Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 205» Donnerstag den S November 18L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umsang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kiirfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. SO fr,, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwallungsgebietes S fl. 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit S fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Berlinerci.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag). — Homburg (Die Spielbank).
— Heidelberg (Die Republikaner. Die nassauischen Soldaten). — Mannheim (Struve in Rastatt). — Aus Baden (Heckers Rede in Neuyork). — Vom Bodensee (Volksbewegung). — München (Hor- mayr f). — Berlin (Die Bürgerwehr. Erklärung Dowiats. Die Geldbeiträge für die im März Verwundeten). — Von der Weser (Die Schiffbarkeit der Wesermündung). — Wien (Der Reichstag. Die angebliche Plünderung der Stadt).
Großbritannien. London (Die Times über den deutschen Reichstag).
* Berlinere!»
Seitdem die Gewitterwolken am Wiener Horizont — wenigstens auf eine Weile — ausgedonnert haben, sieht es I nirgends mehr so schwül aus, als in Berlin. Eine Kata- f strophe kann dort nicht ausbleiben, und welch anderes Schicksal steht in diesem Falle der Stadt an der Spree bevor, als das gleiche, welches die Stadt an der Donau betroffen hat?
Der König wird hier und da nachgeben, es ist sogar möglich, daß er auch einmal zur Abwechselung ein radikales Ministerium beruft; aber seiner festen und in sich abgeschlossenen politischen Neigungen wird er sich niemals entschlagen können. Er wird sich einen konstitutionellen König nennen — welch ungeheuere Ueberwindung mag dies schon dem Manne gekostet haben, der die diktatorische Thronrede von 1847 hielt! — aber er wird doch der König „von Gottes Gnaden" bleiben, der seines „in Gott ruhenden Herrn Vaters" Fußtapfen niemals verlassen will, der sich keinen ächten König denken kann, ohne das patriarchalisch-priesterliche Szepter. Und wie viele Hunderttausende, namentlich in den altpreußischen' Lam bestheilen, sind von der gleichen Gesinnung beseelt und spie- slen blos den Konstitutionalismus mit — nur minder aufrichtig als ihr König und mit geringerer Selbstbeherrschung! ; Wer kann diese Leute zwingen, sich ;n der That und Wahrheit zu dem Prinzip der neuen Zeit zu bekennen? Eine vernünftige Haltung des Berliner Volkes würde sie seit acht Monaten bekehrt, würde ihnen die Augen geöffnet haben; statt dessen hat der tolle Pöbelhaufe in Berlin mit seiner Ta- bagie-Politik die Kluft erst recht groß und alle Vermittelung unmöglich gemacht. Die Vernünftigen, welche die neue Freiheit wollen ohne den neuen Unsinn, schweigen in Preußen wie überall; sie werden so lange schweigen, wie die Wiener, bis ihnen die Häuser über dem Kopfe in Brand geschossen werden und sie mit Hab und Gut oder auch als Bettler flüchten müssen. Niemand ist durch das Strafgericht an der Donau schwerer getroffen worden, als die Gemäßigten, welche die Dinge gehen ließen, wie es Gott und den Wühlern gefiel ! —
Doch zurück nach Berlin! Während auf der Einen Seite sie Altpreußen und ihr frommer König sich nicht finden können w die neue Ordnung der Dinge, herrscht auf der andern Seite k>ll Prinzip, welches auch wahrlich nicht der neuen Zeit an- gchort, sondern recht eigentlich dem schlechtesten Bodensatz der Vergangenheit. >Es ist das elende, halbverweste Literaten- !)um, welches in dem souveränen Berliner Pöbel (nicht dem ^olke) spuckt, der alte Geist der Blasirtheit, der renuomistischen
Nichtswisserei, des moralischen und intellektuellen Vagabunden- lebens. Man hat diesen ganzen Geist früher kurzweg Ber- linerei genannt, und in etwas modernisirter Fa?on ist er vollständig wiedergekehrt. Die längst abgethanen Mitglieder der alten Literatengenossenschaft, Bauer, Held rc. stehen jetzt wieder an der Spitze. Was kann aus einem Volke werden, dessen Führer ihr ganzes Leben lang ihren Beruf darein setzten, mit Nichtigkeiten Spektakel zu machen, und, jeder tiferen und gründlicheren Bildung baar, durch die Phrase der Bildung das ganze Geschlecht hohlköpfig zu machen. Und kein kleiner Theil der Berliner konstituirenden Versammlung besteht ebenfalls aus solchen Literatengeistern. (Etwas Aehnliches findet sich auch in Nassau, nur daß unsere Korryphäen um ein gut Theil ehrlicher sind, und nicht einmal mit der Phrase der Bildung zu rennomiren für nöthig achten, sondern schlechtweg mit der Unbi ld ung selber).
Der Dilettantismus, der früher das Berliner Volk vierzig Jahre lang in der Sandwüste der hohlen Blasirtheit irre führte, hat es jetzt abermals an den Rand des Abgrundes gestellt. Man dilettirt in Berlin mit der Freiheit, mit der Verfassung, mit dem heiligen Begriff des Volkes. Ist es doch bezeichnend genug, daß gegenwärtig in Berlin ein Buch erschienen ist, welches den Titel führt: „Handbuch der Kriegsführung für — Dilettanten!" In Wien war es der nämliche Dämon des dilettantischen Literatenthums, nur etwas derber, oder, um deutsch zu reden, unfläthiger, das in der Gestalt eines Schütte und seiner Genossen die Stadt in ihr Verderben rannte.
Daraus erklärt sich denn auch die permanente Winister- krisis an der Spree, welche den Staatsorganismus ewig im Schwanken hält. Es ist bald so weit gekommen, daß man lieber ein recht schlechtes, aber dauerhaftes Ministerium wünschen muß, als diesen fortdauernden Ministerwechsel. Die persönliche Laune, die Grille, das fliegende Gelüste des Augenblickes stürzt und schafft eben die Ministerien, nicht das Prinzip, das System. Wie kann dieser Zustand anders enden, als durch einen Gewaltstreicb?
Es ist eine seltsame Ironie, und doch birgt sie tiefe Wahrheit, daß in Berlin aus lauter übergroßem Drang nach Freiheit Alles souverän seyn will; der souveräne König, das souveräne Volk, der partikular-souveräne Reichstag, der souveräne Lindenklubb, die souveränen Herren Journalisten, der souveräne Konditor Karbe, tausend souveräne Eckensteher und so fort in's Unendliche. Die Freiheit ist die Despotie jedes Einzelnen — so berühren sich die Ertreme! . .
Wird die Reichsgewalt, die namentlich durch die neuen Verwickelungen in der Posener Frage so dringend dazu aufgefordert ist, keine energische Schritte thun, um dieser trostlosen Berlinerei ein Ende zu machen? Wir hoffen, daß sie, es versuchen, aber wir zweifeln, daß sie es fertig bringen wird.
Die Nationalitäten in Oesterreich.
Deutsche rechnet man in Oesterreich nach der neuesten Zählung 7,285,000, mehr als 7$ der gesummten Bevölkerung. Sie wohnen indeß ungemischt und in kompakter Maste nur im Erzherzogtum, der größeren nördlichen Hälfte von Steyermark, in einem großen Theile von Kärnthen, einem kleineren von Krain, und in der größeren nördlichen Hälfte von Tirol, zusammen fast 47» Millionen Seelen. Andere 1% bis 2