„Es ist ein junger Mann von 25 bis 30 Jahren, ebenso gut erzogen, als der Sohn des Königs; aber im Punkte der Höflichkeit, nichts."
„Was hat Ihnen denn dieser junge Mann gethan, Herr Briefträger?
„Das will ich Ihnen sagen... Zuerst bekommt er weder Briefe noch Journale... was mich zu dem Glauben gebracht hat, daß er nicht lesen kann... denn man erhält doch immer einen Brief von irgend Jemand in der Welt; dieser Bär von Nr. 21 erhält nichts... Warten Sie, mein Fräulein... am vorigen Tage war ein Irrthum auf einer Briefadreffe, was nichts Neues ist; wer schreibt, ist ost eilig! Diese Adresse brachte mich dorthin, gegenüber, zu Nr. 21. Ich hörte nur auf meine Pflicht, ich schellte, man öffnet, ich trete ein, ich sehe einen jungen Mann auf einer Bank liegen wie ein Müßiggänger in der Stadt.. Ich gab ihm den Brief, als ein Domestik in rother Jacke herbei kam und mir barsch sagte: Das ist hier nicht. Aber, versetzte ich, es ist doch Ihre Nummer. Ich sage Ihnen, daß mein Herr keine Briefe erhält! schrie mich die Jacke an und wies mir die Thüre, gehen Sie auf Nr. 31."
„Es gibt keine Nr. 31."
„Scheeren Sie sich zum Teufel."
In diesem Augenblicke schellte Frau von Fontalbe Delie; die Zofe grüßte den Briefträger, schloß die Thür und eilte zu ihrer Herrin, um ihr ganz frisch die Geschichte von Nr. 21 zu erzählen.
Klotilde erbrach ihre Journale, wäbrend sie mit einer Miene erzwungener Gefälligkeit den Bericht Deliens anhörte. Als diese geendet, nahm Frau von Fontalbe eine strenge Miene an, und sagte: „In Wahrheit, Fräulein Delie, ich sehe, daß Du Deine Zeit auf dem Lande nicht verlierest, aber diese Art von Beobachtung, die Du gewählt, gefällt mir nicht, und kann mich sogar kompromittiren. Du bist jung, lebhaft und unerfahren, ich verzeihe Dir Vieles, weil Deine Fehler die Deiner Jugend sind , aber ich befehle Dir, für die Zukunft vorsichtiger zu sein, und mehr Zurückhaltung zu beweisen."
Mit jener feinen Auffassungsgabe, die die Tugend oder der Fehler der Frauen aller Stände ist, begriff Delie, daß nur der Ton in der Zurechtweisung der Frau von Fontalbe etwas Ernsthaftes enthalte. Sie verneigte sich tief, als wenn fie ihrer Herrin für einen guten Rath danke und entfernte sich, um ihre Beobachtungen fortzusetzen.
Als die schöne und junge Wittwe die Lektüre ihrer Journale, ihrer Chroniken und Feuilletons beendet, als sie ihre Blumen, ihre Vogelhäuser, Fischteiche und ihre Bücher besucht hatte, befand sie sich jenem schrecklichen Feinde gegenüber, den schon der erste Mensch in dem irdischen Paradies kannte, bevor die Liebe erfunden war. Können Sie sich Adam denken, allein unter seinen Aepfelbäumen, vor der Erschaffung der Eva? Adam, ohne Journale, Oper, Romanzen, Malerei,
Deputirtenkammer, Vanille-Eis, Schachspiel, Champagner, Havanna-Cigarren, Assisenhöfe, Eisenbahnen, Dampfschiffe? Adam, allein zwischen den Quellen des Euphrat und Tigris, und jeden Morgen zum Himmel flehend, er möge ihm doch irgend etwas senden, um sich in seiner Langeweile zu amüsiren.
Frau von Fontalbe empfand einen geheimen Schrecken, als sie sich über einen Zweifel an ihrer Kraft schon am Tage nach ihrem Entschlusse ertappte. Sie glaubte sich von den reizendsten Dingen dieser Welt umgeben, und alle waren stumm für sie; die Einsamkeit und das Schweigen verdunkelten den Glanz des Tages, das Grün der Bäume, den Spiegel der Quellen, den Azur des Horizontes. Sie pflückte eine Blume und ließ sie fallen, indem sie melancholisch die Worte eines unbekannten Dichters vor sich hin murmelte:
Ob! plaignez le mortel qui, seul dans son ennui,
Va chercher une fleure, et lä gard pour lui!
Dann gab sie unfreiwillig einem Gedanken an den geheimnißvollen jungen Mann Raum, den der Zufall in ihre Nachbarschaft geführt hatte, und der mit so viel Klugheit und Ernst das Gewicht der nachdenkenden Zurückgezogenheit und die heilsame Langeweile der Trennung ertrug.
Delie durchschritt die Gartenallee, wo Klotilde in Gedanken stand, und sagte, ohne ihre Herrin anzusehen: „Wenn Madame mir sonst keine Befehle zu geben hat, so werde ich mich wieder an meine Stickerei setzen. . ."
„Ja," sagte Klotilde mit sanftem Tone, der die Strenge des letzten Verweises mildern zu wollen schien, „ja Delie, arbeite und verliere keine Zeit mehr mit den Nasarn und den Briefträgern." (Forts, folgt )
Wiener Eindrücke (Fortsetzung).
Als Mittelpunkt der sich nach und nach fester gestaltenden und organisirenden Bewegung des Volkes war der Reichstag anzusehen, dessen Majorität von vornherein sich einstimmig für dieselbe erklärt, sich an ihre Spitze gestellt hatte. In seinen Sitzungen war ich sehr häufig anwesend—das magische Wort: Ein Journalist! eröffnete mir weit die Pforten des Heiligthums. Dasselbe befindet sich in der Burg und ist ein zweckmäßig eingerichteter, geschmackvoll dekorirter Saal. Der Vize- Präsident Franz Smolka, ein Pole, hatte die Präsidentschaft erhalten. Ein guter, ziemlich junger Mann , der sich vor der ganzen übrigen Welt auszeichnet durch einen anderthalb Fuß langen rothen Schnurrbart, der ihm das Ansehen gibt, als sey er einer jener Schwarzkünstler, welche Feuer aus der Nase zu blasen verstehen. Smolka prâsidirt schlecht und recht, wie man eben in gemüthlicher Kneipe auch das Vorsteheramt des Biertisches verwaltet. Seine Instruktionen sammelt er im Kas« . . . (der Name ist mir entfallen), wo sich alle Abende die Polen und ihr journalistischer Anhang versammeln. Am