Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 187» Donnerstag den 19» Oktober 1848»
Die Nau. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S^fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Grvßherzogtbums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. SO kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Peiitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- «arts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Das Gegenparlament in Berlin.
Die Zustände in Wien.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag).— Weilburg (Die Dienstwohnungen der Beamten). — Mainz (Störung des Bürgervereins). — Frankfurt (Die Zahl der Abgeordneten). — Kreuznach (Truppenlager).— Aus Baden (Die Lage des Landes). — Berlin (Aeußerungen lei Königs). — Hamburg (Die Anfänge der deutschen Flotte). — Königsberg (Dr. Rupp f). — Wien (Neueste Nachrichten). — Innsbruck (Kaiserliche Stimmung der Tyroler).
Rußland. Von der russisch-polnischen Gränze (Rußland und Radetzky).
Das Gegenparlament in Berlin.
Drei Abgeordnete zur sächsischen zweiten Kammer, Helbig, Evans und Tzschirner sind in diesen Tagen in Berlin gewesen, M in Gemeinschaft mit Ruge und andern Verbündeten die Einleitung zu einem Parlament aus Mitgliedern der Linken von unserem Reichstage in Frankfurt und von den einzelnen totalen zu treffen, das gegen Ende dieses Monats in Berlin zusammentreten soll. Tzschirner und andere sind als- dann nach Frankfurt gereist, um dort bei den Parteigenossen dar weitere zu betreiben.
Kommen sie so zahlreich zusammen, wie sie berechnen, so werden sie als Vorparlament sich in Permanenz erklären, den Reichstag in Frankfurt und die durch den Willen der Nation dort versammelten Abgeordneten in die Acht thun, und auf ihre Faust allgemeine Wahlen ausschreiben, mit der Vestim- wung, baß die Gewählten sofort ihre Stelle in dem Vorparlament einnehmen sollen.
Sobald die Versammlung sich stark -genug hält, wird sie als Nationalkonvent sich koustituireu, einen Vollziehungsaus- einsetzen, jede Regierung und jede Abgeordnetenkammer, ttwlche dessen Souveränität nicht anerkennt, absetzen und auf- lâsrn, jeden Widerstand als Hochverrat!) ahnden und den Schrecken walten lassen. Und das werden sie thun im Namen
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, und damit es einen Wen Klang habe, wollen sie es Republik nennen.
Solchen Anschlägen gegenüber gilt es rasch und kräftig handeln. Das Vaterland ist in Gefahr und fordert von leinen Vertretern, daß sie ihre Pflicht thun. Die National- ^tfnmmlung in Frankfurt ist mit der souveränen Macht von «er Nation bekleidet, unser deutsches Reich neu zu gestalten. Eiet ihr Männer unserer Wahl, ehe der Grund unter uns iUlainmenbricht. Gründet die Verfassung und legt die Gesetzgebung bei Seite. Werdet nicht müde euren anvertrauten Pö- to zu bewahren, ergreift jedes parlamentarische Mittel der Waffen Verzettelung eurer Verhandlungen entgegen zu wir-
Damit werdet ihr den Dank der Gegenwart und der Fachwelt verdienen. Und unser Reichsministerium, bleibe sich Mußt, daß jeher Schritt, den es zur Verwirklichung der Weit Deutschlands, zur Erhaltung seiner errungenen Freies"- zu Heil und Ehren des Vaterlandes thut, von Millionen Kutschen mit Jubel begrüßt wird. Möge es muthig und vandhaft handeln, und im Vereine mit dem Reichstage für "ier Recht gegen die Anarchie kämpfen. Und mögen die unzelregierungen eingedenk seyn, daß nur der innigste Anschluß
1 ^e Zentralgewalt ihnen und dem Volke an dessen Spitze
sie stehen Heil bringen kann. Das rufen wir vor allem Preußen zu; wenn die preußische Regierung nicht ohne allen Rückhalt der Zentralgewalt sich unterorbuet, so geht Deutschland und mit ihm Preußen dem Untergang entgegen: wenn Preußen aber wahrhaft in Deutschland ausgeht, ist unserem ganzen Vaterlande eine große Zukunft gewiß. An alle aber geht die Mahnung: seyd gerecht, und eben darum unerbitter- lich gegen alle, welche wider den Willen der Nation und die Nationalversammlung, welche sie eingesetzt hat, sich empören.
Die Zustande in Wien.
Wien, 12. Okt. (A. Z.) Wir fuhren vorgestern Abends um 6 Uhr von Prag ab mit einem Eisenbahnzug, der wieder viel Militär führte, das jedoch, weil der Reichstag verboten hat, daß Militär auf der Nordbahn nach Wien befördert werde, sämmtlich spätestens in Gänserndorf abgesetzt wurde. Wir glauben uns nicht zu irren, wenn wir die Tschechen, welche auf dem Bahnhof und vor der Dtadt an der Bahn entlang standen und den Abzug der Truppen nach Wien (aus einem doppelten Grunde) mit Jubel begrüßten, auf mindestens 10,000 Menschen schätzen. „Lebt's wohl, Jager!" rief sogar das Volk zutraulich, das sich auf den nächsten Stationen wie bei einer festlichen Gelegenheit versammelt hatte. In Prerau stand, in einen Mantel gehüllt, an der Eisenbahn ein Bauer mit einem ernsten, verständigen Gesichte, der sich als einen mährischen Abgeordneten des Wiener Reichstags zu erkennen gab. Journalisten „von der rechten Seite", sagte er, seyen vor dem Sitzungssaal zu den Bauern gekommen, und hätten ihnen gerathen, nur so bald als möglich die Stadt zu verlassen, damit die Beschlüsse des Reichstags keine gesetzliche Kraft haben könnten; man wolle eine provisorische Regierung, „-das is so wie a Republik," setzte der mährische Bauer treuherzig hinzu. Darauf habe er sich aufgemacht und sey zu Fuß bis Wagram geflohen. Bald sammelte sich eine Anzahl slavischer Landleute um ihn, die in wollene Decken eingehüllt waren; sie sahen einander trübselig, mit klagender Miene an, bis endlich ein Offizier der Wiener Nationalgarde unter sie trat, der sich schon im Wagen als einen eifrigen Tschechen zu erkennen gegeben hatte, und anfing, böhmisch zu reden, worauf das Gespräch sehr lebhaft fortgesetzt wurde. Die Deutschen, welche sich mit um den mährischen Abgeordneten versammelt hatten, traten nun bescheiden zur Seite. Da zog ein Mediziner den Hut vom Kopf und zeigte uns, wie er die schwarze Feder, das Abzeichen der akademischen Legion, unter demselben verborgen hatte; er hatte sich bei der ersten Nachricht von den Wiener Ereignissen aus einem Winkel Böhmens aufgemacht, um „für die deutsche Sache" zu kämpfen. , ,
Mit ganz entgegengesetzten Gedanken mochte eine Anzahl Prager Studenten nach Wien fahren, welche Windisch-Grätz zur Strafe für den Pfingstaufstand der Tschechen in Uniformen gesteckt hatte. In Gödingen batte bis vor kurzem Besatzung gelegen, weil hier die ungarischen Husaren, aus den mährischen Städten kommend, schaareuweise mit Sack und Pack über die Gränze nach Ungarn hineingegangen waren. In der Nähe von Gödingen sahen wir auch wirklich hinter einem Weiven- gebüsch, an dem wir vorbeifuhren, vorsichtig einen einzelnen ungarischen Husaren mit rothen Hosen halten. Schwerlich wird er den Truppen, von denen die ganze Gegend besetzt war,