wenn sie ihre Stimme zu raschen Takten zwang, vergaß sie doch bald die Menge umher, sie sank von Neuem in ihre traurigen trüben Gedanken, ihre Finger bewegten sich langsam über die Tasten, ihre Stimme wurde leise und die in Heiterkeit begonnenen Gesänge endigten in schmerzlichen Tönen.
„Ihr Zustand verschlimmerte sich mehr und mehr. Berge, bens umgab sie ihr Gatte mit allem Behagen des äußern Le, bens und wiegte sie in den Gemächlichkeiten, welche der Reichthum zu gewähren vermag, — jeder Tag entzog ihr etwas von ihrer Schönheit und um ihr Glück war es längst schon geschehen."
Valterna unterbrach sich, strich sich mehrmals mit der bebenden Hand über seine Stirne, sah nach der Uhr und fuhr erst nach einer langen Pause wieder fort. Seine Stimme war bewegt; Blitze der Freude zuckten bisweilen durch die Züge seines Gesichts und sein Herz schien ungeduldig zu klopfen.
„Ich reifete in der Hoffnung, mich zu zerstreuen, kam aber unglücklicher als je zurück. Das Bild Gina's war mir überall gefolgt, wie ein böser Engel, der sich an meine Fersen geheftet, wie GewiffenSpein, die mein Herz nicht losließ; überall hatte ich sie vor mir gesehen, überall ihre Stimme gehört, im Rauschen des Windes, im Murmeln der Wogen, in der Stille der Wüste. Die Sonne des glühenden Sandes hatte alle ihre Gluthen über mich ausgegoffen; ich hatte blutend die Felsen erstiegen, auf dem Schnee der Gletscher geschlafen und war doch nie von der Pein der Erinnerung an sie erlöset worden. Meine Seele erkrankte, mein Gemüth verbitterte sich und ich kam, todt für alle sanften Gefühle, nach Verona zurück. Im Theater, |an dem stillen Platze, wo ich zum Geistesleben erwacht war, empfand ich nur Zorn und Unwillen, Neid und Eifersucht. (Forts, folgt.)
Zur Bühneureform.
(Schluß.)
Die Früchte dieser Einrichtungen an großen Theatern würden mittleren und kleineren zu Gute kommen. Man würde dort leichte Wahl haben,,dasjenige nachzuahmen und anzunehmen, was sich in den großen Städten bewährte. Die Lokal- Ledingungen der einzelnen Residenzen und Provinzialstädte entscheiden die Form, die sonst hier und da der Bühne des Orts zu geben wäre, ob sie ein reicher Hof aus seinem Privatvermögen oder der Staat aus dem allgemeinen Einkommen unterstützt. Die Stadttheater mögen nur kundigen Männern nach gewissenhafter Prüfung anvertraut werden! Die Behörden wollen äußere Hemmnisse beseitigen, Armenabgabe, Hausmiethe, künstlich hinaufgetriebene Veranschlagung des bei einer Direktionsübernahme vorgefundenen Inventariums! Viele Hoftheater, selbst größere, scheinen unschlüssig, ob sie die Theater- zustände einem Pachter überlassen sollen. Als Uebergangs- maßregel, um aus drückenden Mißbräuchen und einem Zirkel
ewig wiederkehrender Unannehmlichkeiten endlich einmal heraus zu kommen und eine natürliche Organisation anzubahnen, ist dieser Weg versuchsweise wohl anzurathen; nur dürfte er da, wo wirklich die Mittel vorhanden sind, eine einiger Maßen würdige Staatsanstalt hinzustellen, nur ein provisorischer seyn. Wo ein Pachter auf die Dauer das Theater verwalten sollte, müßte sich der Hof, die Regierung oder die Stadt einen Antheil der Geschäftsführung vorbehalten, freilich keinen verzögernden, lähmenden, persönlich willkürlichen, sondern nur die Oberaufsicht über den immer würdigen Gang der Unternehmung, und auch hier drängt Alles darauf hin, daß diese Oberaufsicht nicht von einer privilegirten Kaste, sondern von Männern aus« geht, die sich der Literatur und der Nationalehre verantwortlich fühlen, gleichviel, ob sie bürgerlich oder adelig sind.
Unsere Aufgabe war, die in diesem Augenblicke hartbedrängte deutsche Schaubühne sichet zu stellen vor der Wiederkehr ähnlicher, die ganze Existenz derselben bedrohender Konjunkturen, wie ihre mißbräuchliche Form sie jetzt erlebte. Wir versuchten, diesem tausendjährigen Hebel wahrer Bildung den Glauben an sich selbst zu erhalten und die Nothwendigkeit seines Bestandes dadurch zu begründen, daß er vom schwankenden Geschick und der jeweiligen Laune der hohen Gönner unabhängig und unter die Garantie der Nation gestellt wird. Wir mußten zu diesem Ende den Bezirk der Bühnen-Nothwen- digkeit streng abgränzen, gewöhnliche theoretische Phrasen, so verherrlichend und verschönernd ihre Absicht seyn jung, von dieser Erörterung ausschließen und unser Gebäude wirklich nur auf der Basis desjenigen aufrichten, was die Erfahrung akS Grundlage einer möglichen Selbsterhaltung der Bühne nach dem Charakter unseres Volkes, unserer Zeit und unserer seither bestehenden gesellschaftlichen Zustände lehrte.
Rückkehrend auf den Gedanken, von dem diese Darstellung ausging, müssen wir endlich auch noch hier anerkennen: Die Bühne ist allerdings gerade das Feld, wo der jetzt übermäßig angewandte Ausspruch: Literatur und Kunst hätten ganz neue Entwickelungen zu gewärtigen, vollkommen begründet ist. Aber diese Entivickelungen sind mehr äußere als innere. Wenn eine überfliegende Kritik sagen wollte: Ihr dürft uns nichts mehr auf der Bühne vorführen, was früher ergötzte, früher Hinriß und rührte, kein Gemälde deS Familienlebens mehr, keine Konflikte des Herzens, keine Idyllen, keine Tragödien jeden guten Geschmackes mehr, so würde ein solches Wort den Urheber «rröthen machen, wenn er sagen sollte, waS denn an die Stelle dafür zu erfinden und anzubieten wäre. Im Gegentheil hat die Literatur, wenn ein Volk frei wird, nicht mehr nöthig, polemisch zu seyn, und den Tendenzschöpfungen werden manche Spitzen abbrèchen, wenn die Feinde nicht mehr da sind, gegen die sie früher gerichtet waren. Aber die äußern Lebensbedingungen der Kunst und Literatur können und müssen wahrer und freier werden. Die Gängelbänder des Gedankens reißen, die Steckenpferde der Liebhabereien werden lächerlich. Die