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Nassauische
Allgemeine Zeitung
M 191
Dienstag den 2L. Oktober
18^8
fit ben Umfang
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PrLnumerationSpreiS ist in Wiesbaden 8 fl., m den Umfang des HsrzvglhumS Nassau, des Grvßher^ogthumö und KmfurstenthllmS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt fmkfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebieteS 8 fl. 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige hlitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- rirtS bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Hede des Abgeordneten F. Bassermann.
Die politische Bedeutung der Wiener Ereignisse.
Deutschland. Wiesbaden (Attentat auf den LandtagSabgeordheten
Zollmann). — VondcrLahn (Desgleichen). — Dillenburgs Evan
gelische Spezialsynode). — Berlin (Die BestattungSfeierlichkeit. Die
Taktik der Klubbs. Der König). — Wien (Herabnahme der deutschen
Wne in Schönbrunn. Rückgängige Bewegung der kroatischen und nn- gnischeu Armee).
ssmikreich. Paris (Aufhebung des VelagernngSzustandeS. Die Geld- knßS. Aus Italien. Vermischtes).
Wien. Von der italienischen Gränze (Die ungarische» Soldaten in Radetzkys Armee).
èprechsaal für Stadt und Land.
Rede des Abgeordneten %. Bassermann
in der ReichStagS-Schung vom IG. Oktober.
Bassermann von Mannheim: Meine Herren! Ich mde dem Wunsche und der Aufforderung des ersten Redners ^sprechen, ich werde weder verdächtigen, noch anklagen, noch «siegen, obschon weder er, noch sein politischer Freund, der lsiii diese Stelle verließ, dieser Aufforderung genügt hat. Dinu eine Verdächtigung ist es, wenn hier gegen die Organe Presse ausgesprochen wird, sie seyen erkauft. Ja, es ist «hr, es ist eine Anschuldigung. Ist es keine Verdächtigung, nm man hier wagt, einem Gerichtshof vorzuwerfen, er Wie nicht aus juristischen, er handle aus politischen Grün- M Ist es etwa keine Verdächtigung, wenn man, wie neu- erst geschehen, von derselben Seile der Zentralgewalt vorerst, sie habe absichtlich die Barrikaden am 18. September Wheu lassen, um sie nachher niederschießen lassen zu können, ich frage, dient es etwa nicht zur Aufregung, wenn der geordnete Vogt gleichsam höhnisch und mitleidig von dieser «lammlung sagt, sie werde keinen Konvent abgeben können? Pächter auf der Linken.) Wahrlich, meine Herren, daß Sie Gruber lachen können, ist mir für Sie ein trauriger Beweis. ; nt es nicht zur Aufregung, wenn hier, da man von Waf- Z^walt sprach, der gefährlichste aller Grundsätze aufgestellt Md, „was Einem recht sey, sey dem Anderen billig!" Eines recht seyn im Staate, und der Widerstard dagegen un-
W, sonst könnte mit demselben Recht der Mörder auf der Kratze sagen: Ich stoße mit gleichem Rechte den Dolch in ' s Zsust, mit dem der Landjäger daher kommt, das Gesetz n Ismer Waffe zu schützen. (Einige Stimmen: Sehr aut! Muhe auf der Linken.)
Das ist aber eben der Fehler unserer Zeit, unserer un« . ittelbaren, Gegenwart, daß man an Worte sich hält,.und - m ätzt unterscheidet; daß man zwischen Revolution w Revolution, zwischen Aufregung und Aufregung keinen ( lttjchied macht, und nicht fragt, gegen was der Widerstand Mn was die Aufregung, woher der Sturm, und wohin er bläst. . n 'm Frühjahr 1848 ein System von 33 Jahren gestürzt deßhalb glaubt man nun, Alles stürzen zu sollen, was die K ' tveil die Waffengewalt oder die Aussicht darauf und davor uns die Freiheit gebracht, glaubt man nun, Anwendung der Waffen, jede Gewaltthat sey gerechtfertigt.
