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gen Tage ohne nähere Begründung angedeuteten Gerüchte, die in keiner Handlung Unserer Regierung Bestätigung fin­den, noch durch die ausgesprochene Besorgniß bewogen finden, den in Folge Unserer wohlerwogenen Entschließung dem Gra­fen von Brandenburg ertheilten Auftrag zurückzunehmen.

Mit Genugthuung haben Wir aus der überreichten Adresse das Anerkenntniß entnommen, daß Unser Her; stets für das Wohl des Volkes warm geschlagen hat. Das Wohl des Volkes bleibt auch ferner das einzige Ziel Unseres Stre­bens. Wir hoffen bei dessen gewissenhafter Befolgung Uns stets im Einklänge mit den Wünschen des Volkes zu befinden, und rechnen dabei auf die kräftigste Unterstützung der Vertre­ter desselben.

Gegeben Sanssouci, 3. Nov. 1848.

Friedrich Wilhelm.

Gegengez. Eichmann.

Berlin, 3. Nov., Nachmittags. Die Ruhe hat sich auch bis jetzt erhalten. Nur die fortwährenden Aufzüge der Bür­gerwehr von und nach dem Genöd'armenmarkt bekunden, daß wir in einer großen Krisis leben, so wichtig, wie wir seit den Märztagen keine gehabt haben. Die Straßen sind wenig be­lebt, von einer Theilnahme der Massen an dem, was vorgeht, ist kaum etwas zu erkennen. Ueber die Audienz der Deputa­tion bei dem Könige wird noch erzählt, daß der König bei Verlesung der Adresse, als der an daSGeschick eines Nach­barstaates" erinnernde Passus verlesen wurde, der Deputation den Rücken zugekehrt, bei dem Schlußsatz hingegen, der des volksfreundlichen Herzens Sr. Majestät Erwähnung thut, den Abgeordneten wieder das Gesicht zugewendet habe. Die allge­meine Aufmerksamkeit richtete sich gestern Abend ausschließlich auf die Nationalversammlung. Was in einem andern Stadt­theile vorging wurde nicht beachtet. So ist uns erst heute berichtet worden, daß die Häuslinge des Arbeitshauses auf dem Aleranderplatz, der sogenannte Ochsenkopfes, die Erregt­heit, in der sich Alles befand, benutzend, einen gewaltsamen Ausbruch versuchten. Die Bürgerwehr des Bezirks wurde in­deß schnell herangezogen und dämpfte diese Insurrektion ohne große Mühe.

4s/t Uhr. So eben nach einstündiger Dauer wird die Sitzung geschlossen, oder vielmehr, wie nach dem Anträge des Hrn. v. Berg beschlossen ist, vertagt bis morgen um 10 Uhr. Die Antwort, welche der Kammer auf ihre Adresse geworden ist, hat natürlich den Unmuth nur steigern können. Mir glau­ben dessen ungeachtet nicht an eine gewaltsame Lösung der Wirren dieses Augenblicks. Unsere Meinung ist in dieser Be­ziehung unterstützt durch den Eindruck, welchen die Physiognomie der Kammer während dieser Nacht auf jeden Unbefangenen gemacht hat. Nüchternheit lag auf den Gesichtern aller Mit­glieder in einem Maße, wie 'es die Leser der Berichte kaum für möglich halten werden. Die Linke echausfirte sich zu em­phatischen Ausrufungen. DieGefahr des Vaterlandes," die Nothwendigkeit sofortigerentscheidender Schritte" wurden, so oft sie diese Seite der Kammer. von 6er Tribüne herab ver­kündete, von der andern Seite stets mit Hohnlachen angehört. Das Manöver der Rechten endlich, die sich entfernte und die Versammlung beschlußunfähig machte, enthob alle Theile sicht­lich einer drückenden Verlegenheit.

88 Wien, 29. Okt. Nachdem uns unser Wiener Kor­respondent in den letzten Tagen völlig im Stiche gelassen, geht uns endlich folgender Brief desselben zu: Wir stehen jetzt am Schluffe des Dramas, das sich wohl heute noch blutig ent­scheiden wird. Wie ich höre (gesehen habe ich es nicht), steht das Militär bereits in der Leopoldstadt und Landstraße, noch will man ihm den Eintritt in die Stadt verwehren, weßhülb alle Kanonen auf die Stadt gerichtet sind. Um 9V2 Uhr soll es wieder losgehen, und öffnet man die Thore nicht, so wird die Stadt fürchterlich beschossen werden. Doch höre ich'auch, daß Parlamentäre ins Lager geritten sind. Die Studenten und Mobilgarbe wollen es aufs Aeußerste wagen. Weiß da­her Gott, was es heute noch geben wird. Wie gellt es in meinen Ohren von dem fürchterlichen Schießen seit einigen Tagen und besonders gestern; in den Augen glitzert mir's von den entsetzlichen Bränden. Es sind viele Häuser, Fabriken, Holzplätze, Brücken rc. niedergebrannt, der Schaden muß enorm seyn. Nachts wurde weniger geschossen. Es ist fürchterlich, was seit dem 6. Okt. hier vorgegangen. Daß viele Beamte und Reiche fort sind, wißt Ihr schon. Dagegen sind Proletarier in Masse hereingedrungen, denen natürlich an der Stadt nicht viel liegt. Ohne über die Sache, für welche man streitet, urtheilen zu wollen, muß man aber sagen, daß sie sich

