Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^U 203» Dienstag den 7. November 18418.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Präiiumerativnspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Grvßherzvgthums und Kurfürstenthums Hessen, der Laudgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. — Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Bassermann über die Wiener Ereignisse.
Deutschland. Wiesbaden (Verbrüderung der nassauischen und hessischen konstitutionellen Vereine). — Frankfurt (Reichstag. Die Rückkehr der Reichskommiffäre aus Oesterreich erwartet). — Berlin (Grabow mit Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt. Königliche Botschaft. Der Landtag)e — Wien (Die neuesten Ereignisse. Der Einzug des Militärs und die Niederlage der Ungarn bestätigt).
Bassermann über die Wiener Ereignisse.
In der Reichstagssitzung vom 3. Novbr. hat Bassermann eine Rede gehalten, welche endlich einmal den Knäuel der Wiener Verwickelung lichtvoll auseinanderlegt und sich zugleich äuszeichnet durch den Muth der Wahrheit, welcher aus jedem Satze spricht.
Sie lautet ihrem Hauptinhalte nach folgendermaßen: „Nichts ist mir unbegreiflicher, als das jetzt, nach 14 Tagen, wo die Wahrheit denn doch durchgedrungen, die Bewegung in Wien immer noch als eine deutsche, als eine freie geschildert werden kann; vor 14 Tagen, ja da konnte ich begreifen, daß jene Herren in dem ersten Feuer, welches der Styl der Reden und der Wiener Presse einstigen konnte, in der geschehenen Weise Don jener Erhebung sprachen; aber nun, nachdem doch durch alle Blätter und durch mündliche Nachrichten, durch Augenzeugen die Erhebung in ihrem wahren Lichte uns geschildert wird, nun soll das immer noch dieselbe glorreiche Erhebung seyn! Abgeordnete des Gemeinderaths, also wahrhaftig einer kompetenten Behörde, welche das Vertrauen ihrer Mitbürger genießt, kommen von Wien hierher, und berichten Ihnen einmüthig, alle Drei, daß die Erhebung in Wien weder eine demokratische, noch eine nationale sey, sondern daß sie eine gemachte ist, gemacht durch ungarisches Geld; sie berichten Ihnen, daß in 24 Stunden 50 Anmeldungen wegen Plünderung vorkamen. Ist das ein Zustand, den wir èin Interesse haben, als einen für die deutsche Sache oder für die Freiheit glorreichen zu vindiziren?
Herr Eisenmann prophezeit Ihnen einen österreichischen Staatsbankerott. Ja, der wäre hereingebrochen, wenn wir diesen Zustand von Wien bestehen ließen; aber jetzt, nachdem die gesetzmäßige Gewalt in Wien wieder eingezogen, nun, meine Herren, heben sich die Papiere, nun haben Sie das Gegentheil von einem Staatsbankerott,- und je mehr die gesetzliche Ordnung gestärkt wird in Deutschland, je weniger wird das Vaterland einen Staatsbankerott zu fürchten haben. Mit der Herstellung der Gesetzlichkeit retten wir den Staat nicht allein vor1 einem finanziellen, wir retten ihn auch vor einem moralischen und politischen Bankerott. Ich nehme es als einen Beweis großer Phantasie und gutmüthigen Glaubens, wenn Herr Eisenmann in Wien die Ruhe des Kirchhofes erblickt, wie dies in Warschau im Jahr 1831 der Fall gewesen sey, wenn er alles Das für wahr hält, was in den Wiener oder schlesischen Zeitungen steht.
Wenn Warschau zilirt wird, so frage ich, hat im Jahr 1831 ein russischer Minister ein Zirkularschreiben erlassen, wie Sie es von Wessenberg lesen? Hat der Kaiser von Rußland damals erklärt, er wolle nur die Anarchie bändigen, aber von
irgend einer Freiheitsknechtung solle nie und nimmermehr die Rede seyn? Ist überhaupt in Rußland von Freiheiten, wie sie jetzt Oesterreich besitzt, je die Rede gewesen? Dieser ganze Vergleich paßt nur für Diejenigen, welche sich an Phrasen halten.
