Einzelbild herunterladen
 

im Stillen dem Herrn Vogt Recht gegeben, als er von derf Tribüne sagte:Ich sehe die Freiheit nicht." Jawohl, meine Herren, soweit ist cs beinahe gekommen, daß man die Freiheit nicht mehr zu sehen vermag. Die Bürger sind eingeschüchtert, Keiner wagt gegen einen Verbrecher Zeugniß zu geben, und wer Zeugniß gibt, verfallt einem geheimen Vehmgericht, an welches zu glauben ich alle Ursache habe. Die Festung der Freiheit bleibt aber dieselbe, ob sie von Süd oder Nord ange­griffen wird, und die Männer, welche sie vertheidigen, bleiben dieselben, ob sie auch von dem nördlichen Walle nach dem süd­lichen hineilen, um die Mauern zu vertheidigen. Und wenn der Feind anlangt in falscher Uniform, was in der politischen, wie in der soldatischen Kriegsgeschichte häufig als Strategie geübt worden, und wenn er sich meldet als ein Angehöriger der Besatzung, so ist es Pflicht des Befehlshabers der Festung, zu schauen, ob auch der anrückenbe sogenannte Fre"ud wirklich ein Freund sey, und wenn er entdeckt, es stecke unter dem be­freundeten Tuch ein feindlicher Geist, so muß er seine Waffen brauchen gegen diesen anrückenden falschen Freund, wie wir die Waffen gegen Diejenigen, welche jetzt unter dem Namen der Freiheit anrücken gegen die Festung der wahren Freiheit. Mögen sie nicht zu viel vertrauen darauf, daß der Name die That heiligt! Ich wiederhole, die alte Tyrannei ist wieder im Anzuge, wenn auch unter neuem Namen, und wer die Freiheit vertheidigen will, der stehe mit uns zusammen gegen diese mo­derne Tyrannei! (Bravo.) Auf-das Materielle der verlie- genden Sache gehe ich nicht ein. Ich glaube, es ist durchaus nicht Sache der Versammlung, die Gründe eines Gerichtshofes zu prüfen, das ist Sache des Gerichts allein, und wir würden allerdings einUrtheil" fällen, wie dieser Ausdruck Herrn Vogt entschlüpft ist, wenn wir auf diese Gründe eingingen. Wir haben aber kein Urtheil zu fällen, wir haben nur zu er­klären, hier soll kein Privilegium gelten. Wenn ein Mitglied dieses Hauses die schweren Verbrechen begangen hat, wegen welcher cs jetzt angeklagt ist, so soll es vor demselben Richter stehen und in demselben Maße, wie der geringste seiner Mit­bürger. Diese Gleichheit vor dem Gesetze müssen Sie selbst wollen, und wahrhaftig, als ich heute Morgen in diesen Saal trat und mich als Redner einschreiben ließ, habe ich gestaunt, daß Mitglieder von dieser Seite (links) gegen den Antrag auf Untersuchung sich einschreiben ließen. ^i e, die selbst bei der Debatte über die Zentralgewalt der Reichsverweser nicht unverantwortlich haben wollten, Sie wollen jetzt selbst unver­antwortlich seyn? Sie wollen dem Richter nicht Rede stehen? Sie sind doppelt verantwortlich, denn wenn ein gewöhnlicher Mann auf die Pfingstweide tritt, und reizt zu Verbrechen an, wie sie am 18. September erlebt worden, so haben seine Worte das Gewicht nicht, als wenn ein Mitglied dieses Hauses vor die Menge tritt, welche in den Mitgliedern dieses Hauses Leute von politisch höherer Bildung erwartet. Um so weniger darf dieses Haus die Mitglieder aus seiner Mitte, welche solcher Verbrechen bezüchtigt werden, dem Richter entziehen.

(Schluß folgt.)

Die politische Bedeutung der Wiener Ereignisse.

Ein Oesterreicher, der in der Pauskirche sitzt, schreibt in der Allgemeinen Zeitung folgendes über die Zustände an der Donau: Der Eindruck der Wiener Ereignisse aus die Parteien in der Paulskirche war, wie allenthalben, ein gewaltiger, wenn auch, nach ihrer Färbung, aus ganz entgegengesetzten Auffassungspunkten. Die ertrem-demokransche Partei jubelt darüber, ihr scheint mit dem Siege der Revolution in Wien ein weites und fruchtbares Feld für die nächste Zukunft er­öffnet, sie sieht die Republik in Wien für so gut als proklamirt an, und damit die nahe Verwirklichung ihrer Zielpunkte in ganz Deutschland gesichert. Allein sie ist im Irrthum. Die Republik hat in Wien noch ebenso wenig Boden, ja weniger als im Mai; denn der gesammte Mittelstand, der in der Na­tionalgarde begriffen ist, haßt die Republik, und der Mittel­stand ist es, der den Sieg der Revolution in Wien entschie­den hat. Ebenso feindlich steht unsern Ultras der Wiener Reichstag sammt seiner Linken entgegen, und mit lauter Bei­stimmung des.Volkes hat er das konstitutionelle Prinzip als unumstößliche Basis seiner ferneren Wirksamkeit verkündet.

