Beilage zur Nassauischen
Zeitung.
M 203
Dienstag den 7. November
1848»
U e b e r sich t.
Deutfchlaud. Frankfurt (Reichstag. Herumreisende Mitglieder der Nationalversammlung. Neues Ministerium in Wien; Windisch- Gr-ätz Ministerpräsident). — Gießen (Beschickung des konstitutionellen Kongresses - in Kassel). — Karlsruhe (Die Eisenbahn von
Schliengen nach Basel).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).^
Deutschland.
Frankfurt. Nationalversammlung vom 3. Nov. (Schluß.) Vogt von Gießen leert darauf sein ganzes Arsenal von ingrimmigen Anschuldigungsgeschossen wider das Ministerium. Sie sind längst stereotyp geworden diese Anklagen, so stereotyp, wie Vogts Ton, wie seine Hülfsmittel. Wenn das Ministerium seine Erlasse in eine Kloake werfe, sagt er, mit Bezug auf das vorhin erwähnte Organ des Ministeriums, so dürfe es sich nicht wundern, sie beschmutzt daraus hervorzuziehen. Er könne nicht umhin, er müsse das Betragen der Reichskommissäre kritisiren. Verbrecher am Vaterlande seyen sie. In München hätten sie gesessen, während sich die Heere um Wien zusammenzogen. Ueber ihren dortigen unerklärlichen Aufenthalt gäbe vielleicht die Zeitungsnotiz Auskunft, die bayerische Truppen für Italien verspräche. Dem Fürsten Windisch- Grätz gegenüber hätten sie die Würde der Zentralgewalt und der Nationalversammlung verrathen. Und sey es etwa konstitutionell, daß dieser Fürst Windisch-Grätz den ministeriellen Verfügungen eines Kraus u. s. w. nicht gehorcht habe? In Öllmütz seyen die' Reichskommissäre mit einer kaiserlichen Tafel und einigen Höflichkeiten Wessenbergs abgespeist worden. So seyen Sie (zu den Ministern) doch ehrlich, sagen Sie es grad heraus, daß nicht Sie, sondern daß die Einzelstaaten regieren, nach wie vor. (Donnerndes Bravo von der Linken.) Allenfallsigen reaktionären Bestrebungen, heiße es, sollten die Reichskommissäre entgegentreten. Nun, wenn das,, was in Oesterreich gegen Wien geschähe, keine Reaktion sey, so könne das Ministerium vergebens mit einer Laterne in Rußland umhergehen und nach Reaktion suchen. Aber wen treffen diese Vorwürfe eigentlich? Das Ministerium ist der Sündenbock für die Gebrechen der Versammlung. Die Geschichte wird sich darüber aussprechen, daß wir mehr als 14 Tage warten konnten, ohne unsere Macht in Wien in die Wagschaale zu legen. Und dies wird sich rächen. Wir werden Macht und Vertrauen verlieren. Die Wiener Deputation verdient nach Vogts Meinung durchaus keinen Kredit. In Bezug auf Wien fürchtet Vogt dennoch nicht, er hofft. Der klägliche Freischaarenzug in der Schweiz habe sich zwei Jahre später in den glorreichen Sonderbundökrieg verwandelt. „Der Weg zur Freiheit geht durch Blut!"
Giskra's Rede sprudelt so schnell, daß es schwer ist, jhr mit dem Ohre zu folgen , geschweige denn mit der Feder. Er appellirt an das deutsche Nationalgefühl und an die Menschlichkeit, an alle die edelsten Leidenschaften, deren ein Volk fähig. Denn nach seiner Darstellung werden in Wien die heiligsten Rechte Deutschlands und Oesterreichs mit Füßen getreten. Die Reichskommissäre haben auch nach seiner Meinung ihre Pflicht unverantwortlich verletzt. Zum Reichstag hätten sie gehen und dort die Souveränetät des Volkes anerkennen müssen. Anstatt dessen hätten sie es mit der fürstlichen Souveränetät gehalten. Aber die Throne würden nicht mit Bürgerblut gekittet, aus dem Blute Wiens würden vielmehr zu Tausenden die streitbaren Kämpfer der Freiheit hervorgehen. Giökra will den Wiener Reichstag in seiner konstituirenden Thätigkeit und in Wien geschützt wissen.
