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Beilage zur Nassauischen Allgemeiner! Zeitung.

M 202.

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Montag den 6. November

Uebersicht.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag). Berlin (Agitation. Mini- sterkrists. Beruhigendere Wendung). Wien (Erneuter Kampf. Der Zuzug der Ungarn geschlagen. Windisch-Grätz Herr der Stadt. Die Deputation der Linken und die Kommissare).

Ostindien. (Fast der ganze Pendschab im Ausstande gegen die britische Macht).

D e n t s ch l a n d.

Frankfurt. Nationalversammlung vom 3. Nov. (Forts.) Löwe von Kalbe mit breitem, sicherem Tone dagegen: So gewiß, wie sich der Protestantismus von den Trümmern von Magdeburg erhoben hat, so gewiß wird auch die Freiheit aus den Ruinen von Wien wieder erstehen. Was uns seit dem März geschadet hat, das ist, daß die Phrase herrschte, anstatt der That. Auch die Anträge des Berichts enthalten nur Phrasen. Was haben die Reichskommissäre in Oesterreich bis jetzt gethan? Nichts. Was wird ihnen an neuen Aufträgen zugewiesen? Unbestimmte, nichts besagende Instruktionen. Die Versammlung der Abgeordneten in Berlin läßt die Zen­tralgewalt zum "Schutze Wiens auffordern. Preußen will Oesterreich nicht aus dem deutschen Reiche getrennt, es will eS erhalten sehen. Folgen wir der von Berlin gegebenen An­regung. Daß wir einen aufrührerischen Feldherrn zur Ver­antwortung gezogen, daß wir auch die österreichische Regie­rung der Zentralgewalt unterworfen, die gesetzlichen Beschlüsse des Wiener Reichstags in ihrer Gültigkeit geschützt sehen wollen, kommt vielleicht Manchem komisch vor. Allein wenn dies unerreichbare Ziele sind, so kommt mir die ganze Einheit komisch vor. (Bravo von der Linken.) Die Bauernschmidt'schen Anträge sind es daher, die Löwe zur Annahme empfiehlt.

Reit ter von Prag sucht der Bewegung in Wien ihren deutschen Charakter zu retten. Die Wiener Deputation war durch's Loos aus dem Gemeinderath gewählt, und außerdem erklärte Herr Bondi fortwährend, daß er nur seine individuelle Meinung darlege. Der Wiener Presse, die ganz anders spreche, dürfe man trauen, denn sie sey unabhängig geblieben, wie der Artikel eines dortigen Blattes über Blum beweise. Jellachich's Brief an die Tschechen sey nicht deöavouirt worden und wo habe emals ein österreichischer General eine solche Sprache geführt? Aber in Prag hätten sich dennoch die entgegengesetztesten deut­schen und slavischen Parteien vereinigt, um in Ollmütz für Wien einzuschreiten. Reitter ist Mitglied des Ausschusses, aus welchem der Bericht hervorgegangen. Er rechtfertigt daher dessen Anträge und spricht gegen den Bauernschmidt'schen Antrag.

Wiesner's Ankunft auf der Rednerbuhne hat, wie ge­wöhnlich das Erscheinen dieses Redners, einen Aufbruch in Masse zur Folge. Der ehrenwerthe Abgeordnete wartet ruhig, bis sich das Geräusch der Auswanderungen etwas gelegt hat, und beginnt dann seinen Vortrag mit einer selbstgenügsamen Unbefangenheit, um die er wohl zu beneiden ist. Sein Aus­greifen bis in's siebenzehnte oder sechszehnte Jahrhundert der Wiener Geschichte erlassen wir ihm. Die Ungarn, behauptet er dann, hätten den Wienern kein Geld geschickt aus demsel­ben Grunde, aus dem ihr Heer ausgeblieben. Sie hätten kein Geld. Dann kritisirt Wiesner das Penehmen der Reichs­kommissäre Welcker und Mosle und cs wird die,e Männer nicht wenig bestürzen, wenn sie erfahren, daß ein Politiker von der hohen Begabung Wiesner's von ihrem Benehmen, von ihrem Takte und ihrer staatsmännischen Einsicht die aller­geringste Meinung hegt. Ja, er möchte sie bei einem Haare des Landesverraths beschuldigen. Die Linke ruft Bravo bet Wiesners Abgang und von der andern Seite überrascht uns der RufSchluß." Denn wir glaubten gar nicht, das Wiesners Vortrag' irgend Jemanden dort übrig gelassen.

Rüder widerlegt die von Eisenmann, Reitter und selbst einige der von Wiesner aufgestellten Behauptungen. Nament­lich den Landesverrath, dessen der letztere Welcker und Mosle bezüchtigt. Das Mitglied der Wiener Deputation an den

1848.