Jie, wenn ein Gewalthaber in früherer Zeit, wenn > ' u) will beim Kleinsten beginnen, seine Banden geschickt
hätte vor die Wohnung eines Bürgers, dessen Gesinnung ihm unlieb, wenn er dessen Wohnung bedroht und verletzt hatte, wenn dieß systematisch geschehen wäre gegen Bürger einer und derselben Gesinnung, die dem Gewalthaber mißfällt, was würden wir Alle gethan haben? Wir würden Alle geklagt haben über die Verletzung der Freiheit. Und geschieht jetzt nicht dasselbe , wenn auch im Namen der Freiheit? Wenn aber die Person, die dem Machthaber im Wege stand, ein Vertreter des Volks, wenn gar gegen einen Abgeordneten in einer gesetzgebenden Versammlung Drohungen ausgesprochen und Gewaltthaten verübt worden wären, meine Herren, hätten wir nicht Mile gerufen: Hier ist die ärgste Tyrannei, sie muß vernichtet und beseitigt werden, im Nothfalle durch Gewalt? Und wenn diese Verfolgungen straflos geblieben wären, hätten wir nicht überall ausgesprochen, überall, wo daS Wort vergönnt ist, und haben wir es nicht früher Alle gethan, daß dann kein Freiheit besteht, daß Unterdrückung waltet, und die Tyrannei triumphirt? Und jetzt, wo Dasselbe geschieht, wo eS fast täglich zu lesen ist, wie hier die Wohnung eines Abgeordneten zertrümmert, wie er verfolgt wird, wo man bis zur Gewalt gegen die Majorität der Volksvertretung sich erfrecht, um die Minorität zur Herrschaft zu bringen, jetzt sollen dieselben Frevel im Namen der Freiheit geschehen? jetzt soll die Tyrannei nicht mehr Tyrannei seyn, weil sic von anderer Seite kommt? jetzt soll DaS Reaktion seyn, was man früher als Wahrung der Freiheit betrach, tet und gepriesen hat? Meine Herren! Wir lassen uns nicht irre machen durch das Wort Reaktion. Wenn die Aktion darin besteht, daß man die Freiheit der Meinung durch Gewaltthaten einschüchtern und vernichten will, wenn die Aktion dahin treibt, wo man vor eilf Jahren in Hannover unter Hrn. v. Scheele war, der auch mit Minoritätswahlen regieren wollte, oder unter Herrn v. Abel, oder unter dem alten nassauischen Negimente, daS durch fünf Abgeordnete Steuern verwilligen ließ, wenn die Aktion,' sage ich, darin besteht, daß man zu demselben alten Mittel der alten Tyrannei zurückgreift, und die Minderheit als den Willen des Volkes proklamirt, dann, meine Herren, ist die Re-Aktion gegen diese Aktion das größte Verdienst, und wenn ich in diesem Sinne den Namen Reaktionär verdienen sollte, werde ich ihn mir zur Ehre rechnen. (Beifall.) Und nun, nachdem diese Erscheinungen von Niemand geleugnet werten können, nachdem es so weit gekommen, daß Justizbeamte an ihre Regierungen berichten mußten, sie könnten dem Gesetze keine Achtung Mehr verschaffen, das Verbrechen sey frei und die Freiheit werde von der Masse so verstanden, daß man thun könne, was man wolle, auch das Entsetzlichste, wie der Mörder des Latour in Wien vielleicht auch geglaubt hat, er habender Freiheit gedient, als er in den Saal der Studenten trat mit der blutigen Eisenstange und zweimal fragte: „Habe ich nicht recht gethan?" Meine Herren! Ich frage, ist Das die Freiheit, ist Das das Symptom eines gesunden Zustandes, daß unter den jungen Leuten kein Einziger es wagte, mit Entrüstung „Nein" zu sagen, daß der Mörder frei den Saal verlassen durfte? Meine Herren! Wenn wir die Freiheit so meinen, daß das Verbrechen frei sey, dann freilich gehen, wie Herr Vogt sagt, die Wellen hoch, dann freilich ist cs Zeit, die Segel einzuziehen, dann allerdings bleibt nichts mehr übrig, als wie Wrangel die Flinten zu laden und die Schwerter zu schärfen, um die Freiheit zu schützen vor dem Untergänge in Tyrannei mit neuem Namen. (Lebhaftes Bravo rechts und in der Mitte.) Darum habe ich aber auch neulich