Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
M 192.
Mittwoch den 23. Oktober
1848
Uebersicht.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag). — Elbing (UnruhigeAuftritte).
— Wien (Einschließung der Stadt durch die Truppen).
Frankreich. Paris (Das Kriegsministerium. Tagesnachrichten).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Deutschland.
Frankfurt. Verhandlungen der Nationalversammlung vom 23. Oktober. (Fortsetzung.)
Zuerst tritt Reit ter von Prag auf. Die Bewegung in Wien sey eine nationale, keine demokratische. Sonst hätte man die Truppen nicht zurückgehalten, sonst wären die Minister nicht im Amte geblieben. Auch Latour's Ermordung sey keine demokratische That. Daß aber der Reichstag die Vollziehungsgewalt in die Hand genommen, sey den Umständen nach unvermeidlich geworden. Wider die demokratische ■ Tendenz des Reichstags spreche auch die Wahl Pillersdorfs zum ersten Vizepräsidenten. Nenne man die jetzige Theilnahme der Aula an der Regierung „Anarchie", so sey sie wenigstens I nicht neu und nicht allein in Wien vorhanden. Wie könne sonst Lobkowitz Proklomationen durch einen Kreishauptmann erlassen, ohne Minister des Kaisers zu seyn! Die Aula sey demokratischen Anforderungen mit Entschiedenheit entgegen getreten und aus Wien entflöhen die Einwohner nicht aus Furcht vor dem Wiener Volke, sondern aus gerechter Furcht vor Jellachich und dessen Horden. Wozu hätten die czechischen Studenten Kanonen mit Blumen bekränzt, die zur Bekämpfung Wiens abgeführt worden seyen, wie wäre die Spaltung in das österreichische Heer selbst eingedrungen, wenn bie Bewegung keine nationale wäre? Das „etwa" bei den in Frage gestellten deutschen Interessen des Mehrheits-Gutachtens muß Reitler daher für einen Irrthum erklären. Es sev eine „Schmach", daß man Rußlands Hülfe zur Unterdrückung deutscher Bewegungen — (Unterbrechung. Der Vorsitzende warnt vor Aeußerungen, die einen Ordnungsruf zur Folge haben müßten) in Anspruch nehmen wolle. Reitter erklärt, daß er nicht aus die Versammlung den Verdacht der russischen Hülfsordnung wälze, aber die O.-P. -A.-Ztg. schreibe in diesem Sinne — „und es sey zu beklagen, daß diese Zeitung nicht besser überwacht werde."
l Maifeld: Daß Jellachich's Bewegung eine deutsch- : feindliche sey, dazu hätte es nicht erst des Beweises bedurft, daß er die deutschen Fahnen von den kaiserlichen Schlössern ; habe reißen lassen. Ganz Wien werde man doch nicht für «lauft halten von ungarischem Gelde und ganz Wien stehe unter den Waffen. Der Redner schildert hierauf in einem äußerst burlesken Tone die Stellung Jellachich's zu den österreichischen Wirren , indem er den Ban mit einem Taschenspieler vergleicht. Was wolle er in Wien, als die Freiheit morden? Maifeld räth zwar zur Annahme des Mehrheitserach- ‘ lens, aber mit dem Zusatze, daß alle in Oesterreich befindlichen österreichischen Truppen sofort unter die ausschließlichen Befehle der gesetzlichen Organe, mithin des Reichstags gestellt werden.
Berger kann nicht begreifen, wie die Mehrheit des Aus- ; schuffes die Politik des Reichsministeriums zu billigen vermöge, I und der erstattete Bericht sey so lückenhaft als zerstreut. Der russische Gesandte, v. Medem, habe den ungarischen Ständen Ais einem russischen Armeekorps gedroht, wenn die Ungarn die Leitha überschritten. Dann verspottet Berger die Reichs- l kvmmiffäre für Oesterreich, ihre langsame Reise, ihre Prokla- ' Nation. Demokratischer Natur sey aber die Wiener Bewegung Erdings und dessen freue er sich, denn wenn die Demokratie bei den Slawen wäre, bei den Deutschen aber nur ein niedri- Stteö Maß von Freiheit, so würde er es (hört! hört!) mit ; dm Slawen halten. (Unwille rechts und in der Mitte, lmks Bravo.) (Schluß folgt.')
