Nassauische
Allgemeine Zeitung.
H«8. Freitag den 2«. ©stöber 1848.
tb
)tt ist I» te, as 5o
IV
8 10 li ll. 'tl d.
v d x
I
Die Nass. ANg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 8 fL, p den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Ziankfurt S fl. »«» fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes « fl. 40 fr. —Jusera te werden die dreispaltige $mt;eile oder deren Raum mit 8 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- «irts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Sie schwebenden Ereignisse.
Arbeiter-Unruhen in Berlin.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Heidelberg (Die -rothen
-Republikaner und die Soldaten). — A achen (Wilh. Smets f). — Aus
Bayern (Bayerische Pläne). — Altenburg (Seltsamer Antrag). — Berl i n (Der König), — Wien (Die Ungarn und Kroaten. Verschiede«! Versuche friedlicher Ausgleichung. Berichtigung in Betreff des jungen Achnowsky. Vorpostengefechte. Ausgleichungen). — Prag (Böhmische Truppen gegen Wien).
Donaufürstcuthümcr. Jassy (Proklamaton des General Lüders).
* Die schwebenden Ereignisse
Wir leben gegenwärtig in einem Augenblicke nicht sowohl lü schwebenden Politik, als der schwebenden Ereignisse.
Was ist aus der verwickelten schleswig-holsteinischen Frage Worden , von der man noch vor wenigen Wochen glaubte, hn Entscheidung müsse demnächst ganz Europa erschüttern? èie schwebt, sie ruht, ja sie ist schier vergessen. Vor einem Monate kaum schlug man sich die Köpfe blutig darob, und hte denkt kein Mensch mehr an diesen monströsen diploma- lischen Knäuel, außer etwa noch — die Diplomaten.
Wie steht es mit der italienischen Vermittelung? Dachte ioch Jeder, hier ^müsse die Mine springen, durch welche die Re Welt in's Schwanken gerathen könne; — es ist stille ge- dnben. Die Franzosen haben sich vor ein paar Tagen noch ^rciuf gespitzt, daß die Wiener Ereignisse ihnen ein Mittel giben würden, mit dem alten Radetzky fertig zu werden — und ihn Alpenarmee soll so prachtvoll gerüstet, aus lauter Kern- iMen zusammengesetzt seyn — aber mittlerweile hat die Prä- MMschaftsfrage und die Ministerkrisis den Parisern selbst ^eder den Kopf verrückt; sie haben auf Wochen hin alle Hände voll zu thun, daß Ordnung im eigenen Hause bleibe — ® die italienische Mediation wird wieder eine Weile ein# schlafen.
, Was hatte man nicht Alles von der chaotischen Gährung ^Berlin erwartet! Glaubte man doch, dort wenigstens müsse ein Ertrem das andere verschlingen. Aber Wrangel hat seinen Säbel, die Demokraten haben nicht ihre rothe ätze in die Wagschaale geworfen. Das Ministerium Pfuel- jvnhof trat dazwischen, um mit einem ministeriellen Hand- steich abermals die, sämmtlichen Gegensätze in der Schwebe halten. Wie lange das andauern wird? — Genug, daß 18 eben schwebt!