Staatssekretär Bassermann: Daß man uns jetzt noch, nach 14 Tagen, die Wiener Erhebung als glorreiche schildern will, das ist's, was ich nicht begreife. Sind die Wiener De- Putirten, denen man hier den Glauben abspricht, nicht Mitglieder derselben Behörde, bei der in Einem Tage fünfzig Plünderungen angezeigt wurden? Herr Eisenmann mag in Wien bereits die Ruhe eines Kirchhofs erblicken, wie sie in
Warschau herrschte nach der Einnahme der Russen. Wohin gehört dann das versöhnende Manifest von Wessenberg? „Ich möchte, wär's auch nur zur Probe, einmal Deutschland acht Tage lang von jener Seite regiert sehen (allgemeine Heiterkeit)," fährt Bassermann fort, sich gegen Löwe von Kalbe wendend. Sollen wir mit einem gebietenden Worte erbitterte Armeon bezwingen? Herr Welcker wird Ihnen seiner Zeit Rede stehen für Ihre gemüthlichen Zweifel an seinem Muthe Winvischgrätz gegenüber. Auch hat uns die Berliner Versammlung nicht den Rang in der österreichischen Frage abgelaufen, wie von eben dorther behauptet worden. Wer könnte es dulden, daß sich eine rebellische Stadt der Staatsleitung bemächtigt, wie Wien es gethan? Welcher Regierung? Bei welcher Logik kann es Herr Vogt verantwortens daß er hier die Blutrache vertritt und doch verlangt, der Kaiser und Fürst Winvischgrätz.sollten Wieu unblutig einnehmen? Dies könnte nur geschehen, wenn sich alle Betheuerungen des Wiener Heldenthums und Derer, „die mit ihm siegen oder sterben" wollten, als Lügen erwiesen. (Heiterkeit.) Es ist jetzt offenbar, daß die Ungarn nicht die pragmatische Sanktion aufrecht halten, sondern sich losreißen wollen mit Hintansetzung aller ihrer Pflichten gegen Oestreich. Wie würde sich ein politisch großes Volk, wie würden sich die Engländer an unserer Stelle benehmen? Keine Phrasen, aber Thaten würde es haben. (Bravo!) Die Rede Bassermann's schreitet noch weiter und in einem so scharfen Gange, unbeirrt um die Widersprüche der Linken, vorwärts, daß sie den tiefsten Eindruck auf die Versammlung hervorbringt. Nachdem Bassermann geendet, wird der Schluß der Debatte verlangt, mit großer Mehrheit angenommen und
Venedey nimmt das Schlußwort. Er vergleicht unzeitig Bassermann's einschneidende Rede mit der scharfen Rede Guizot's, die dessen letzte in der Kammer war, und wünscht unserm Ministerium ein besseres Schicksal.
Eine persönliche Erklärung Reitter's veranlaßt eine andere Erklärung Schub eri's aus Königsberg, aus welcher hervorgeht, daß Hr. Bondi auch ausgesagt hat, der Kern der Wiener Demokratie sey in der Bürgerschaft enthalten. Aber aus einer einzigen Vorstadt Wiens seyen 500 Familien gerade dieser Bürgerschaft, in Folge der neuesten Ereignisse, ausgewandert.
Eisenmann reklamirt vergebens gegen den wider ihn verhängten Ordnungsruf; seine Beschwerde wird an den Geschästs- ordnungsausschuß gewiesen.
Dann erfolgt die Abstimmung, oder sie Jod vielmehr erfolgen, als sie immer wieder durch neue Zwischenfälle aufgehalten wird. Für Rank, der einen Antrag gestellt hat, gibt V-ogt eine Erklärung ab, und Gagern fragt unwillig, ob etwa Herr Vogt der Vormund Rank's sey. (Lärmen auf der Linken.) Vogt findet die Vormundschaftsfrage „unschicklich" und beruft dagegen an die Versammlung.
Prâstd. v. Gagern: „Wenn es auf Unschicklichkeit der Ausdrücke Hrn. Vogt gegenüber ankommt, so provozire ich an die ganze Nation!" (Stürmischer Beifall im Hause.)
Hierauf erfolgt die Abstimmung, welche wir bereits in unserm vorigen Blatte mitgetheilt haben.
Frankfurt, 6 Nov., 11 Uhr. In der heutigen 109 Sitzung der verfassunggebenden Reichsversammlung theilte der Reichsminister v. Schmerling mit, daß das Reichsministerium den Beschluß der Berliner Nationalversammlung vom 23. Okt. in Betreff Posens, als nicht ergangen betrachte, und im Vollzug der Beschlüsse der deutschen Nationalversammlung vom 27. Juli die Demarkationsarbeiten unverzüglich durch General Schäfer vornehmen lassen werde. Nach Oesterreich sey neuerdings eine Reichskommission mit umfaßenden Vollmachten abgesendet worden, um dort im Interesse der deutschen Sache und der Freiheit zu wirken. Ein-Antrag von Biedermann in Betreff der Stellung der k. sächsischen Regierung und Stande zu der Nationalversammlung und ihren Beschlüssen wurde für dringend anerkannt und kommt aus die morgende Tagesord, nung. —
Jm weiteren Verlauf der heutigen Sitzung der verfassunggebenden Reichsversammlung wurde ein Antrag des Abgeordneten Jordan von Berlin, wonach jeder mit den Beschlüssen der Nationalversammlung in Widerspruch stehende Beschluß