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liebte die Blumen, die Musik, die Malerei, Stickerei, Lektüre, lauter Mittel, die schon geeignet waren, die Langeweile des Tages zu vertreiben, die Langeweile der Nacht benahm ihr der Schlaf.

Am Abende dieses ersten Tages schlief sie unter den Klän­gen einer für ihr Gehörzsüßeren Musik als das Bel Rag gio von Rossini, der natürlichen Melodie der Sommernächte ein.

(Fortsetzung folgt.)

Wiener Eindrücke (Fortsetzung).

Ich war mit in die inneren Räume des Hauses geschoben worden, war aber froh, als ich mich, nach einem kunstreichen Marsch über unzählige Flintenläufe, wieder im freien Hofe fand. Daselbst ging es eben so toll zu, wie in den Gewölben. Wom zweiten Stocke herab warfen Einzelne die Gewehre mitten unter die dicht gedrängten Haufen, aus welchen sich Hunderte von Händen empor streckten, um sie aufzufangen. Eine Menge von Verwundungen ist bei dieser kuriosen Art der Waffenaus- theilung vorgekommen, und der Brunnen des Hofes war be­ständig mit Blutenden umlagert. Aber an Blut war man an diesen Tagen eben so sehr gewohnt, wie an Wasser. Wahr­haft bewundernswürdig sind die Feuerwaffen gewesen, welche man in dem Zeughause gesunden hat. Ich erwarb von einem halbwüchsigen Jungen sür drei Zwanziger einen Kugelstutzen, dessen Konstruktion eine der vorzüglichsten war, die ich je ge­sehen, und der als Doppelwaffe ein furchtbares Haubayonnet aufpflanzen ließ. Von dieser Gattung von Feuergewehren, mit welchen die Armee nach und nach armirt werden sollte, fanden sich viele Tausende vor, wie man denn überhaupt an- nehmen kann, daß an jenem Morgen 30,000 Menschen voll­ständig bewaffnet worden sind. Daß die Mehrzahl dieser dem Proletariat angehört, ist unzweifelhaft und hat das erste Be­denken gegen die Plünderung erregt, die der Reichstag denn auch im Laufe deö Vormittags einstellen hieß. Schade ist es gewesen für so viele historische Denkmale, welche bei dieser Gelegenheit unrettbar verloren gegangen sind. Ich sah Tromm­ler in glänzenden Ritterharnischen, die dereinst vielleicht die Herzoge von Oesterreich getragen hatten, Straßenjungen mit kostbar verzierten, eingelegten Rad- und Luntenflinten, Barbier­gehülfen mit Helmen geschmückt, deren Beulen von mancher ruhmreichen Schlacht zu erzählen vermochten; Arbeiter mit un­geheuren zweihändigen Schlachtschwertern hielten Wache an den Barrikaden, auf welchen Fahnen und Roßschweife aus den Türkenkriegen flatterten. Ein alter Herr, Professor und Ge­schichtschreiber, bejammerte im Kaffeehause bei Daum sehr den Verlust dieser historischen Trophäen.Was wollen Sie?" entgegnete ihm ein Demokrat und beschrieb mit den Händen einen Kreis-, als suche er den Erdball zu umfassenAlles für das Volk!"

Wenn ich an alle die Szenen jener Tage gedenke, so ist mir's noch heute, als seyen sie nur die Fortsetzung jener Traumgebilde gewesen, aus deren Mitte mich der erste Alarm­ruf der Revolte gerissen hatte. Ich frage mich: Wie ist eS nur möglich gewesen, daß aus einer in ihren Anfängen so kleinen und fast heiteren Bewegung eine furchtbare Katastrophe, ein Ereigniß erwachsen konnte, dessen Folgen unabsehbar sindj? Denn ich will es verbürgen, das Volk von Wien hat am Morgen des 6. Oktober nichts mehr und nichts weniger im Sinne gehabt, als durch eine Demonstration der Regierung seine Sympathie für die Magyaren kund zu geben. Diese Sympathie war natürlich, doppelt natürlich, weil ungarisches Gold sie nährte und zur hellen Flamme anblies. Es ist That­sache, daß in den letztvorhergehenden Tagen große Summen aus Pesth nach Wien, und zwar an wohlbekannte Demokraten adressirt, gelangt sind, und es ist nur wunderbar, daß Kossuth noch dieselben aufzutreiben gewußt hat.

Als ich mit Freunden am Morgen des 8. nach der Aula ging, begegnete uns ein Hauptmann der Nationalgarde, die Brust mit mehreren Medaillen geziert, ein Pole, derselbe, wel­cher den Arbeitern zur Wegnahme der Kanonen an der Tabor­brücke Anleitung gegeben hatte. Er hielt mich wahrscheinlich für einen Eingeweihten, denn mit freudestrahlendem Gesichte machte er uns ohne Weiteres die Mittheilung: Heute bekom­men wir wieder hunderttausend Gulden aus Pesth!--Dieses Faktum bedarf keines Kommentars. Wie sich auch'vre Wiener Oktober-Bewegung gestaltet haben mag, und ich will gern- geben, daß das unverantwortliche Benehmen Jellachich's , der kaiserlichen Generale und der Kamarilla ihr eine Berechtigung verliehen, die der Reichstag selber sanktionirt hat, so ist sie doch gewiß ursprünglich einer unreinen, trüben Quelle entflos­sen. Aber ich enthalte mich mit Fleiß jedes weiteren Raison- nements über Ursprung, Wesen und Bedeutung derselben und wende mich lieber der Betrachtung und Beobachtung mitthei- lenswerther Einzelheiten zu, aus deren Gesammtheit sich leicht ein Urtheil fällen, ein Prognostikon stellen lassen wird.

Die Physiognomie der Stadt Wien am 7. Okt., also am Tage nach dem Ausbruche, war eine höchst merkwürdige. Alle Gewölbe waren geschlossen, die Straßen durch Barrikaden ge­sperrt, kein Fiaker rasselte durch dieselben, der Verkehr war sparsam, und Wien war nicht mehr das alte. Eine schwere Schuld schien wie der Alp auf der heitern Stadt zu liegen; scheu und gesenkten Auges schlichen die Menschen an einander vorüber, und selbst der jugendliche Akademiker schritt nicht so keck gehobenen Ganges dahin, wie gewöhnlich. Was war über diese Leute gekommen? Fühlten sie das Gewicht der un­geheuren Verantwortung, die sie aus sich genommen, gingen der Ermordeten Geister durch die Straßen, betäubte das Blut, das auf den Steinen klebte, die Wandelnden? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß an jenem Tage eine solche Rath­und Thatlosigkeit in der Stadt herrschte, daß es dem Konr-