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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

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Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariesche» Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Jusera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Deutscher Eulenspiegel.

Deutschland. Vom Trompeter (Glosse zu nassauischen Parteifragen).

Vom Guldenbache (Die Stelle eines Arztes in Hofheim.)

Aus der Grafschaft Westerburg (Wasserscheue). Frankfurt (Reichstag). Wien (Die Besatzung der Stadt. Robert Blum. Stim­mung der Bürger. Nachträgliche Einzelheiten).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Großbritannien. London (Der Aufstand in Ostindien).

* Deutscher Eulenspiegel

i.

Das Recht der freien Meinung wird in dem glücklichen Deutschland täglich in größerem Maße anerkannt. In Berlin hielt man die Landtags-Abgeordneten solide, dauerhafte Stricke, die ihren Mann tragen konnten, unter die Nase und zeigte auf die geeigneten Haken und Pfähle behufs der Beförde­rung der parlamentarischen Freiheit.

Im Wiener Reichstage riefen die Journalisten den Abge­ordneten die Anträge zu und die Proletarier ließen einige Flintenläufe von den Gallerien herabgucken, um dadurch die freie Wahl in der Annahme dieser Anträge möglichst zu er­leichtern.

Da es ferner leicht hätte seyn können, daß die Wiener Nationalgarde nicht frei genug gewesen wäre, in der Wahl der Partei, für welche sie sich sollte todtschlagen lassen, so stellte man sie in die vorderste Linie, in die zweite aber die Proletarier, welche mit aufgezogenem Hahn den National­garden im buchstäblichen Sinne denRücken deckten", so daß ihnen die Wahl vollkommen frei blieb, ob sie sich von vorn oder von hinten wollten erschießen lassen.

II.

In einem nassauischen Städtchen amnördlichen Taunus" ereignete sich's vor Kurzem, daß ein gesetzter Mann von un­gefähr 50 Jahren in einem demokratischen Vereine den ächt republikanischen Antrag stellte, eine Versteigerung des Amt­mannes, des Amtssekretärs und eines Hofkammerrathes vor­zunehmen, wo dann aus dem höchsten Gebote entnommen wer­den sollte, welchem von diesen Dreien zuerst ver Hals abzu­schneiden sey. Der Hoskammerrath wurde zu 28 fl., der Amts- sekretâr zu 20 kr. und der Amtmann zu 6 kr. zugeschlagen, und der Spektakel soll königlich gewesen seyn.

Es war dies natürlich'nur eine Spielerei, wie die frank­furter, wiener und berliner Spielereien nach der Ansicht volks- thümlicher Männer auch nur Spielereien waren, und wer da behauptete, daß in diesem kindischen Spiel doch ein abscheu­licher Ernst versteckt liege, den man etwa damit vergleichen könnte, daß der junge Kartouche im unschuldigen Spiel den »liegen die Beine ausriß und den Katzen die Schwänze ab­schnitt, der müßte wahrlich ein krasser Reaktionär seyn.

III.

In der sächsischen Kammer stellte Jemand dieser Tage die impertinente Anfrage, ob denn Reichstagsabgeordnete wie R o- bert Blum und Genossen ihre Diäten auch dann fortbezögen, wenn sie statt im Reichstage zu sitzen, apostolische Reisen nach Wien und Berlinâmachten. Ist es denn kein Gewinn für die

Nation, der ein paar Tausend lumpige Thaler weit auswiegt, wenn jene Herren im Lande herumreisen, um sich zu blamiren? Man sollte ihnen doppelte Diäten bezahlen! Die sächsische Regierung konnte sich leider nicht auf diese Hohe des politi­schen Standpunktes erheben, und erklärte, daß nur bei einer Abwesenheit von 14 Tagen die Diäten eines Reichstagsabge­ordneten fortlaufend ausgezahlt würden.

IV.

Die nassauische Kammer hat sich endlich von ihrer Ber­liner Schwester überflügeln lassen. In Berlin hat man den Adel, die Titel und die Orden abgeschafft. Wie konnte Nassau hierin so lange zurückbleiben, zumal es mit der Abschaffung des Adels der reaktionärenGesellschaft in der Paulskirche," die denselben bekanntlich beibehalten will, hätte auftrumpfen können! Da bereits alle harmlosen Antrags- und Juterpel- lationsspielereien, durch welche man die Erledigung der drin­gendsten Gesetze in unserer Kammer bisher so glücklich aufge­halten hat, erschöpft sind, so rathen wir dem Abg. Lang oder Raht, den Antrag auf Abschaffung des Adels sofort bei Wie­dereröffnung der Sitzungen auf die Tagesordnung zu bringen. Man kann darüber, wie über so viele ähnliche frühere Anträge, ganz gemüthlich einige Tage debattiren, die volle Kraft der volksthümlichen Rede entfalten, und wenn schließlich das Volk ungeduldig wird, weil seine dringendsten Verhältnisse nicht ge­ordnet werden, dann ist dies um so besser. Ein ungeduldiges Volk wird am Leichtesten Krawall machen, und ein Krawall richtet sich bekanntlich niemals gegen die Volksmänner, sondern stets gegen die Regierung. So meinen wenigstens Leute, welche sonst gerade nicht auf den Kops gefallen sind.

V.

Ich habe geblättert in den früheren Schriften Ruge's, der jetzt in Berlin Robespierre den Jüngeren, den Kopfabschneider und Schreckensmann spielt, und da ist mir zufällig der zweite Theil seinerpolitischen Bilder aus der Zeit" in die Hand gefallen, worin sich Ruge ausspricht über die Kopfabschnei­der in Deutschland!

Ueberall, wohin ich komme" so heißt esfinde ich Leute voll von dem dummen Gedanken, wie sie nun ihrer­seits die Gewalt mißbrauchen wollten, wenn sie dazu ge­langten. Willst du mir glauben, daß du in dem ruhigen Deutschland aller Orten von phantastischen Kopfab­schneidern und hoffnungsvollen Schreckensmän­nern umgeben bist? Es ist lächerlich aber wahr. Ueberall hört man diese friedlichen Bürger, die in großen Schaaren von einem einzigen Gensdarmen gehütet werden können, Prah­len, wie sie einmal und wen sie Alles guillotiniren wollen. Mit diesen blutigen Phantasien trösten sie sich über ihre mise­rable Wirklichkeit, aber es fällt ihnen nicht ein, sich zu über­legen, daß die Kopfabschneiderei keine neue, sondern nur die alte türkische und despotische Form der Diskus­sion ist, und daß in Ewigkeit durch Brutalität und scheußliche Maßregeln weder die Bedrückten befreit, noch die Bedrücker entfernt werden. Die Kopfabschneider sind nicht die erträg­lichsten, sondern die unerträglichsten Bedrücker, und dieDe­spotie der Freiheit," Wie sie Robespierre proklamirte, noch viel infamer als die naive Despotie."

So schrieb Ruge vor einem Jahre, derselbe Ruge, der Mt diealte türkische und despotische Form der Diskussion," nämlich das Kopfabschneiden, als die allermodernste empfiehlt,