1 Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 190» Sonntag den 22. Oktober L8â8.
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Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem' belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., ßr den Umfang des Her^ogthuins Staffan, des Großhâzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 Lr. —Inserate werden die dreispaltige Mzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- i-jrls bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Neueste Nassauische Kammer-Kuriositäten.
Sie englische ZeitungSpresse über die Wiener Revolution.
Deutschland. Weilburg (Preßprozeffe. Die Untersuchung wegen des ersuchten Zuzuges nach Frankfurt). — Frankfurt (Reichstag. Der j Belagerungszustand aufgehoben). — Bern bürg (Ein „erekutiver" Landtag). — Bra unschweig (Ein Volksredner und die Arbeiter). — B e r- liu(Die Vereinbarung der Verfassung. Die Erzesse. Erklärung der Kanalarbeiter., Minister-Präsident 'Pfuel). — Aus Schlesien I (Die demokratische Presse über den deutschen Reichstag). — Wien (Ans- ileibeu der Post vom IG. Detailschilderung der Kanipfaustalten und der gegenseitigen Stellungen. Die Stärke der heranziehenden Truppen).
^ Neueste Nassauische Kammer- Kuriositäten.
I.
Unsere Abgeordneten haben in den letzten Wochen ihres Hierseyns eine nicht zu bestreitende, ganz ungewöhnliche Thä- lizkeit entwickelt, und eine nicht geringe Anzahl ihrer Vorgehen Gesetzesentwürfe — Gemeindegesetz, Wechselordnung, Gesetz über Einkommensteuer und über Kapitalrentensteuer zur Erledigung gebracht (in welcher Weise, behalten wir uns vor, Wer unten an einzelnen Beispielen zu erläutern). Nichts Rechter daher, als das immer allgemeiner gewordene Verben nach Beurlaubung der Kammer in Masse, welche denn " in allseitiger Zufriedenheit, wie es scheint — nunmehr auch «folgt ist.
Dieser Schritt erschien um so nothwendiger, als nach und N immer mehr Stimmen sich über die immensen Kosten des MtGs, Hinausziehen der Geschäfte durch unnütze pour par- h zum Zwecke verlängerten Diätenbezugs, und vor Allem as müßige Umerschlendern, resp. Fahren einer großen Zahl "geordneter, vernehmen ließen.
. Alle diese — wie es sich von selbst versteht, an und für $ schon unbegründeten Vorwürfe hätten nicht besser beseitigt ’^en können, als durch die neuesten Schritte der Kammer, An dieselbe hat vor ihrer quasi Selbstvertagung nur die zur Weitung der noch unerledigten Geschäfte nothwendigste Zahl Mieder Mückgelafsen, und dazu — neben billiger Berück- Migung der Vermögens- und Familienverhältnisse und etwa 'Erstehenden unangenehmen Empfangs in der Heimath — na- "Muh auch alle diejenigen Mitglieder gewählt, welche die Fama vorzugsweise als Freunde der Diätengelder und ,tä dolce far niente bezeichnet hatte, woraus jedoch natür- sonst nichts, als ein weiterer Beweis für die politische Hife des hiesigen restdenzstädtischen Publikums folgt, welches y einsieht und begreift, daß ein Volksabgeordneter von ech- "l Schrot und Korn heut zu Tage ganz andere Sachen zu als Budgets zu revidiren, Berichte auszuarbeiten e Ausschußsitzungen beizuwohnen; genug, daß in denselben wet von uns" anwesend ist, der dann bei der Abstimmung W^irt, und dem die übrige gesinnungstüchtige Schaar rosten Muthes folgt. Die eigentliche Aufgabe des echten (usabgeordneten ist die „hohe Politik", und die kann man 1 Reisen nach Mainz, Hochheim, Höchst und Frankfurt frechenI Die Kammer hat daher durch die vorzugsweise
Wahl der bezeichneten Abgeordneten für den zurückbleibenden Ausschuß keinen geringen Beweis ihrer politischen Einsicht einestheils und ihres Gerechtigkeitsinnes anderntheils gegeben, indem sie sämmtliche Abgeordnete, welche, wie gesagt, im Gerüche des „übergroßen Fleißes" standen, zur Strafe des ferneren unausgesetzten Diätenbezugs und zur Arbeit bei den noch nicht berathenen Gesetzesentwürfen verurtheilt hat, eine Strafe, die besonders bei denjenigen Abgeordneten von dem besten Erfolge hätte seyn müssen, welche ausschließlich zu Mitgliedern des Ausschusses für die Bearbeitung der noch ungeborene n Verwaltungsorganisation gewählt worden waren, indem dieselben voraussichtlich vier Wochen lang ohne alle Beschäftigung das hiesige Pflaster, resp, das der genannten benachbarten Städte getreten hätten. Diese unangenehmen Aussichten sind nun leider durch das unzeitige Auftreten des „Volksboten" Zollmann in der letzten Sitzung vereitelt worden, auf dessen Antrag die Kammer doch nicht umhin konnte, auch diesen, bisher so schwer belasteten Volksmännern eine wohlverdiente vierwöchige Ruhe zu gönnen! „Volksbole" Zollmann aber sehe sich vor; Hohn und Gelächter von seinen Kammer *vis â vis erwarten ihn künftig in noch höherem Grade wie bisher, und noch würhendere Blitze, gleich in der Sitzung sir und fertig fabWirt dem Redakteur übergeben, wird künftig die „Freie" gegen ihn schleudern!
Die englische Zeitungspreffe über die Wiener Revolution.
Der „Standard" beginnt drastisch genug über die Wiener Katastrophe: „Rebellen und Meuchelmörder herrschen in der Hauptstadt Oesterreichs. Noch einmal hat der Kaiser seine Person durch die Flucht in Sicherheit gebracht, und Wien ist der Sorge des Reichstages anheimgegeben und den Mördern und Räubern überlassen, welche dessen Autorität anerkennen und ihre eigene ausüben. Graf Latour, der Kriegsminister, wurde auf brutale Weise von den Freunden des Fortschrittes und der aufgeklärteren Bildung gemordet. Der unglückliche Minister wurde aus seiner Amtswohnung herauSgezerrt und in den Straßen mit Aerten, Hämmern und Keulen todtgeschlagen, wie ein toller Hund."
Der „Standard" findet es unter diesen Umständen sehr natürlich, daß der Kaiser seine „geliebten Wiener" sich selbst überlassen habe, sindet auch das Manifest, welches er vor seiner Abreise ausgehen ließ, äußerst vernünftig, „eines ge- scheitern Mannes würdig, als der Kaiser zu seyn im Rufe steht." Wenn es heiße, das Eigenthum sey von den „frivolen" Wienern geachtet worden, so frage sich, ob das Eigenthum achten heiße, wenn man Waffenläden bestiehlt, Zeughäuser plündert und Alles, was Einem in den Weg kommt, als sein Eigenthum behandelt, um es zur Errichtung von Barrikaden zu verwenden? Es sey zwar in Wien, wie überall auf dem Festlande, wo die Revolution ihr Banner aufgepflanzt: die Freunde der Ordnung bildeten die überwiegende Mehrheit, Die Verschwörer die Minderheit, aber diese allein besäßen Energie, so ständen jene vor letzteren, wie tausend Schaafe vor einem halben Dutzend grimmiger Hunde.
Folgt nun eine warme Lobrede des altösterreichischen patriarchalischen Systems, doch mit der Bemerkung: es habe sich bei diesem System erwiesen, daß es nicht genug sey, für