war der Sieg errungen — da und dort lag eine Leiche, große Blutlachen in den Straßen verkündeten seinen theuren Preis. Vor dem geschlossenen Hof-Kriegsgebäude, in das sich die Grenadierwache zurückgezogen hatte, tobte eine wilde Menge. Unter ihrem drohenden Geschrei klang kein Wort so furchtbar, als der allverhaßte Name Latour! Endlich öffnete sich die gewaltige Pforte des Hauses, und hinein in den großen Hof strömte die erhitzte, fanatische Menge. Einige wohlgesinnte warfen sich ihr entgegen—vergebens, man wollte ein Opfer. Noch zur rechten Zeit schob eine neue Erscheinung dasselbe aus. Von Legionären geleitet, durchzog eine Abtheilung von Reichstags-Abgeordneten mit weißen Fahnen die Stadt und predigte Frieden. Im Hof-Kriegsgebäude hielt es schwer, denselben aufrecht zu erhalten; erst als der allgellebte Borrosch vonden Schultern stämmiger Arbeiter herab vor neuem Blutvergießen gewarnt und wie der Geist im Hamlet, nur mit dünner Fistelstimme, sein Schwört! Schwört! gerufen hatte, beruhigte sich die blutgierige Bande und entfernte sich, nachdem sie den Schwur geleistet hatte, dem Kriegsminister kein Leid zuzufügen. Borrosch ward von den begeisterten, aber müden Arbeitern auf ein lediges Pferd gehoben und wie ein Triumphator durch die Stadt geführt. Der gute Mann hatte noch niemals ein Roß bestiegen, sein junges, feuriges Thier kurbettirte unter ihm so prächtig, daß er es umarmen zu müssen glaubte, und erst die Hülfe von vier stämmigen Führern beruhigte es soweit, daß sein Reiter, der edle Dulder, mit der Miene stummer Resignation und hoch hinausgezogenen Knieen es wagen konnte, seinem Sicksal ins Auge zu schauen.
Während aber der Volksmann sich hoch zu Roß bewundern ließ, waren neue Horden in das Hof-Kriegsgebäude gedrungen und suchten den unglücklichen Latour. Sie fanden ihn endlich, versteckt in einer Bodenkammer. Es war um ihn geschehen, Niemand vermochte ihn zu retten, Niemand wollte ihn retten. Siebenzig Grenadiere standen mit schlotternden Knieen im Hofe des Gebäudes und sahen ihren General-Feldzeugmeister morden — Keiner regte sich. Ich schweige darüber, wie der Unglückliche endete. Er endete sehr schnell. Mit mehreren Freunden war ich inzwischen in die Sitzung des Reichstages gegangen, der sich, freilich in ziemlich geringer Anzahl, zusammengefunden hatte. Es wurden darin die bekannten Beschlüsse gefaßt, den Ministern Hornbostl und Doblhof versichert, daß sie ehrliche Männer seyen, eine Deputation an den Kaiser -abgefertigt u. s. w. Ich werde später manches Interessante über den Wiener Reichstag zu erzählen haben; am 6. Oktober gingen zum ersten Mal alle Anträge ohne Opposition durch. Rechte, Linke und Zentrum waren eine Dreieinigkeit und der Löhner schüttelte seinen größten parlamentarischen Feinden die Hände, und die liebenswürdigen Abgeordneten aus Galizien und den sabelhaften Ländern der Bukowina und Herzegowina machten noch größere Augen, als gewöhnlich.
Der Reichstag hatte sich auf eine halbe Stunde vertagt;
ich wandelte mit einem Freunde über die in ein Feldlager verwandelte Bastei nach dem Kärnthnerthore. Vor diesem begegneten uns große Haufen von Nationalgarden aus der Vorstadt Wieden. Sie trugen auf Bayonnetten und Piken kleine Fetzen Tuch und Leinwand und schienen in höchster Begeisterung zu sein. Was soll das bedeuten? fragte ich einen bärtigen, etwas zerlumpten Arbeiter. Das sind Stücke von seinen Kleidern, lautete die Antwort. Von wessen Kleidern? Nun, Latour; wir haben ihn gehängt. — Nein, nein, es ist nicht wahr, es ist unmöglich! — Was unmöglich? Sehen Sie, und damit zog er einen rothen Kragen aus der Tasche, der von Blut noch röther geworden war, hielt ihn uns vor die Augen und steckte ihn schnell wieder ein, als fürchte er einen Raub des kostbaren Gutes; sehen Sie, diesen Kragen hab' ich ihm selber abgerissen. — Wir glaubten nicht an die schreckliche That, glaubten sie nicht, trotz hundertfacher Bestätigung, die wir unterwegs erhielten, als wir nach dem Hofe eilten, um uns mit eigenen Augen zu überzeugen. Aber es war nur zu wahr — da hing der leblose Körper, nur' mit einem blutgetränkten weißen Laken verhüllt, an der Laterne und um ihn herum tanzte ein mordberauschter Haufe und verübte Thaten an dem Leichname, welche die Thäter auf immer aus den Reihen der Menschheit stoßen. Tausende standen auf dem Platze und betrachteten wohlgefällig das Entsetzliche; zur Hälfte waren es Mädchen und Weiber. Ich vermochte nicht zu bleiben — ich habe Vieles erlebt und Vieles gesehen, aber was ich da gesehen, ist das Schrecklichste gewesen, verfolgte mich Tage lang wie ein Gespenst und jagte in gräßlichen Träumen den Schlaf von meinem Lager. Von dieser Stunde an schien mir über ganz Wien ein schwarzer Schleier gebreitet!
Der Reichstag sprach seine Entrüstung über den blutigen Mord des Kriegsministers, den er trefflich hätte verhindern können, zwar aus, dachte aber nicht im Geringsten daran, einen der blutigen Mörder, die sich laut und offen ihrer That rühmten, zur Verantwortung zu ziehen. Er hatte freilich an jenem Abende sehr vieles Andere zu thun. Die Nachricht von der hastigen Flucht des Kaisers, dessen hinterlassenes! Manifest und der noch nicht beendigte Kampf hielten ihn, der! sich permanent erklärt hatte, vollkommen in Athem. Das Militär hatte nämlich, auf allen Punkten vom Volke besiegt,! die Stadt geräumt und nur eine Besatzung in dem kaiserlichen Zeughause zurückgelassen. Die Zurückziehung der ersteren, dik Uebergabe des letzteren, verlangte nunmehr das souveräne, Volk oder vielmehr dessen vielköpfiger Despot, die Aula. Der! die Besatzung befehligende tapfere Offizier weigerte sich, ohn« Ordre von seinem General abzuziehen, erkannte die des Reichstages nicht an, und vertheidigte sich energisch gegen die Stürmer; denn die akademische Jugend wollte in ihrer tapferen! Ungeduld nicht darauf warten, bis der an Auersperg, den Kommandirenden der Truppen, gesandte Parlamentär zurüstgekehrt sey, sondern warf sich in blinder Wuth auf das feste