In Elbing kam eS am 15. Okt. bei der Feier des Geburtstages des Königs zu beklagenswerthen Auftritten. Ein Schreiben von dort, das der berliner National- Mtung berichtet, gibt dem Preußenverein geradezu die Schuld. Meser habe nach Beendigung der Bürgerwehrparade seinen
Festzug gehalten und gleich darauf hätten die Tumultuanten angefangen, die Entfernung der deutschen Fahne vom Rathjause zu fordern. Die Behörden gaben nach, nahmen aber, um das Dekorum doch einigermaßen zu retten, gleichzeitig auch die preußische Fahne ab. Eine angeregte Illumination war n Betracht der Herrjchxnden Cholera vom Magistrate zwar nttweise untersagt worden; die Partei des Preußenvereins setzte aber dennoch eine Illumination durch und Drohungen, zegen die Nichtilluminirenden gerichtet, erzwangen die Beleuchtung der meisten Häuser. Von der Bürgerwehr, erst auf den Abend um 6 Uhr bestellt, hatten sich nur 200 M. eingestellt. Einzelne Trupps derselben, die zum Schutz einiger angegriffenen Häuser^abgesch^ckt waren, zeigten die größte Hingebung und trotz ihrer Erbitterung doch eine löbliche Zurückhaltung.
Der Steinhagel, welcher aus dem Haufen der meist müßigen Zuschauer fiel, wurde lange ertragen, obgleich mehr als die Hälfte der Mannschaft von demselben und zum Theil gefährlich, getroffen worden. Erst als Bitten, Ermahnungen, Drohungen nicht ausreichten, wurde mit dem Bayonnett und der Büchse eingeschritten. Aber des Tumultes konnte die Bürgerwehr nicht Herr werden; sie mußte an zwei Punkten sich zurückziehen. Da wurden die Husaren requirirt, außer den Rekruten gegenwärtig nur 40 M. Diese säuberten in einer halben Stunde die Straßen. So viel man bis jetzt weiß, sind drei Bürgerwehrmänner bedeutend verwundet; drei Tumultuanten getödtet, drei andere tvdtlich verwundet. Heute (das Schreiben datirt vom 16. Okt.) rüsten sich die Zimmer- und Maurergesellen zu neuem Kampf. Aber es ist schon eine Kompagnie Jäger zur Hülfe eingerückt, und es wird dem Kampfe hoffentlich vorgebeugt werden.
Wien, 20. Oktober. (F. I.) Wien ist von heute an förmlich zernirt; von allen Seiten ist die Zufuhr abgeschnitten, ohne daß von irgend einer Provinz eine nachdrückliche Hülfe geboten würde. Wien ist in diesem Augenblicke ganz sich selbst überlassen und doch ist daselbst noch keine Spur von Entmuthigung zu finden. Es herrscht nur eine Spannung, mit welcher man dem Ausgange dieser Wirren entgegensieht. Man spricht von einer Proklamation, in welcher den Wienern von dem Kaiser die Bedingungen des Friedens vorgezeichnet werden; man will wissen, daß zu diesen Bedingungen: Beschränkung der Presse und Auflösung der akadem. Legion gehören.
Frankreich.
□ Paris, 21. Oktbr. Kriegsminister De Lamoricière erlitt gestern Abend einen sehr empfindlichen Schlag. 503 von 762 Stimmen der Nationalversammlung haben seinen Antrag auf Verschiebung der Debatte über Abschaffung oder Aenderung des Militärersatzwesens (Artikel 107 der neuen Verfassung) verworfen. Da dieses Votum eine gänzliche Niederlage des Lamoricière'schen Reformplanes voraussetzen läßt, so mag hier ein Wort zur Erläuterung dieser neuen Kabinetsfrage wohl am Platze seyn. Lamoricière's neues RekrutirungSgesetz will zwar nicht ganz das preußische System einführen (indem es die Ersatzbefugniß für Reiche beibehält), aber es will den Silberertrag dieses Menschenhandels in die Hände des Staate S leiten und einen Fonds daraus bilden, aus welchem Prämien für alle diejenigen Soldaten gezahlt würden, die nnch Ablauf ihrer Dienstzeit neuen Dienst nähmen. Aber Die Majorität, die bei diesem Handel stark interessirt ist, wird schwerlich darein willigen, daß sich der Staat an die Spitze dieses infamen Industriezweiges stelle.
Thiers tritt als der erbittertste Gegner aller Anträge âuf Abschaffung des MilitârloskaufrechtS in der Nationalversammlung auf. Dieser Eifer hat seine klingenden Grunde. Doöne, Schwiegervater des großen Dialektikers, kaufte im Jahre 1836 bei Gelegenheit der spanischen Jnterventionsfrage 16,000 Elsäßer, in der Hoffnung, sie für hohe greife bei der vermutheten Mobilmachung los zu werden. Thiers war damals Minister, fiel aber mit diesem Schacher und sammt seinem- Portefeuille durch und verlor enorme Summen. Diese und ähnliche Verluste erklären seinen Eifer.
Im Marine-Ministerium sind Berichte vom Senegal den 23. August eingetroffen, laut welchen die Nachricht vom Sturze