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Gina erschien, entblößen sich plötzlich alle Häupter und die ganze Versammlung erhob sich wie ein Mann; aber nicht schreiend, nicht jubelnd, sondern in ehrerbietigem Schweigen. Gina trat darauf langsam vor, zwar mit erloschenen Augen und einge­sunkenen Wangen, aber schöner als in der Schönheit, die sie verloren hatte, schön von ihrem langen Leiden und der so langen Entbehrung des Ruhmes, schön wie die junge Frau, welche blaß und mit rothgeweinten Augen die Wittwentrauer ablegt. Erst als sie an die Rampe vorgelangt war, als sie sich verneigt hatte, brach plötzlich die. Menge los gleich einer Bombe auf dem Pflaster einer schlafenden Stadt. Die Lichter zitterten in dem langdauernden lauten begeisterten Jubel, die Logen blitzten von Diamanten und die weißen und rosa Schär­pen flatterten in der von Wohlgerüchen duftenden Luft.

Da war Gina wahrhaft erhaben; mit leuchtenden Augen, glühend von dem Geiste, der in ihr wohnte, erhielt sie plötz­lich die ganze Spannkraft ihres Talentes, die ganze Kühnheit ihrer Jugend wieder, so daß sie der elastischen Kraft glich, die lange niedergehalten, um so kräftiger emporschnellt. O, wie schön war sie mit ihrem blassen leidenschaftlich bewegten Ge­sichte, mit ihrem von Harmonie wogenden Busen! Sie sang, wie sie selbst in ihren schönsten Tagen nicht gesungen hatte und erhob sich in dem ganzen Stücke, getragen von dem be­geisterten Beifalle, über Alles, was Italien jemals an Genie und Melodie hervorgebracht hat.

Ueberrascht durch die Macht ihrer Mittel, sagte sie im letzten Zwischenakte zu Rosetta, es komme ihr vor, als dränge eine andere Stimme als die ihrige, eine Zauberstimme, mäch­tig und gewaltig, aus ihrer erweiterten Brust hervor. Rosetta sang den Romeo. Sie selbst ordnete den Sarg, welcher im letzten Akte die scheintodte Giulietta einschließt. Sie lösete ihr langes schwarzes Haar auf, befestigte den Kranz weißer Rosen auf ihrem Haupte, küßte zärtlich die Freundin und sagte:Ich bin geheilt und glücklich."

Die Menge wartete; der Vorhang erhob sich unter den schauerlichen Tönen eines Grabgesanges. Romeo erscheint und singt das schöne Rezitativ des letzten Aktes, hebt den Sargdeckel ab, und findet da seine Geliebte an der Stelle des Feindes, den er getödtet hat, ringt verzweiflungsvoll die Hände, trinkt das Gift, das ihn mit Giulietta vereinigen soll, kehrt zu ihr zurück, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen, und hebt sie in seinen Armen empor.

Da stand das Publikum erschrocken auf. Rosetta hatte einen Schrei des Entsetzens ausgestoßcn und der Körper, den sie emporgehoben, sank schwer und starr in den Sarg zurück, in welchem Giulietta wieder erwachen sollte. Giulietta er­wachte nicht.

Die starken Gemüthsbewegungen, die so lange ersehnten, die nun mit größerer Gewalt als je in dem durch Krankheit geschwächten Körper sich geregt, hatte Gina nicht zu ertragen

vermocht; sie war unter den süßen Akkorden Zingarelli's mit­ten in ihrem letzten und schönsten Triumphe gestorben.

Zwei Männer erriethen zuerst die grauenhafte Wahrheit und stürzten von verschiedenen Seiten auf die Bühne. Der zweite war der Herzog von R., der erste war Valterna ge­wesen, der in Verzweiflung sein Leben an dem Sarge Gina's auöhauchte.

Fleurette.

Novelette aus den Junitagen 1848 zu Paris, (Fortsetzung.)

Um Gottes Willen, was gibt es?" rief Fleurette.

Einen Aufstand!" antwortete er hastig;ich komme von der Rue Mardagnau, wo man Barrikaden baut. An der Ba­stille gegen 9 Uhr haben die ersten Zusammenrottungen der Arbeiter begonnen, auf den Boulevards und am Thore St. Martin schrien sie:Rieder mit der Nationalversammlung! Nieder mit Lamartine! Nieder mit Ledru-Rollin! Nieder mit Marie! Man hat uns betrogen! Es lebe demokratische und soziale Republik!" Einzelne schrien auch:Es lebe Louis Napoleon!"

Etwa 2000 Mann rückten still aus dey Vorstädten heran. Sie reißen das Pflaster auf, schleppen einen Omnibus und eine Menge Karren herbei, um Barrikaden zu bauen.Es ist kein Augenblick mehr zu warten, ich muß zu meinen Kame­raden, auf meinen Posten!"

Fleurette holte alles herbei, was er brauchte , tr^eb ihn selbst zur Eile, und umarmte ihn herzlich beim AbschiedT^Man kann nicht wissen, was geschieht!" sagte er scheidend,sey nicht ängstlich, wenn ich auch über die Nacht wegbleiben sollte, es wird schon Alles gut werden; im Februar muß ich dich in einem bedenklichen Zustand zurücklassen, wir hatten wohl Angst und Sorge um einander, wir werden sie auch diesmal haben, aber wir werden uns Er wollte hinzufügen:glücklich wie­der sehen wie damals!" aber die Lärmtrommel unterschnitt ihm das Wort vom Munde; er folgte ihrem Rufe, und stürzte fort aus den Armen seiner zärtlichen Gattin. Sie eilte ans Fenster, ihm nachzusehen. Als er unter einer Menschenmenge verschwunden war, stürzte sie laut weinend in Cäciliens Arme, die sie vergebens zu trösten suchte.Ich sehe ihn nicht wie­der!" rief Fleurette außer sich, er wollte damit enden, aber er hat es nicht ausfagen können, weil er sonst würde eine Lüge gesagt haben, und er hat immer nur die Wahrheit ge­redet!"

Cäcilie suchte vergebens sie zu trösten, das Kind wachte mit einem lauten Schrei aus. Fleurette nahm es auf, es be­gann krampfhaft zu zucken und öffnete die Augen nur halb, den Mund aber riß es weit auf. Die geängstigte Mub ter rief nach dem Arzte ein Laufbursche ward nach ihm gesendet.