sehr tapfer gehalten. Wie die Löwen sollen sie gefochten, wi, Helden alles ertragen und wie Generäle alles ungeordnet haben. Indessen sind solche Streiter immer keine so geschlos­sene Masse wie disciplinirtes, gut vorgesehenes Militär, und war daher der Ausgang vorherzusehen, um so mehr da von keiner Seite Hülfe kam.

Keine Bauern, kein Landsturm, keine Ungarn. Wien blieb allein. Dazu war alle Zufuhr und das Wasser abge­schnitten, und dennoch solche Ausdauer! Ein Räthsel bleibt das Benehmen der Reichskommissäre Welcker und Mosle in Ollmütz. Was die Leopoldstädter gelitten, läßt sich nicht beschreiben, noch sind viele mit Sack und Pack in der Stadt. Wir können nicht hinaus, und müssen uns dem Willen Gottes unterwerfen; möge er gnädig walten. Bis Abends wird's entschieden seyn, wenn nicht früher. Das Proletariat, worun­ter viel übergegangenes Militär wird wohl das Aeußerste wa­gen, Windisch-Grätz aber nicht nachgeben wollen.

Den 30. Oktbr. Gestern war es ruhig, Nachmittags hieß eS plötzlich, die Ungarn seyen da uyd es entstand große Auf­regung. Es war nichts. Die Stadt hat kapitulirt und Win- disch-Grätz nichts nachgegeben. Die Nacht soll unruhig ge­wesen seyn, die Proletarier wollten nicht nachgeben und schrieen Verrath, begingen jedoch keine Erzesse. Jetzt muß sichs zeigen, wie die Entwaffnung vorgenommen und ob sich Alles ruhig unterwerfen wird. Bis jetzt, 9J/2 Uhr Morgens, ist noch Alles wie früher in Waffen auf den Beinen. Die Nationalgarde gibt gern die Waffen her, ob die Studenten und die Prole­tarier weiß ich nicht. Ein Haufen Wcibsvolk mit Waffen war die ganze Nacht auf der Aula und in der Stadt. Noch ist das Militär nicht in der Stadt. Noch sind die Thore ge­schloffen. Es ist viel Blut vergossen worden.

1. Nvvbr. Das waren zwei Tage! Am 30. hieß es, Ungarn seyen da; das Proletariat schrie Verrath. Man kämpfte. Ich enthalte mich aller Beschreibung. Gestern Abend 5 bis 6 Uhr kam das Militär, nachdem man trotz des Schießeüs der Proletarier die Thore geöffnet. Die Nacht brannte die Au­gustinerkirche und die kaiserliche Bibliothek und sind bis jetzt noch nicht gelöscht.

Jetzt drängt man das Proletariat zusammen und entwaff­net es. Die Leute sollen ins Militär, gegen Ungarn uni Italien, gesteckt werden.

Ein Schreiben aus Prerau, datirt vom 2. November, Morgens 3 Uhr, bestätigt die gestrige Mittheilung^daß Windffch- Grätz auf dem Stephansplatze steht. Die Studenten sollen sich in die Aula geworfen haben und sich bis auf den letzten Mann vertheidigen oder in die Luft sprengen wollen. (Nach einem Berichte, .aus Brünn zugekommen, soll sich ein Theil der aka­demischen Legion, der Arbeiter und der übergegangenen Sol­daten, welche Letztere auf keine Amnestie hoffen, in die festen Stellungen des Schwarzenberg'schen Gartens und des Belve­deres geworfen haben und zum Todcskampfe entschlossen seyn.) Alle Häuser, aus welchen geschossen wurde, wurden von den kaiserlichen Truppen erstürmt und geplündert.

Nachdem die Vorstädte genommen waren, sollen in der innern Stadt die Garden gegen einander gekämpft haben, indem ein Theil sich ergeben, der andere sich auf's Aeußerste verthei­digen wollte. Die Ungarn sind am 30. Okt. von den kai­serlichen Truppen geschlagen worden. Die Nachricht, daß ein Theil der Ungarn in die Donau gedrängt worden, ist aus dem Munde eines zuverlässigen Mannes, dessen in der Vorstadt Mariahilf gelegenes Haus von den Kroaten geplündert wurde, weil man aus demselben auf die Truppen schoß.

Breslau, 2. Nov. Am 1. d. gegen 11 Uhr Vormit­tags ist Wienvonden kaiserl. Truppen vollstän­dig besetzt worden.

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Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandluna in Wiesbaden.