Einzelbild herunterladen
 

Das Kind athmete unruhig, und die Krampfanfälle stei­gerten sich; zuweilen lag es ganz still, aber es schlief nicht, die Augen waren immer nur halb geöffnet , von der Mutter­brust wendete es sich mit Widerwillen ab.

Unten wuchs der Tumult. Von St. Severin hörte man Sturm läuten, Kanonen beginnen zu donnern, zahlreiche Flin­tensalven hörte man von allen Seiten knallen, zuweilen auch von ganzen Trupps die Marseillaise und dasmonrir pour la patrie. Stunde nach Stunde vergeht, der Laufbursche kam nicht zurück, der Arzt kommt nicht endlich wird die Dienerin weggesendet, einen Arzt zu suchen, gleichviel welchen, einen Arzt um Gottes Willen, um jeden Preis auch jetzt vergehen Stunden, endlich kommt die Dienerin wieder, es ist in derselben Straße kein Arzt zu finden, in die nächste hat sie sich noch drängen können, weiter nicht, dann beginnen die Barrikaden, sie ist froh, daß sie noch lebend zurückgekommen. Das Kind wird immer kränker, aber jeder Versuch, einen Arzt herbeizuholen, schlägt fehl, er muß aufgegeben werden, und das Kind auch. Es regnet am Nachmittage, das Feuer hört auf, einzelne Barrikaden werden von den Nationalgardisten entfernt. Cravin schickt einen Boten zu seiner Frau, er sey wohl, es werde Alles gut gehen, der Aufstand bald getilgt seyn, nur die Nacht müsse er auf Wache seyn, könne daher nicht kommen, ja, abet wie der Bote kommt, hat der Regen schon wieder aufgehört, das Feuer begann von neuem, der Kampf wächst immer wilder fort, das Kind liegt zwischen Le­ben und Sterben, kein Arzt und keine Hülfe!

Cäcilie wacht mit Fleurette bei ihm, am Morgen röchelt es noch einmal recht laut, blickt mit den gebrochenen Augen die Mutter seltsam an, wird dann ganz still. Fleurette springt nach einem kleinen Spiegel, hält ihn über die halboffenen Lip­pen des Lieblings, kein Hauch trübt seine platte Fläche, der Knabe ist todt! ihr einziger, ihr erstgeborner Knabe!

Fleurette sinkt ohnmächtig neben die Wiege hin.

' (Schluß folgt.)

Zur Geschichte der Barrikaden. (Aus dem Künversationsblatt.)

Die Barrikaden, welche eine so große Rolle in der Ge- schichte dieses verhängnißvollen, schicksalsschweren Jahres spielen, sind kein neues Kapitel in der Kriegskunst. Wenn man auch nicht zu den alttestamentlichen Zeiten des Propheten Jesaias Barrikaden baute, obschon jüngst eine Stelle in den Gesängen dieses Propheten also gedeutet worden ist, so kommen sie doch schon im sechSzehnten Jahrhundert vor. Die Weltstadt an der Seine, welche den Ton für das ganze übrige Europa an­gibt, ist auch die Stadt der Barrikaden par excellence. Paris hat nicht allein die meisten Barrikaden gesehen; hier wurden auch die Straßenverrammelungen zuerst mit diesem Namen bezeichnet.

Schon im vierzehnten Jahrhundert waren die Straßen der französischen Hauptstadt mit Ketten an den Eingängen ver­sehen, die bei Einbruch der Nacht vorgespannt wurden, und bei einer Erhebung des Volkes wegen der drückenden Auflagen im Jahr 1382, wurden die Straßen also versperrt. König Karl VI. zog jedoch mit seinem Heere in die Stadt, ließ die Thore ausheben, die Ketten in den Straßen hinwegnehmen und über dreihundert unruhige Köpfe abschlagen. Dies waren also die ersten schwachen Versuche einer Straßensperrung und Straßenvertheidigung von Seiten des Volkes, welche wir in Paris finden, die Kindheitsanfänge der Barrikaden. Die ersten eigentlichen Barrikaden aber entstanden im Jahre 1588, am 12. Mai, und es soll mich Wunder nehmen, wenn nicht im Mai 1888 eine Säkularfeier begangen wird!

Die ersten Barrikaden in Paris waren ein Werk der ka­tholischen Ligue, an deren Spitze der Herzog von Guise stand und die damals die Entthronung Heinrich IH. im Sinn hatte. Am 12. Mai ließ der Graf Brissac, der sich während des Auf­ruhrs im Viertel der Universität am Platze Maubert befand, in den Straßen die Ketten vorziehen, das Pstaster aufreißen und alle dreißig Schritt die Straße durch Holzblöcke, Fässer, mit Erve oder Mist gefüllt, und dergleichen verrammeln. Diese Abschnitte (bam'cadcs) wurden mit Büchsenschützen be­setzt und entstanden fast in einem Augenblick in der ganzen Stadt bis auf fünfzig Schritte vom Louvre, so daß die Sol­daten keinen Schritt vor oder zurück thun konnten, ohne sich den sichertreffenden Schüssen der Bürger hinter den Barrikaden oder den Steinwürfen aus den Fenstern auszusetzen. (Siehe: VitetLes barricades, scènes historiques, Paris 1826.)

Bei der Belagerung von Paris im Jahre 1590 durch Heinrich IV. hatte der Herzog von Nemours, der den Ober­befehl in Paris für die Ligue führte, schon alles zur Ver- barrikadirung der Straßen durch Ketten, Holzblöcke und mit Erde gefüllte Fässer in Bereitschaft setzen lassen. Es kam jedoch nicht zum Straßenkampf; der König begnügte sich die Stadt nach Einnahme der Vorstädte enge einzuschließen und als nachher der Prinz von Parma mit einem spanischen Heere zum Entsatz heranzog, mußte er die Belagerung aufheben. Auch die Truppen Heinrichs IV. hatten im Jahre 1589, als es in Tours mit der weit stärkeren liguistischen Armee unter dem Herzoge von Mayenne zum Strauße kam, die drei Zugänge der Vorstadt durch umgestürzte Wagen, übereinandergeworfenes Geräthe und in der Eile herbeigeschlepptes Holz versperrt und sie vertheidigten diese Barrikaden mit großer Herzhaftigkeit- Solche Beispiele von Barrikadirungen, um in schon zum Theile eingenommenen Städten das Vordringen des Feindes in dem Straßen zu hindern, finden sich öfters und namentlich in neue­rer Zeit, wie zu Saragossa im Jahr 1808, zu Dresden und Kassel 1813 u. s. w.

In dem Juliuskampfe (1830) der Pariser machten die Barrikaden besonders Epoche; sie haben vor allem den regel-