue Lebensart, oder um besser zu sagen, das Heil­mittel, wurde drei lange Tage hindurch befolgt, und alle Nach­barn, die ihrerseits von Vermuthungen und Beobachtungen in Betreff der Frau von Fontalbe lebten, zogen die Abreise ihrer jungen und schönen Nachbarin nicht länger in Zweifel, und erklärten sich, nach der alten Gewohnheit der Nachbarn, diese Abreise in einem für den Ruf einer Frau nicht eben sehr gün­stigen Sinne. (Forts, folgt.)

Eine Genfer Geschichte *)

Mitgethcilt von E. v. Bülow.

Ich saß wieder eines Tages in dem Omnibus, der mich von Villeneuve am Genfer See über Aigle nach Ber im Rhonethal führen sollte, wo ich meine gewöhnliche Sommer­wohnung aufschlug.

Es war ein feuchter Augustabend und schon halb dunkel, so daß ich auch nur die äußeren Umrisse einer riesigen Gestalt neben mir unterscheiden konnte, die unser Ziel in äußerster Ungeduld zu erwarten schien.

Es wurde ein Bein nach dem andern ausgestrcckt, die Uhr, nach der man gar nicht mehr sehen konnte, herausge- zogen, die Wagenfester herauf und herunter geschoben und mit sprühenden Blicken nach mir herüber geschaut.

Ich hatte aus Furcht vor Zahnweh ein Tuch um den Kopf gewunden und saß stumm in meiner Ecke. Die große Gestalt mußte aber, um sich den Weg absiikurzen, sprechen und warf ein paar Worte hin.

Ich antwortete und der Himmel weiß, wie es zuging, wir waren bald im eifrigsten Gespräche. Es wurden Schwâ zer Zustände verhandelt.

Mein Nachbar fand in mir einen Mann, der über der Kanton hinausdachte sehr einfach, weil ich eben in keine« Kanton geboren war und so verständigten wir uns aff das erfreulichste. Das heißt, der Fremde ergoß über mich, der ich meist beifällig zuhören mußte, den Sturm seiner Be-^ redtsamkeit.

Ich begriff leicht, er gehöre zu den monologisirendèn Na­turen,, und wußte mich mit Anstand in meine Zuhörerrolle zi finden.

Wir trennten uns in Aigle und ich hörte mit Vergnügen s daß der Doktor denn als Doktor der Philosophie hatte« sich alsbald zu erkennen gegeben eine alte Gönnerin vor mir besuchte, die unweit des Städtchens ihr schönes Sommer­haus bewohnte.

, Es war also die Aussicht da, daß wir uns Wiedersehen und wie der Doktor sagte in ähnlich fördernden, lehr­reichen Gesprächen weiter mit einander verkehrten.

Er drückte mir die Hand so bieder, daß ich vor Schmerz

*) Aus dem Frankfurter Konversationsblati.