Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 201» Samstag den L. Novembee L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige PrânumerationSpreiS ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelteuberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Das Mittleramt der Reichsgewalt in den Wiener Wirren. Deutschland. Wiesbaden (Adresse aus Anspach an das Parlament).

Ufingen (Synode). Mainz (Schrift Vogt's zur Vertheidigung des 18. September). Frankfurt (Der Reichsverweser. Das öster­reichische Geldausfuhrverbot. Reichstag). Karlsruhe (Kammer). Berlin (Telegraphische Depesche). Wien (Bestätigung der Nach­richt, daß sich die Stadt unbedingt unterworfen. Einzelheiten aus den Tagen des Kampfes).

Das Mittleramt der Reichsgewalt in den Wiener Wirren.

Wien ist in den Händen seiner Belagerer. Für dieses Mal sind die Welfen Sieger geblieben und werden das Rache­schwert über die Weiblinger schwingen. Seit dem die Welt steht, hat im Bürgerkriege keine Partei in jedem Punkte das Recht auf ihrer Seite und hier insbesondere scheint auf beiden Seiten Recht und Unrecht sich den Rang streitig machen zu können. Als in Rom Marius und Sylla abwechselnd die Ge­walt an sich gerissen, mordete von beiden jeglicher nach Her­zenslust, wenn an ihn die Reihe des Herrschens kam, denn über keinen stand eine höhere Gewalt.

Wir können heute und nach Jahr und Tag dasselbe Bei­spiel unter milderer Form wieder erleben, wenn der Deutsche seine Zentralgewalt und diese Deutschland vergißt. Ihr allein steht die Erforschung der Grundübel und die Bestrafung der beiderseitigen Schuldigen zu. Der Triumph des Gesetzes über die wuthentbrannten Parteien wird dem wahren Vaterlands­freunde die sicherste Bürgschaft geben, daß er sich in seiner Hoffnung und ausopfernden Hingebung an der Zentralgewalt und dem Parlamente nicht getäuscht hat.

Es ist außer allem Zweifel, daß das Benehmen der Sie­ger in den österreichischen Landen maßgebend für die politische Stillung und Hoffnung aller Parteien in ganz Deutschland seyn muß. Wir können es uns auch eben so wenig verhehlen, daß die dynastische Partei noch mehrere solcher Erfolge nicht überleben wird, wenn sie nicht mit dem höchsten Grade von Mäßigung und Selbstbeherrschung auSgebeutet werden. Ob und wie dieses gegenwärtig der Fall seyn wird, liegt nicht im Bereiche unserer Urtheilskraft, weil noch keine Thatsachen vor­liegen, an denen wir uns halten können. Aber dieses eine steht fest, daß eS höchst gewagt und thöricht ist, die momentanen Gewalthaber nach Gutdünken schalten zu lassen.

Deshalb müssen wir nochmals auf unsere, auf die innigste Ueberzeugung gegründete Ansicht zurückkommenganz Deutsch­land, jeder wahre Freund des Vaterlandes möge an die Zen­tralgewalt und die Nationalversammlung dringend die Bitte richten, unverzüglich mit aller möglichen Energie kraft ihrer unbeschränkten Vollmacht und erhabenen Mission, das Werk der Ausgleichung und Versöhnung der erbitter­ten Parteien vor allen andern ergreifen und vollenden zu wollen.

Deutschland.

tt Wiesbaden, 2. Nov. Wir lesen in einem Frankfurter Klatte:Eine Adresse von 109 Bürgern des Herzog!. nassaui­

schen Dorfes Anspach an die Nationalversammlung unter­stützt den bekannten Antrag deS Abgeordneten Rühl und ver­langt:daß das besser unterrichtete Volk die Wahlen den übelunterrichteten revidire. Jetzt erst weiß es, auf welches Grundlagen es sich neu konstituiren muß; und es geht dabei merkwürdiger Welse weder von Systemen, noch von Erfahrun­gen fremder Völker und dergleichen aus, sondern es hat den Willen und Muth, seinen eigenen Weg zu gehen und seine eigene Geschichte zu machen.""

Wer mag den guten Anspachern wohl diese Adresse beige­bracht haben? Anderwärts ist man allgemein der Ansicht, daß die Massen gerade seit dem März durch alle Thatsachen den schlagendsten Beweis geführt haben, daß sie ihren eigenen Weg nicht gegangen sind. Vielleicht macht man in Anspach, Amts Usingen, eine rühmliche Ausnahme, obgleich uns obige Adresse gerade für das Gegentheil zu sprechen scheint.

*** Usingen, 1. November. Nachdem der am 19. Septem­ber von der Synode des Bezirks Ufigen und Reichelsheim ge­wählte Ausschuß einen Entwurf für eine freie Verfassung der Kirche hatte drucken lassen und für eine gehörige Verbreitung desselben in allen Gemeinden gesorgt hatte; so wurde gestern wird, rum eine Sitzung gehalten und voraussichtlich wird heute die Synode ihr Werk beendigen. Der Ausschuß hat das auf ihn gesetzte Vertrauen glänzend gerechtfertigt und einen meister­haft ausgearbeiteten Entwurf geliefert.

Derselbe besteht aus 38 Paragraphen, wovon 15 zur Ab­stimmung kamen und mit geringen Veränderungen angenommen wurden. Da die Protokolle in dem Kirchenblatte sicherlich werden abgedruckt werden; so ist es unnöthig auf Einzelheiten einzugehen. Auffallen aber mußte es, daß, obgleich drei Geistliche fehlten und nicht nur die Hauptkirchen, sondern auch die Filialkirchen durch gewählte Abgeordnete vertreten waren, woraus eine bedeutende Majorität für die Nichtgeistlichen ent­steht, es dennoch einem Abgeordneten ein Dorn im Auge war, daß überhaupt Geistliche in der Versammlung sich befanden. Leider wußte aber dieser Abgeordnete nicht darauf zu antwor­ten, obgleich er sich durch seine Vertretung der äußersten Linken als Volksmann aufthun wollte, als ihm die Frage vorgelegt wurde, was er wohl würde gemacht haben, wenn es ihm obgelegen hätte, einen Entwurf für eine Verfassung der Kirche auszuarbeiten.

Die Synode erklärte, daß es nicht ihre Aufgabe sey, den Beschwerden vieler Gemeinden über Regierungsverfügungen, wodurch Kirchspiele getrennt und gewöhnlich die Besoldung nicht mit dem Dienste vergeben wurde, sogleich abzuhelfen, sie nahm cs aber als Beschluß an, daß Regierungsverfügungen, gegen welche von vornherein protestirt wurde, nicht gültig seyen.

Heute kömmt die interessanteste Debatte über die Wahl der Geistlichen vor. Der Entwurf weist die Anstellung dersel­ben einem gewählten Ausschüsse zu, er vertheidigt also eine indirekte Wahl. Wahrscheinlich wird diese auch angenommen werden, da die Gemeinden voraussehen, daß sie bei den schlechten Psarrbesoldungen, die sich meistens im Amte Usingen finden, nur die Wahl zwischen den Geistlichen hätten, welche die vermögenderen Gemeinden übrig ließen.

L. Mainz, 1. Novbr. Nach den blutigen Ereignissen des 18. September in Frankfurt hätte man glauben sollen und dürfen, kein Mann von Kopf und Herz werde den tiefen Ein­druck, den solche Greuelthaten auf jedes redliche Gemüth ma-