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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 207» Samstag den LL November L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 3 fL, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. Inserate werden die dreifältige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelhenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Deutsche Zänkereien.

Demagogen im Chorrock.

Deutschland. Vom Rhein (Die Volksvertretung). Frankfurt (Die Sendung Baffermann's nach Berlin). Darmstadt (Verände­rungen im Finanzmisterium). Mannheim (Angebliche Verschwörung unter den nassauischen Soldaten). Berlin (Die Ministerkrifls. Ver­legung des Landtages nach Brandenburg). Wien (Die Kommuni­kation wiederhergestellt).Baden bei Wien (Skizzen aus der Haupt­stadt).

Donaufürstenthümer. Bukarest (Militärdespotie).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

* Deutsche Zänkereien

Der Kongreß dernationalen Vereine" zu Kassel ist aus­gegangen, wie das Hornberger Schießen. Dort wollte man nämlich einen fetten Hammel herausschießen, und als man den ganzen Tag geschossen, fand sich's zuletzt, daß gar kein Ham­mel da war. Dievaterländischen Vereine" in Kassel wollten sich in einem Prinzip einigen, und nachdem sie zwei Tage ge­stritten, stellte sich's heraus, daß gar kein Prinzip vorhanden sey, in welchem sich auch nur je zwei der vielen vertretenen Parteien hätte einigen können. Unbedingte Anerkennung des Parlaments das wollten die ächten Demokraten nicht Uebergehung dieser Frage das war der gemäßigten Partei nicht recht; konstitutionelle Monarchie davon wollten die Republikaner nichts wissen Aufhebung des monarchischen Prinzips in den Einzelstaaten, dagegen Anerkennung desselben in der Gesammtverfassung Deutschlands das sagte den Par- tikularisten nicht zu; konstituionelle Monarchie für die Ein­zelstaatendas behagte den Unitariern schlecht; Summa das gemeinsame Prinzip ward nicht gefunden. Statt dessen begann und endigte man allerdings in ächtnationaler" Weise mit den berufenen queresles allemandes, mit den deutschen Zänkereien. Der Totaleindruck der Verhandlungen gemahnt lebhaft an die Religionsgespräche der Reformationszeit, wo man auch behufs der Einigung zusammentrat und allemal un­einiger auseinanderging, als man gekommen war. Welcher Dämon trieb denn aber auch die Leute, jene ärgerlichen theore­tischen Fragen auf's Tapet zu bringen, über welche sich ganz Deutschland nunmehr schon seit 9 Monaten herumzankt? Was die ganze Ration in so langer Frist nicht ausfechten konnte, das war voraussichtlich auch nicht in zwei Tagen in Kassel zu erledigen.

Es ist ein großes Glück für den Kasseler Kongreß, daß er im Voraus keinen solchen Lärm gemacht, keine solche An- maßlichkeiten in die Welt posaunt hat, wie der Berliner De- mokraten-Konvent; wäre dieß auch noch der Fall gewesen, dann würde er sich kaum in geringerem Grade kompronuttirt haben, als es die Volksmänner an der Spree gethan. Man hat die Lösung der besprochenen Fragen in Kassel vertagt, man hat die Versammlung nur als vorberathend erklärt und die Be­rufung eines größeren Kongresses eingeleitet. Dies sieht doch mindestens aus wie ein praktisches Resultat; ob es ein solches ist?

Wir können uns eine Lehre ziehen aus diesen Thatsachen, daß es noch zu früh ist für ein äußerliches Zusammenleimen

der verschiedenen Parteischattirungen, und daß es für jetzt noch an der Zeit sey für jede Fraktion, recht fest an ihrem Be­kenntnisse zu halten, um es desto entschiedener auszubilden. Später wird sich dann auch die Versöhnuug schon finden.

Demagogen im Chorrock»

z Vom Taunus, im Anfänge des Nov. Am 31. Okt. trat die Usinger Spezialsynode wieder zusammen, um den von einem gewählten Ausschüsse von 5 Mitgliedern bearbeiteten durch den Druck verbreiteten Entwurf zu berathen. In der ersten Sitzung kam übrigens lange nicht die Hälfte der Para­graphen zur Abstimmung, so daß für den folgenden Tag , an welchem nach allgemeinem Wunsche die Sache beendigt werden sollte, die Sitzung allzulange dauerte, nämlich mit kurzer Un­terbrechung 8 Stunden. Der Entwurf hat eine Presbyterial- und Synodalverfassung vorgeschlagen, und die daraus entste­henden Veränderungen, des jetzigen Zustandes in einer größe­ren Ausführlichkeit behandelt, als die Synodalsynoden, welche ihre Protokolle bereits der Oeffentlichkeit übergeben haben. Da Alles mit größter Freisinnigkeit behandelt war, so wurde wenig verworfen, jedoch viele Zusätze gemacht. Es liegt da­her von unserer Synode ein sehr reichhaltiges Material vor, das der Generalsynode nicht anders, als erwünscht seyn kann. Hoffentlich wird wohl einer der Schriftführer oder einer der Vorsitzenden einen Auszug aus den sehr umfangreichen Proto­kollen machen, die in ihrer Ausführlichkeit schwerlich von einem unserer Kirchenblätter werden ausgenommen werden. Wie vor­auszusehen war, wurde die meiste Beredsamkeit bei dem Para­graphen, der von der Anstellung der Geistlichen handelt, auf­geboten. Allgemeine Bewunderung erregte Hr. Schultheiß Henz, der nicht allein mit der größten Klarheit die beklagens- werthen Folgen darstellte, womit die Gemeinden sich selber strafen würden, wenn die Wahl beliebt würde, sondern auch in fließender Sprache redete, daß er manchen Studirten be­schämen könnte. Hier konnte man klar sehen, daß Beredsam­keit vom schnellen und klaren Denken abhângt, da der Sprecher vielleicht die erste Rede in seinem Leben hielt. Ein lauteS Bravo wurde dem Sprecher zugerufen, welches freilich gegen die Geschäftsordnung war, aber lächerlicher Weise von demje­nigen allein gerügt ward, welcher selbst dem vorigen Redner für die unbedingt freie Wahl zugerufen hatte.

Aus einer Rede für die völlig unbeschränkte Wahl ist ein Passus hervorzuheben, von welchem ich übrigens bezweifle, daß er so viel Aufsehen gemacht, hat, als er beabsichtigte. Wenig­stens war wohl Niemand, der auf die Uneigennützigkeit ge­schworen hätte, die in folgenden Worten bramarbasirte:Ich weiß wohl, daß ich mit meiner Ansicht gegen das Interesse des geistlichen Standes ankämpfe, ich weiß wohl, daß ich mich selbst vielleicht zu Grunde richte, aber ich thue alles für daS Volk. Der Geistliche muß stets eingedenk bleiben, daß ferne Besoldung aus den schwieligen Händen des armen und bela­denen Volkes stammt, aus den Händen des Volkes, welches mit seinem sauern Schweiße, ja mit seinem Herzblute dieselbe erschwingen muß." Gegen die Schönheit dieses Passus soll natürlich nichts eingewendet werden. Aber wie reimen sich die aristokratischen Händchen des Sprechers, die noch vor dem März immer in Glanzhandschuhen steckten, und seitdem sich noch nicht abgehärtet haben, und die zarten Füßchen, welche