Herr Löwe hat gespottet über den Inhalt der Instruktion, daß sie des Inhalts sey, die Kommissäre sollten über die Freiheit und das deutsche Interesse in Oesterreich wachen. Es wurde weiter von dieser Tribüne aus gesagt, das sey nur geschehen, um den Angriffen von dieser (links deutend) Seite zu begegnen. Meine Herren! Wenn wir in die Instruktion nicht hineingesetzt hätten, daß der Sieg nicht möge mißbraucht, daß die Freiheit auch nach dem Sieg möge geachtet werden, würden wir dann, meine Herren, von dieser Seite nicht die stärksten Angriffe und mit Recht erfahren haben? Jetzt aber, nachdem wir dieß nicht unterlassen, soll dieses Verfahren ein Gegenstand des Angriffes seyn. Eine solche Logik flößt mir den Wunsch ein, einmal zur Probe Deutschland auf 8 Tage von jener (linken) Seite regiert zu sehen! (Bravo auf der Rechten!) Ich erinnere mich der Diskussion, wo der Antrag gestellt war, das Gesetz zum Schutze der Nationalversammlung solle auch auf die übrigen deutschen Länder ausgedehnt werden. Damals sagte man von dieser Seite: „Thut Das nicht, die Nationalversammlung könnte sich damit blamiren, man würde das Gesetz in den andern Ländern nicht beachten." Meine Herren! Damals, wo dieser Vorschlag unangenehm war, da glaubte man nicht an die Macht dieser Versammlung. Da sollte das Ansehen der Zentralgewa-lt im Vereine mit dem Ansehen der Nationalversammlung so gering seyn, daß wir uns blamiren würden, und heute verlangen dieselben Herren, unsere Reichs- kommissäre sollten unbedingten Gehorsam finden bei den Befehlshabern der österreichischen Armee; sie sollen mit einem Wort, mit einem feurigen Blicke, mit drohender Stimme Wien auf einmal in eine feindselige Stadt umwandeln und eine ganze Armee, die erbittert ist durch die Ermordung ihres Generals, zu Lämmern umschaffen!
Meine Herren ! Mögen Sie noch so viel gegen die Reichskommissäre Vorbringen, kommen diese Männer erst zurück, dann ist es Zeit, denn Abgeordneten Welcker zur Rede zu stellen, dann werben Sie erfahren, daß er eine schwierigere Aufgabe hatte, als die ist, auf diese Tribüne zu treten und ganz gemüthlich in den Tag hinein zu raisonniren. (Heiterkeit in der Versammlung). Ich möchte wissen, ob alle Die, welche |o bereitwillig sind,- jenen Männern Vorwürfe zu machen, ohne daß sie, wie Sie selbst gestehen, Nachrichten haben über die Thätigkeit jener Männer, ob sie glücklicher gewesen wären, ob der Abgeordnete von Würzburg und der Abgeordnete von Gießen dem Fürsten Windisch-Grätz mehr imponirt hätten. (Bravo!) Ich bezweifle das einigermaßen. (Heiterkeit in der Versammlung.)
Meine Herren! Für mich ist die Wiener Bewegung immer noch Das, was ich schon vor 14 Tagen aussprach, als wir von den Ereignissen sprachen, und hier zum ersten Male bei dieser Gelegenheit will ich doch dem Hrn. Löwe sagen, daß er im Irrthum ist, wenn er glaubt, die Berliner Versammlung habe uns den Rang abgelaufen. Es ist heute nicht das erste Mal, daß wir von diesen Ereignissen sprechen. Die Wiener- Bewegung ist mir noch immer Dasselbe, und wenn ich mir hier von dieser Seite (zur Linken gewendet) eine Regierung dächte: und dächte mir, es lehnte sich eine Stadt auf gegen ihre Befehle, es hörte das Ansehen des Gesetzes, es hörte alle richterliche Thätigkeit auf, es seien die Galerien des Reichst