Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
M 187. Donnerstag den 19. Oktober 18^8.
U e b e-r s i ch t.
Wiener Zeitungslügen.
Deutschland. Frankfurt (Nachrichten aus Wien. Unfall auf der Hanauer Eisenbahn. Die stebenbürgischen Sachsen). — Berlin (Das ‘ Wahre ait den Wiener Ereignissen).
Frankreich. Paris (Krisis in den oberen Regionen. Tagesnachrichteu).
Wiener Zeitungslügen.
Ein Wiener Korrespondent der O.-P.-A.-Z. gibt folgende Zusammenstellung großartiger Lügen über die neuesten Vorgänge :
Nicht zwei Kürasßerregimcnter, nicht einige Grenadierbataillons und Infanterie vergaßen ihren Eid, sondern die Schaar österreichischer Krieger, welche in Wien ihre Pflicht »vergaß (es ist notorisch, daß die Mannschaft größtentheils in trunkenem Zustande war, als sie sich gegen den Nordbahnhof in Marsch setzte), beschränkte sich auf ungefähr den dritten Theil eines 700 Mann starken Grenadierbataillons, wovon bis heute aber schon der größte Theil den begangenen Fehltritt schwer bereuend, sich wieder bei der Fahne einfand, so daß nur ein kleiner Rest von zirka 50 Mann noch hier ist, nicht aber um zu kämpfen, sondern um auf der Aula fortwährend sim trunkenen Zustande erhalten zu werden, welche Beschäftigung höchstens durch triumpharliges Herumführen der irregeleiteten treu- I losen Soldaten in der Stadt unterbrochen wird.
Eben so unwahr sind alle Nachrichten von den Zuzügen I der Bauern aus dem Marchfeld und den 1500 Schützen aus I Steyermark; die Bauern des MarchfeldeS, welche im gewöhn- I lichen täglichen Verkehr Lebensrnittel in die Stadt brachten, I empfingen dort Waffen, mit denen sie jedoch in ihre Heimath I Mückkehrten, um ihr Hab und Gut gegen etwaige Angriffe 1 der Proletarier zu vertheidigen.
Der Zuzug aus Steyermark beschränkt sich aber auf 90, I sage: neunzig Schützen und Studenten unter dem gleich nach I den Märztagen in Grätz aufgetretenen Wühler Dr. Emperger. 11 Eine weitere schändliche Lüge, deren Ausstreuung man sich sehr j angelegen seyn ließ, war es, daß der Kaiser auf der Flucht I von Wien von den Bauern auf seiner Reiseroute angehalten I und nach Wien zurückgebracht worden sey; denn schon bei I Purkersdorf, eine Post von Wien entfernt, und von da weiter I hatten sich die Wiener Bewegungsmänner leicht überzeugen können, daß Wien nicht Oesterreich ist; denn schon da haben die Bauern, ebenso wie auf der ganzen Route durch Oesterreich, j Unit davon, mit manchem Gelehrten in Wien die Abreise des Kaisers aus seiner allerdings unruhigen Residenz zu tadeln, I dieselbe vielmehr als vollkommen recht erkannt und sind vor ihrem unter dem Schutze treuer Soldaten fliehenden Monar- I Hen, seinen Segen erbittend", auf die Kniee gefallen. Sonderbar, auch diese Thatsache sand ich in keinem Wiener I Journal.
Was wäre von der braven Armee des treuen Banus noch I übrig, wären alle die Siege wahr, welche die Magyaren über I ihn errungen haben sollen? Und doch steht er, nicht mit 2000 I ittlumptem, zusammengerafftem Gesindel, sondern mit 12,000 I Mann kampflustiger, kernhafter Truppen vor Wien und er- I wartet in wenigen Tagen seine Verstärkung auf mehr als 1 50,000 Mann. Alle diese Siege, von denen wohl Niemand I etwas wissen kann, weil noch gar kein Gefecht zwischen dem ■ ^Mus und den Magyaren stattgefunden, bilden eine der un- I ^rschämtesten Lügen der neueren Zeit, obwohl diese Nachricht I Runde durch eine Menge Wiener Journale gefunden hat. I wahrscheinlich finden es jedoch dieselben überflüssig, diese Un- I Wahrheiten zu widerrufen, weil der Allarm durch alle Straßen I ^ms geschlagen wurde, als man von den Thürmen aus die I Avantgarde des Banuö'anrücken sah. Man könnte versucht " werden, den Muth des Bangs nach den ihm von den Magya- I"" beigebrachten gänzlichen Niederlagen zu bewundern, daß er auf. der Flucht mit seinen feigen Horden so ruhig zwischen H zwel fürchterliche Feinde sich wagt, zwischen die helbenmüthige I akademische Wiener Legion und das von Kossuth dekretirte
Heer von 300,000 Mann, welchem auch noch die von Kossuth dekretirten 40 Millionen Gulden, nach Abschlag der für allerlei besondere Zwecke verausgabten, noch zu Gebote stehen. Eine Lüge ist es, wenn man behauptet, daß der größte Theil der Einwohner Wiens sich nach jener Freiheit sehnt, welche man jetzt dort genießt; die „Wiener Zeitung" mag darauf antworten, wenn sie es darf, oder vielmehr, wenn sie es wagt.