. Selbst in Wien, wo doch einige Tage die Thatsachen sich Mollien wie einem Mährchen, müssen wir Aehnliches er- «en. Jehachich ist geschlagen von den Ungarn? O nein, es >nt nur ein taktisches Ausweichen, um die Entscheidung für .Wrn einstweilen in der Schwebe zu halten. Aber vor den Men Wien's wird es zur Entscheidung kommen? Ich be- chle es. Der erste Augenblick des Losschlagens ist auf bei- . Zechen vorüber. Würde man so zögern, wenn es hüben drüben Ernst wäre, den Knoten zu zerhauen? O nein! ■r n âvgert , man temporisirt, man hat bereits schwebende ^"'lachen geschaffen. "Schon dachten wir Alle, die Krisis sey das kranke Oesterreich gekommen, es müsse sich entscheiden,
ob überhaupt dieses buntscheckige Länderkonglommerat sähig sey, in die einheitliche deutsche Reichsverfassung einzutreten, ob es slavisch sey oder deutsch? Keineswegs! Diese Frage, welche wir mit so peinlicher Angst gelöst wünschten, weil an ihr vielleicht alle die edlen Wünsche für ein großes, starkes, einiges Deutschland in Trümmer gehen, diese Frage ist abermals eine schwebende geworden!' Und ist nicht sogar das Gefühl, mit welchem wir die Wiener Ereigniffe hinnehmen, eben so gemischt, eben so schwankend, wie die Vorfälle selbst zusammt ihren Motiven? Deutsch und anarchisch — slavisch und unter die Strenge des Gesetzes! Wer wagt es, zu Einer dieser Alternativen entschieden Ja oder Nein zu sagen, ohne einen Verrath an dem Vaterlande zu begehen, oder an der Freiheit!
, Und wie mit der äußeren Politik, so ist es auch mit der inneren. Nie war die Zeit ungewisser. Wer kann prophezeien, was heute über's Jahr aus seiner engeren Heimath geworden ist? Jst's unsern Ministerien, unsern Kammern so arg zu verübeln, wenn ihre Politik eine lahme, eine schwankende wird? Weiß doch keiner, der da säet, wer es ârndten mag; weiß doch keiner von den 38 kleinen Steuerleuten, auf welches Ziel er eigentlich Hinsteuern soll, da es der große Reichssteuermann selber noch nicht weiß. Im Frühjahre, als wir den ersten Schritt gethan, glaubten wir, nun sey Alles schon fir und fertig, und jetzt sehen wir allmählich erst ein, daß wir in Jahrzehnten noch nicht fertig seyn können.
Auch die Parteien sind gelähmt, selbst die, welche am meisten Energie besitzt, die demokratische. Es ist jetzt die erste große Pause eingetreten nach so langen Gewaltsanstrengungen. Wie lange wird sie währen?
Ich überlese meine Worte noch einmal und finde-Fragezeichen in allen Zeilen. Ja, das ist das Eigenthümliche der dermaligen Zustände, daß, wenn man einen Artikel über dieselben schreibt, schier jeder Satz mit einem Fragezeichen enden muß!
Arbeiter-Unruhen in Berlin.
(Oberpostamts - Zeitung.)
Berlin, 16. Okt. Ein blutiger Arbeiteraufstand ist heute hier ausgebrochen! Die Zahl der Todten ist nicht unerheblich, der Verwundeten bedeutend. Der Hergang der Sache, wie ich ihn aus dem Munde eines Arbeiters erfahren habe, ist nicht, wie man irrthümlich selbst hier annimmt, Fortsetzung der am Donnerstage ausgeführten Zertrümmerung der am Kanale vor dem Dresdener Thore aufgestellten Dampfmaschine, sondern folgender: Arbeiter am besagten Kanale, 40 bis 50 Mann stark, haben so viel Geld zusamittengebracht, um sich eine neue Fahne beschaffen zü können, mit der sie die Arbeiten an einem neuen Schacht eröffnen wollen. Sie ziehen damit von einem Schacht zum andern, lassen Arbeiter und Schachtmeister hochleben. Am Ererzierhause, Ausgangs der Schäfergasse, angekommen, treten sie in dasselbe ein. Hier hat ein Bataillon Bürgerwehr harmlos seine Uebungen gemacht. Die Arbeiter bringen der Bürgerwehr ein Vivat aus. Der Hauptmann, nicht aufgelegt, sich den Zudringlichkeiten dieser Leute auszusetzen, ersucht sie, das Ererzierhaus zu verlassen. Ein Arbeiter dringt mit seinem Stock auf den Hauptmann ein und fährt vor dessen Gesicht damit hin und her. Die Langmuth ermüdet dadurch nicht. Als aber offenbarer Hohn eintritt, müssen sich die Arbeiter zurückziehen. Sie greifen zu