Erzherzog Johann" hält Rüder allerdings für glaubwürdig und er hofft mit dem Abg. von Kalbe, die Freiheit werde zum Siege kommen.Aber über der Niederlage der Anarchie!" (Diè Linke zischt im Namen der beleidigten Anarchie.

(Forts, folgt.)

Berlin, 31. Okt. Sehr interessant erscheint die Thatsache, daß der Abg. v. Lisiecki, welcher in der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung so eminent für Abschaffung des Adels sich aussprach, vor dem Land- und Stadtgericht zu Pleschen in Untersuchung schwebt wegen Anmaßung des Adels. Der Gesetzentwurf, betreffend die Einführung einer Ein­kommen- und Klassensteuer ist bereits gedruckt, doch wird am 1. Nov. noch eine Vorberathung im Finanzministerium statt# finden, zu welcher auch der Abg. Harkort eingeladen ist: Nach dem Entwurf ist für die Einkommensteuer folgende Skala beliebt: 3001000 Thlr. zahlen 3 Prozent, 10003500 Thlr. 3Vr Prozent, 35005000 4 Prozent, 500010,000 4V2 Proz., über 10,000 5 Proz. Für die Personen mit einem Einkommen unter 300 Thlr. bleibt die Klassensteuer bestehen. Die Mahl- und Schlachtsteuer wird abgeschafft. Für die Veranlagung ist das Prinzip der Selbstschätzung beibehalten. An sämmtliche Soldaten der Garnison ist der Befehl ergangen, keine Klubs, insbesondere den Militärreformklub nicht mehr zu besuchen.

Berlin, 2. Nov. (D. Z.) Der Minister des Innern, Herr Eichmann, hat bekannt gemacht, daß, sobald die zunächst zur Aufrechthalfung der gesetzlichen Ordnung berufene Bürger­wehr dieser ihrer Aufgabe nicht rechtzeitig und vollständig genügt, sofort die bewaffnete Militärmacht zu requiriren. In der Sitzung der Landesversammlung ward ein Schreiben des Grafen Brandenburg verlesen, daß er mit Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sey. Die Versammlung hat fast einstimmig beschlossen, durch eine Deputation von 25 Mit­gliedern dem Könige eine Adresse zu überreichen, welche der Krone die Lage des Landes auseinander setzt. Diese Adresse ist sogleich aufgesetzt. Sie beschwört den König mft den ein­dringlichsten Worten, die Ernennung zurückzunehmen und ein volksthümliches Ministerium zu bilden. Die Deputation ist nach Potsdam nbgereist. Die Spannung der Gemüther ist außerordentlich.

8 Berlin, 3. Nov. Die offiziellen Nachrichten aus Wien und die Hoffnung, daß die Zusammensetzung des diesseitigen Ministeriums auf eine volksthümliche und befriedigende Weise erfolgen werde, brachten eine günstige Stimmung auf die Börse hervor. Dieselbe war ziemlich belebt und die Kurse zum Theil merklich besser.

Die direkte Wiener Post fehlt heute am fünften Tage. Doch hat man in Berlin, wie die mitgctheilte telegraphische Depesche des preußischen Gesandten beweist, Nachrichten aus Wien bis zum 31. Okt. Die telegraphische Depesche, welche die am 30. Okt., 3 Uhr Nachmittags erfolgte Kapitulation der Stadt meldete, hatte ihre Richtigkeit, wie sich aus unten folgenden Nachrichten ergibt. Nochmals wurde indeß, als die Ungarn heranzogen, Widerstand versucht, die Stadt nochmals von Windisch-Grätz bombardirt, nochmals wurde gekämpft und kapitulirt, bis endlich am 31. Okt. Abends die kaiserl. Trup­pen die ganze Stadt besetzten.

Am 30. Okt., Mittags, kapitulirte der Gemeinderalh. Die Kanonen sollten an Windisch-Grätz ausgeliefert werden; Bem war verwundet. Am Nachmittag verbreitete sich die Nachricht vom Zuzug der Ungarn. 20,000 Mann Ungarn rückten von Bruck a. d. Leitha bis Schwechat vor. Windrich- Grätz sandte ihnen 15,000 Mann entgegen. Unterteilen brach der Gemeinderath den geschlossenen Vertrag. Die Kanonen wurden sofort gegen die Kaiserlichen gerichtet. Der General Bem stand wieder an der Spitze. Die 15,000 Mann Kaiser­lichen schlugen die 20,000 Mann Ungarn aufs Haupt. Win- disch-Grätz wandte sich wieder gegen die Stadt. Der Kampf erneuerte sich.

Bestätigt wird diese Mittheilung durch folgende, am 31. Oktbr. vom Landespräsidium in Prag erlassene Kundmachung: Heute 6 Uhr 45 Minuten Abends erhielt ich vom Minister­präsidenten Baron Wessenberg folgende telegraphische De­pesche: Die telegraphischen Nachrichten, die bis 31. Oktbr.