Gebieterin, und während sie dieselbe mit der Geschicklichkeit einer Schülerin von Mariton oder Rätter fristrte, verlor ste das, was sich in ihrer Nachbarschaft zutrug, nicht aus dem Gesichte, indem sie bei jeder Locke, die auS ihrer Hand hcrvor- ging, ein Selbstgespräch hielt. „Der junge Mann befindet sich noch in derselben Stellung; er betrachtet noch immer denselben Baum, als wenn er die Blätter zählen wollte. Das wird * lange dauern. — Uebrigeus würde er wohl nicht so still sein, wenn er wüßte, daß er die artigste Frau zur Nachbarin hat. Ach! endlich etwas Neues... ein Diener geht dort... ein hübscher Lakai, in hellrother Livree... er läßt ein Buch auf dem Gartentische zurück... Der junge Mann nimmt das Buch... Wirklich, es war keine Statue. Er öffnet das Buch und liest... Unser Nachbar muß ein Mann seyn, ganz comme il laut, ich nehme das an dem Kleide seines Kammerdieners ab... Ist die gnädige Frau mit ihrer Frisur zufrieden?"
„Es reicht hin für da^ Land," sagte Frau von Fontalbe, indem sie in ihrem Toilettespicgel lächelte; „hier kleidet man sich nur für sich selbst an."
„Madame wird mir erlauben, anderer Meinung zu seyn," sagte Delie, „in diesem Dorfe gilt man viel mehr, als in Paris. Wenn Madame in den Garten hinabgeht, so werden alle Fenster der Umgegend sich öffnen, und was wird man für Augen machen. . ."
„Das ist mir sehr gleichgültig," unterbrach Klotilde, über die Wahl eines Kleides nachsinnend, „ich bin todt für die Welt... ich bin hier wie in einem Grabe und ich kümmere mich wenig um die Verachtung oder die Bewunderung der Leute von Ville d'Avray."
„Ich bemerke, daß die gnädige Frau über die Wahl ihres Kleides in Zweifel ist," sagte Delie, absichtlich etwas spöttisch. „Es ist wahr, alle diese Kleider sind von so gutem Geschmack., besonders das hier... Wenn ich die Ehre hätte, eine große Dame zu seyn, ich würde Weiß auf dem Lande vorziehen . .. Wie das Weiß sich so herrlich ausnimmt in dem Grün der Bäume!. .. mit einer schwarzen Spitzenmantille und einem Gartenhute... Ich weiß gewiß, die gnädige Frau würde ganz meiner Meinung seyn, wenn sie heute nicht für alle Angelegenheiten ihrer Toilette gleichgültig wäre."
Klotilde machte eine nachlässige Geberde und bezeichnete ein weißes Kleid, indem sie sagte: „Was zuerst vorkommt, das ist mir ganz gleich."
Als die Toilette beendet war, faltete Delie ihre Hände, wie vor einem Heiligenbilde, und nahm eine bewundernde Stellung an, indem sie ihre Herrin von Kopf bis zu Füßen betrachtete.
„Mein Gott! sagte sie, wie glücklich sind doch die Männer, die Frauen zu lieben!"
„Delie, arme Delie, sagte Klotilde; Du bist ein Kind." „Ich werde seyn, was Madame will... übrigens glaube
ich, daß es jetzt nichts mehr Unpassendes seyn wird, den Vorhang aufzuziehen... Madame will ohne Zweifel die Morgenluft auf dem Balkon genießen ..."
„Delie, ich gehe in den Garten hinab . .."
„Der junge Mann ist immer noch an dem nämlichen Platze . . . schon eine Stunde, — er liegt in Einem fort .. . Er muß ein Schriftsteller seyn ... o nein! wenn er ein Schriftsteller wäre, würde er schreiben. . ."
Delie wandte sich um und fand sich allein; sie hörte das leise Geräusch der Schritte und des Kleides ihrer Herrin auf der Treppe; der Augenblick war günstig; sie öffnete das Fenster mit einem Geräusche, hinlänglich, Jedermann zu erwecken, und zeigte sich auf dem Balkon im hellen Sonnenlichte, wie die reizendste der Grazien zwischen den zwei Palastsäulen auf Knidus, nach der Toilette der Venus. (Man verzeihe mir diesen klassischen Vergleich; ich schrieb diese Zeilen in dem Park von Versailles, wo die Mythologie, in Stein gehauen und in Bronze gegossen, uns mit einem ewigen Leben bedroht.) (Fortsetzung folgt.)
Der Umfang des Herrischen Reèches feit Dtèo dem Großen.
(Aus der Köln. Ztg.)
Bei Gelegenheit der in Frankfurt schwebenden Verhandlung über die Feststellung der Reichsgränzen möchte vielen Lesern eine Zusammenstellung des Areals der deutschen Reichsländer seit der Konstituirung des römischen Reiches deutscher Nation willkommen seyn. Die Angaben in runden Zahlen! gründen sich auf die Karten des v. Spruner'schen historischen! Atlasses.
Unter Otto dem Großen, dem ersten deutschen Könige, welcher für immer die Kaiserkrone unserer Nation errang, umfaßte das Reich Deutschland (mit Ausnahme der damals slavischen und lettischen Länder Pommern, Schlesien und Preußen), dann Holland, Belgien, Lothringen, Elsaß, die östliche Schweiz und ganz Italien (mit Ausnahme der griechischen f und maurischen Besitzungen: Sizilien, Kalabrien, Tarent, Neapel, Sardinien und Korsika) zusammen also ein Areal von r 16,500 Quadratmeilen.
Von der Mitte des zehnten bis zur Mitte des zwölften [ Jahrhunderts oder zur Herrschaft des ersten Hohenstaufen [ Konrad III. blieben die Hauptbestandtheile dieselben, jedoch i erhielt das Reich durch den Erwerb des Königreichs Burgund oder Arelat den sehr unsichern, aber ruhmvollen Besitz von ganz Südost-Frankreich. In Italien wurden Sardinien und Korsika erobert, Apulien aber nach harten Kämpfen an die Normannen verloren. Beim Antritte Friedrich Barbarossas, 1151, hatte das deutsche Reich den größten Umfang, den es nie wieder erreicht hat, nämlich nahe an 19,000 Quadratmeilen.
In die folgende Zeit bis zur Mitte des vierzehnten Jahr-