Es ist unwahr, daß die dermaligen Vertheidiger Wiens die Mittel zu einer kräftigen Vertheidigung besitzen, denn sie haben das kaiserliche Zeughaus wohl größtentheils geplündert, ja sogar die dort aufbewahrten Trophäen, aus den früheren ruhmvollen Kriegen des Vaterlandes, verschleppt: ja man genießt hier sogar den komischen Anblick, viele Mitglieder der akademischen Legion mit den im Zeughause aufbewahrt gewesenen Kürassen gepanzert durch die Gassen Wiens umhersteigen zu sehen; indeß zu dem von dort auf die Wälle transportirten schweren Geschütze fehlt ihnen — die Munition; denn es ist glücklicherweise gelungen, sämmtliche MunitionS- und Pulver- vorräthe von der sogenannten Türkenschanze, aus den Depots auf der Seilerstadt und im Wiener Stöckel zu retten, und wie bekannt, enthalten die Kasernen keine Munitionsvorräthe, da die Mannschaft die beihabenden Patronen (60 per Mann) in der Patrontasche bei sich führt; auch ist die Wiener Nationalgarde weit davon, in ihrer ganzen Stärke die Sache des Proletariats und der akademischen Legion zu vertreten, denn nur etwa 30 Kampagnien derselben sind als verführt zu bezeichnen; die gestimmte Nationalgarde der Stadt und der größte Theil jener der Vorstädte sehnt sich nach Ruhe, nach einem gesetzmäßigen Zustande, in welchem Sinne auch die wichtigsten Gebäude und Etablissements in der Stadt, wie die Nationalbank, die Staatsschuldenkasse, die Sparkasse u. f. w. von ihr bewacht werden, Es wäre wohl eine zu schwere Aufgabe, wollte man die Unzahl Lügen, womit man Leichtgläubige auf allerlei Wegen bethört, mnd endlich unglücklich macht, widerlegen, welche wir aber mit einigen Wahrheiten trösten wollen.
Deutschland.
Frankfurt, 18. Okt. Erzherzog Stephan ist hier angekommen.
Frankfurt, 17. Oktober. Vollkommen verbürgten Nachrichten aus Brünn vom 13. d. M. zufolge, war'das Hoflager Sr. Maj. des Kaisers am 12. zu Sellowitz in Mähren; am 13. wollte Se. Majestät in Wijchau übernachten und am darauf folgenden Tage in Ollmütz eintreffen, wo der Kaiser vor der Hand verbleiben wird. Am 12. war auch schon Minister Baron Wessenberg in Ollmütz angelangt. — Aus derselben zuverlässigen Quelle erfahren wir, daß aus Böhmen 10 Bataillone, ungefähr 10,000 Mann gegen Wien gerückt sind.
Am Abend des 16. d. M. hat sich hier in dem Frankfurt- Hanauer Bahnhof ein Unglück ereignet. Im Augenblick deS Abgangs des letzten Zuges, 8 Uhr Abends, fiel ein Kondukteur, Weiter von Frankfurt, von einem Wagentritte, gerieth unter denselben und fand, indem acht Räder über seinen Kopf gingen und denselben zermalmten, den Tod. (F. I.)
Frankfurt, 18. Okt. Der Adresse des deutschen Jugendbundes in Siebenbürgen an die akademische Jugend Deutschlands, unterzeichnet vom Obmann Pfarrer Roth und vom Schriftführer Stud. jur. Schenker (Gränzboten 1848 Zahl 41) entnehmen wir folgende Nachrichten über die Zustände der Deutschen in Siebenbürgen. Der 1437 zwischen Magyaren, Szeklern und Sachsen geschloffene Bund hat den Sachsen ungemein geschadet, da immer zwei Stimmen gegen ihre eine sich vereinigten. Zu den höchsten Stellen gleichberechtigt, ist nur einmal, durch Gunst der Kaiserin Maria Theresia, ein Sachse, Freiherr v. Bruckenthal, Statthalter deS Landes gewesen. Der Landtag von 1794 nahm ihnen die Curiatstim- men und gab den verwandten Stämmen der Ungarn und Szekler ein noch größeres Uebergewicht. Die Sachsen als Protestanten und Bürgerliche, fanden an dem von Pfaffen und Adeligen belagerten Hofe in Wien für ihre Klagen kein Gehör. Der Staatsbankerott von 1811 hat jedes tausend Gulden
9