Die extrem-konservative wie die entschieden konservative Partei hingegen legt ihrer Anschauung des 6. Okt. in Wien den Frankfurter Aufruhr vom 18. Sept, zu Grunde. Bezahl­tes Gesindel, korrumpirte Soldaten und jugendliche Hitzköpfe

haben sich, sagen sie, von elenden Wühlern und ungarische«' Golde aufwiegeln lassen. Sey die erste Gluth etwas abge­kühlt und schreite dann das Militär nur energisch ein, so kehre alles wieder in die Ordnung, und zwar in eine fester begrün­dete Ordnung zurück, als die bisherige seit dem März. Allein auch diese Parteien befinden sich in dem entschiedensten Irr­thume. Ihr Vergleich mit dem Frankfurter Septembertage ist ein total falscher; denn während in Frankfurt der Mittel­stand ganz indifferent blieb, während ein Mißgriff in der hohen Politik von den Agitatoren der Republik zum VorwandI genommen werden mußte, die rohen Massen aufzureizen, war in Wien diese Massenausreizung, waren versuchte Bestechungen an Soldaten und Bearbeitung der Arbeiter nur vereinzelte Elemente des Aufstandes, die für sich allein zu dem kläglichen Ende des 18. Sept, geführt hätten, wenn nicht im Verbände mit der akademischen Legion der Mittelstand in Masse, wenn nicht die Nationalgarde ihr Gewicht in die Wagschale gewor­fen hätte. Nationalgarde aber und Legion wird wohl niemand für gelbbestochen halten können. Die Erhebung der Bürgers wehr aber, die den Sieg des Ausstandes entschied, findet in den unehrlichen Intriguen eines Theils des Ministeriums seine Erklärung, der Monate hindurch" in offener Verläugnung seines volköthümlichen Ursprungs mit der Reaktion geliebäugeit hatte, der, zu früh auf die tschechische Mehrheit des Reichstags vertrauend, mit Absichten hervorgetreten war, die auch den gemäßigsten Freiheitsfreund mit banger Sorge erfüllen mußten,- dessen falsches Spiel mit Ungarn endlich die letzten Tage ' offengelegt hatten. Bedroht in ihrer Freiheit und bedroht in ihrer Deutschhcit, wenn Jellachich in Pesth einzog, fand bet langverhaltene Zorn der Wiener in der Hülfesendung deutscher' Truppen an das Kamarillaheer den nächsten Anlaß zum Aus­bruch. Ein Theil der demokratiscy bearbeiteten Soldaten, die Arbeitcrmasse, in ihrem besseren Theil durch Zuneigung zur akademischen Legion, in ihren dumpferen Schichten von t schlimmen Leidenschaften unb Instinkten getrieben , schloß sich an. Daß, wenn solche Elemente zusammenwirken, wenn der Muth der Gebildeten von einer politischen Idee erwärmt wird, an ihrem Vorgänge die ungebildete Masse sich erhitzt, daß dann gegenüber einer nicht allzugroßen Uebermacht der Auf­stand gelingen muß, ist natürlich. Daß aber dem Frankfurter Aufruhr eben diese Grundbedingung des Gelingens fehlte, ist; klar, und daher die konservativerseits angenommene Analogie zwischen dem 18. Sept, und 6. Okt. eine durchweg irrige und für die Parteien die sie nicht aufgeben, keineswegs ungefährliche.

Die gemäßigten Parteien endlich und leider ist ihre^ Zahl in der Paulskirche gering und besonders seit jenem elen- ä den Scptemberaufruhr in dem Maße mehr geschmolzen als rein faktiöse Opposition der beiden Seiten des Hauses, wahr-? lich nicht zum Heil des Vaterlandes, wenn auch hie und da zum Vortheil des Ministeriums überhand nimmt die ge­mäßigten Parteien richten in schwerer Sorge ihren Blick nach dem südlichen Mittelpunkte deutschen Lebens. Was soll nun werden, fragen mit ihnen die in ihrem Siege ihrer Lage wohl­bewußten Wiener. Die Antwort ist: in letzter Konsequenz ' entweder der Sieg des Deutschlands in Wien, damit aber zu­gleich die Dynastie in Frage gestellt oder der Sieg der Kama- s rilla oder gleichbedeutend des Slaventhums und damit die Vernichtung eines deutschen Oesterreichs. Beim ersten Anblick mag diese Alternative paradox klingen, wer aber die Kette der Zwischenfaktoren bis zu einer dieser Konsequenzen aufmerksam verfolgt, wird kaum an einem andern Endsatz anlangen. Daß aber all das Blutige und Verderbliche, all die Gräuel und all der Ruin Unbeteiligter, daß alle die Gefahren für Zivili­sation und Freiheit, die am Wege zu einer Endkatastrophe liegen, daß sie, sowie diese selbst nur durch das rasche Ein­schreiten einer überwiegenden Macht ausgehalten werden kön­nen, durch das Eingreifen der deutschen Reichsgewalt, das ist wohl jedem Denkenden klar. Jetzt hat die Zentralgewalt, jetzt das Reichsministerium eine ernste Probe zu bestehen, hier kann das Vertrauen, wo es durch die Dänensache erschültm ist, zehnfach wieder eingetauscht werden. Zugleich das deutsche Oesterreich für Deutschland zu sichern und der Wiener Be­wegung seinbis hieher und nicht weiter" zuzurufen, das die Aufgabe, die das Ministerium zu lösen hat eine Aus­gabe, die nur durch halbe, einseitige oder kurzsichtige Maß­regeln verdorben werden könnte, die aber gelingen muß, wenn Hr. v. Schmerling entschieden und energisch, wenn er von einem höhern politischen Standpunkte, als dem gewöhnlicher Administrativpraris aus seine Anordnungen trifft. Das aller­dings fchwere Gewicht der Verantwortlichkeit in dieser großen Sache wird die Gemäßigten in der Paulskirche geben nW auf, es zu hoffen das Reichsministerium nicht Niederdrücken,